Fazit vorab: da dürften noch einige Unternehmen ähnliches erleben, solange kein erfahrener kaufmännischer Vorstand da ist, sondern nur "Ingo "kauf mich" Endemänner":
Biodata nach Wertberichtigung überschuldet
Sonderprüfung ergibt Korrekturbedarf von über 40 Mill. Euro - Zahlungsunfähigkeit droht - Aktie bricht ein
hei Frankfurt - Die Biodata Information Technologie AG ist überschuldet. Zudem droht die Zahlungsunfähigkeit. Dies teilte das Unternehmen als Ergebnis einer Betriebsprüfung durch einen selbst beauftragten Wirtschaftsprüfer ad hoc mit. Dieser habe einen Wertberichtigungsbedarf von "deutlich mehr als 40 Mill. Euro" festgestellt. Der Vorstand sucht nunmehr Investoren.
Der Anbieter von Security-Softwarelösungen ist damit nach eigenen Angaben überschuldet. Die Biodata-Aktie, Nemax 50-Wert und einer der Stars unter den IPOs des vergangenen Jahres, wurde vor der Mitteilung ausgesetzt und brach nach Wiederaufnahme des Handels bis zum späten Nachmittag um 70,8 % auf 0,56 Euro ein. Der jetzt festgestellte Wertberichtigungsbedarf stehe im Zusammenhang mit "erheblichem Abwertungsbedarf" bei Anteilen und Ausleihungen sowie Forderungen an verbundene Unternehmen, heißt es ohne nähere Erläuterung in der Ad-hoc-Mitteilung. In der Summe ergebe sich bei den Abwertungen ein Betrag von mehr als 30 Mill. Euro, der vor allem die Folge von nicht werthaltigen Forderungen von Biodata-Tochtergesellschaften sei. Zudem seien "Unregelmäßigkeiten bei der Umsatzrealisierung" von Töchtern festgestellt worden. Aufgrund der Vorgänge drohe zusätzlich zur Überschuldung die Zahlungsunfähigkeit, heißt es weiter.
Nachdem sich Biodata noch zur Jahresmitte für den weiteren Verlauf ungebrochen optimistisch gezeigt und vollmundig von "profitablem Wachstum mit Umsatzsteigerungen im dreistelligen Prozentbereich" gesprochen hatte, wartete der IT-Sicherheitsspezialist mit einem geradezu desaströsen dritten Quartal auf.
Anstelle von Zuwächsen legte die Gesellschaft unmittelbar nach Quartalsende Anfang Oktober einen um knapp die Hälfte auf 3 bis 3,5 (i. V. 6,8) Mill. Euro eingebrochenen Umsatz vor. Umsatz und Ertrag seien deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben, hieß es nun. Auch im Gesamtjahr würden die Erlös- und Ergebnisziele "deutlich verfehlt". Damals war bereits von drohenden zusätzlichen Belastungen über 10 Mill. Euro aufgrund von Abschreibungen auf Forderungen und Vorräte die Rede gewesen. Überdies musste Biodata damals einen gemeldeten Großauftrag im Volumen von 20 Mill. Euro als nichtexistent zurückziehen. Dies erinnert fatal an ebenfalls nicht existierende Großaufträge der Insolvenzfälle Infomatec und Metabox.
Leere Kasse
Die liquiden Mittel waren per Ende September mit nur noch 7 Mill. Euro angegeben worden. Inzwischen sollen es nur noch 1,9 Mill. Euro sein. Diese sollten jedoch nach Angaben des Vorstands ausreichen, um die Restrukturierung über die Bühne zu bringen. Gründer und Hauptaktionär Tan Siekmann, der direkt sowie über seine Familie noch 54 % der Anteile hält, stellte damals seinen Posten als Vorstandschef zur Verfügung und wurde in dieser Funktion bisher nicht ersetzt. Dafür genehmigte sich das Unternehmen allerdings die Schaffung zweier neuer Vorstandsressorts für Technik und Organisation, die mit Harald Glück und Christian Kanja besetzt wurden.
Damit ist der Vorstand insgesamt vierköpfig. Hauptaufgabe der neuen Vorstandstruppe war nun die Umstrukturierung des Konzerns, die parallel zur Sonderprüfung vorangetrieben wurde.
Das Sanierungskonzept müsse nunmehr an die "neuen Erkenntnisse angepasst" werden. Neben weiteren operativen Veränderungen werde die Suche nach Investoren "intensiviert". Der Nachrichtenagentur Reuters sagte ein Sprecher, das Unternehmen habe 21 Tage Zeit, um Investoren zu finden und die Gläubiger zu einem Forderungsverzicht zu bewegen. Er nannte Schulden von 13,5 Mill. Euro aus einer Wandelanleihe sowie weitere Verbindlichkeiten in nicht genannter Höhe.
Biodata war im Februar 2000 als profitables Unternehmen unter Führung von ABN Amro an die Börse gegangen. Die Aktie wurde zu umgerechnet 15 Euro (Split 1 : 3 am 3. April 2001) am oberen Ende der Bookbuildingspanne ausgegeben. Bereits nach der Gewinnwarnung Anfang Oktober waren die Investoren in Scharen aus dem Nemax 50-Papier geflüchtet.
Börsen-Zeitung, 31.10.2001