Wir alle wussten, dass es soweit kommen wird. Wir befinden uns
nicht erst seit gestern im Krieg, sondern bereits seit dem 11.
September, denn zu diesem Zeitpunkt erfolgte die Kriegserklae-
rung der Terroristen an die zivilisierte Welt. Es war klar, dass
daraufhin ein Gegenschlag erfolgen wird.
Vorgestern abend, genau 25 Tage nach dem verhaengnisvollen Ter-
roranschlag, starteten die USA die ersten Militaeraktionen zur
Bekaempfung des Terrorismus. Die ersten Militaerschlaege verfol-
gen dabei den Zweck, die militaerische Infrastruktur des verbre-
cherischen Taliban-Regimes zu schwaechen sowie die Camps der
Terroristen zu zerstoeren.
Die militaerische Strategie der Amerikaner dabei ist offensicht-
lich. In der ersten Stufe werden die Luftabwehrstellungen der Ta-
liban vernichtet. Daraufhin koennen die US-Flugzeuge weitgehend
gefahrlos tiefer fliegen und Militaerstellungen der Taliban somit
differenzierter angreifen. Sobald die militaerische Infrastruktur
der Taliban weit genug geschwaecht ist, wird der Einsatz von Bo-
dentruppen erfolgen. Hierbei scheiterten jedoch bereits die Bri-
ten sowie die Russen.
Es ist daher davon auszugehen, dass fuer weitere zielgerichtete
Militaeraktionen auf dem Boden nur Spezialeinheiten wie die Seals
eingesetzt werden. Der weitere Bodenkampf, der die endgueltige
Unterwerfung der Taliban zum Ziel hat, wird der Nord-Allianz, dem
innerafghanischen Gegner der Taliban, ueberlassen werden. Iran,
USA und die Russen, sowie Aserbaidjan und Usbekistan, denen die
Taliban selbst ein Dorn im Auge sind, unterstuetzen die Nord-Al-
lianz hierbei durch Militaerberater und insbesondere durch um-
fangreiche Waffenlieferungen.
Die parallel vorangetriebene psychologische Kriegsfuehrung setzt
durch Abwurf von dynamogetriebenen Radios und Flugblaettern auf
die Aufklaerung der afghanischen Zivilbevoelkerung. Hierbei soll
der Zivilbevoelkerung verdeutlicht werden, dass sich der Krieg
nicht gegen das Volk richtet, sondern lediglich gegen das ver-
brecherische Taliban-Regime, das den Terrorismus unterstuetzt.
Hierbei haben die Taliban in der Vergangenheit eine manipulative
Propaganda-Maschinerie durch das der Zivilbevoelkerung auferlegte
Verbot von Fernsehen und Radio etabliert, das nun durchbrochen
werden muss.
Da 95% der afghanischen Zivilbevoelkerung die Taliban selbst has-
sen, da diese durch ihre Schreckensherrschaft unsaegliches Leid
ueber ihr eigenes Volk brachten, sollte die psychologische
Kriegsfuehrung erfolgreich verlaufen, zumal sie von umfangreichen
humanitaeren Hilfslieferungen begleitet wird.
Die USA haben in den letzten beiden Tagen jedoch viel gebombt und
recht wenig getroffen, so dass man im Militaerjargon nachbessern
musste. Diese Nachbesserungen werden sich noch ueber Monate hin-
wegziehen, denn weder die Terroristen noch die Taliban stellen
eine statische Streitmacht dar. Das Taliban-Militaer ist eine
Armee auf dem Pick-Up mit leichten Waffen, die in Minutenschnelle
hinter dem naechsten Busch eine neue Stellung errichten koennen.
Ebenso wie die Terroristen, deren Trainingscamps aus Wellblechba-
racken und Zelten bestehen, binnen Stundenfrist auf dem naechsten
Berg errichtet werden koennen. Hierbei wird schnell ersichtlich,
dass der ersten militaerischen Schwaechung der Taliban-Militaer-
struktur schnell eine zukunftsfaehige, politische Nachfolgerege-
lung folgen muss. Das entstehende Machtvakuum muss gefuellt wer-
den - und zwar mit einer Regierung, die das Land wirtschaftsori-
entiert zurueck in den Frieden fuehren wird.
An dieser Stelle muss aufgefuehrt werden, dass die eben geschil-
derten Militaeraktionen als erste Stufe der Strategie lediglich
die erste und einfachste Komponente in der Terrorbekaempfung dar-
stellt. Anschliessend muss durch verstaerktes wirtschaftliches
Engagement der westlichen Laender in derartigen Krisenregionen
mit erheblichem Eskalationspotential dafuer gesorgt werden, dass
die Instabilitaet der Region nachhaltig beseitigt wird.
Hierbei duerfen von den Westmaechten nicht wie bisher vorder-
gruendig wirtschaftliche (Kuwait) und militaerisch-strategische
(US-Unterstuetzung Bin Ladens in Afghanistan zur Verhinderung des
russischen Zugangs zum Schwarzen Meer vor 10 Jahren) Interessen
verfolgt werden, sondern es muss hierbei die dauerhafte wirt-
schaftliche Stabilisierung der Krisenregionen im Vordergrund ste-
hen.
Nur so kann der Saat der Gewalt der Boden entzogen werden, denn
fanatische Gesinnung gedeiht nur auf dem Boden der total verarm-
ten Zivilbevoelkerung. Wichtig ist, dass unterjochte Voelker wie
die geschundene afghanische Zivilbevoelkerung nicht mehr in Ver-
gessenheit geraten, nur weil sie nicht von wirtschaftlichem In-
teresse fuer die westliche Welt sind.
Wenn ein Volk dieser Erde extreme Not leidet, wirft dies lang-
fristig auch Risiken fuer die gesamte Welt auf. Die Globalisie-
rung ist vor diesem Hintergrund keine Einbahnstrasse. Bisher ge-
nossen wir nahezu ausschliesslich die Vorteile der Globalisie-
rung, nun muessen wir auch lernen, mit den weniger erfreulichen
Nebeneffekten der Globalisierung umzugehen, sowie Verantwortung
in Laendern zu uebernehmen, die fuer uns in wirtschaftlicher
Hinsicht nicht interessant sind.
Ansonsten werden uns weiterhin manipulierte, geblendete und fa-
natische Menschen aus unserer heilen Welt reissen, die mit mit-
telalterlicher Geistesgesinnung - dafuer aber mit den zerstoe-
rerischen Waffen der heutigen Technologiegesellschaft - Gewalt
verbreiten.
In einer vorab aufgenommen Video-Aufzeichnung sagte Bin Laden,
massgeblicher Drahtzieher und charismatische Leitfigur der so-
genannten Gotteskaempfer "die Amerikaner werden nicht in Frieden
leben, bis nicht auch im Nahen Osten (gemeint ist Palaestina)
Frieden eingekehrt ist. Hierbei mag die Gesinnung Bin Ladens zu-
recht noch so sehr verurteilt werden, rational und faktisch be-
trachtet hat er mit dieser Aussage jedoch in gewisser Weise den
Nagel auf den Kopf getroffen. Dies wurde mit dem WTC-Anschlag
deutlich ersichtlich.
Denn wenn die sogenannte zivilisierte Welt es zulaesst, dass die
innerpolitische Situation in Krisenregionen eskaliert, gehen wir
das Risiko ein, selbst erheblich darunter zu leiden. In einer
zunehmend globalisierten Welt wie der heutigen muessen Entwick-
lungen in Krisenregionen, die uns direkt ueberhaupt nicht oder
nur peripher interessieren, seht wohl ernst genommen werden, da
sie ein hohes Risikopotential bergen.
Hierbei haben sich die westlichen Maechte in der Vergangenheit
viele Fehler zuschulden kommen lassen. Viel zu lange wurde bei
humanitaeren und ethnischen Krisen zugeschaut, viel zu spaet
wurde eingegriffen - und wenn dann meist nur halbherzig. So zum
Beispiel im Nahen Osten, wo sich die USA nach Amtsantritt des
jetzigen US-Praesidenten Bush nahezu vollstaendig von ihrer vor-
mals noch halbwegs konstruktiven Vermittlerrolle zwischen Israe-
lis und Palaestinensern zurueckzogen.
Gleichzeitig aber ging Israel unter politischer Fuehrung des un-
erbittlichen und im eigenen Land zunehmend umstrittenen Hardli-
ners Sharon mit amerikanischem Kriegsgeraet wie bspw. Apache-
Hubschraubern weiter gegen die total verarmte palaestinensische
Zivilbevoelkerung vor. Diese gerade in den Augen der Palaesti-
nenser undifferenziert pro-israelische Haltung der Amerikaner
verstaerkte den Hass gegen die USA als Feindbild Nr. 1 in der
gesamten Region deutlich. Ob dies nun berechtigt ist oder nicht,
ist unerheblich, der eskalierende Hass kann nicht verwundern. Und
letztendlich ist es nur dieser Hass, der den Terrorismus in die-
ser Form erst ermoeglicht.
Aber auch dem israelischem Volk muss adaequates Verstaendnis ein-
geraeumt werden, denn sie haben unabhaengig von unserer Ein-
schaetzung, dass mit dem haeufig als Kriegstreiber titulierten
Sharon die politische Fuehrung des Landes voellig fehlbesetzt
ist, tagtaeglich viele unschuldige Menschenopfer durch Selbst-
mordattentate zu beklagen. Dass hierbei Ueberreaktionen entste-
hen, die dem Teufelskreis der Gewalt weiter Vorschub leisten,
kann ebenfalls nicht verwundern.
Dieser Konflikt kann nicht ohne neutralstaatliche Kontrolle und
Reglementierung behoben werden. Auch wenn dies insbesondere in
Deutschland unangenehme Tabuthemen tangiert, muessen sich die
westlichen Staaten zusammenschliessen, um entschieden und auto-
ritaer jede weitere Eskalation des Nah-Ost-Konflikts neutral-
staatlich zu vermeiden. Dass die Israelis dies als Einmischung
betrachten ist verstaendlich, als souveraene Militaer- und Wirt-
schaftsmacht hat sich Israel aber bisher nicht in der Lage ge-
zeigt, diesen Konflikt zu loesen, so dass sich der eskalierte
Nah-Ost-Konflikt mittlerweile nicht nur zu einer substanziellen
Gefaehrdung Israels, sondern auch zu einem allgegenwaertigen Ri-
sikofaktor fuer die gesamte westliche Welt entwickelt hat.
Beispiele, bei denen die westliche Welt so lange passiv zuge-
schaut hat, bis die Eskalation bereits unaufhaltsam fortgeschrit-
ten war, gab es bereits genug. Dass diese Krisenregionen dann zu-
saetzlich noch mit Sanktionen belegt wurden, welche erfahrungsge-
maess nur die Situation der Zivilbevoelkerung verschlimmern - de-
ren Hass von den despotischen Machthabern dann noch besser fuer
ihre Zwecke ausgenutzt werden kann - ist mehr als kontraproduk-
tiv.
In diesem Zusammenhang halten wir die Abloesung der Taliban fuer
unbedingt erforderlich, da dieses verbrecherische Regime sowohl
die eigene Zivilbevoelkerung unter religionsuebergreifender Zuwi-
derhandlung jeglicher ethischer und moralischer Prinzipien aufs
Grausamste unterjochte als auch dem Terrorismus eine Bleibe bot.
Dem kommt eine wichtige Signalwirkung an andere Laender, die dem
Terrorismus Zuflucht bieten, zu. Dies wird in absehbarer Zeit
auch der Irak mit seinem despotischen Machthaber Saddam Hussein
zu spueren bekommen. Es geht viel weniger darum, Gerechtigkeit im
Hinblick auf die 6.000 Opfer des Terroranschlages vom 11. Septem-
ber oder gar Vergeltung zu ueben, sondern vielmehr darum, solche
und noch verheerendere Anschlaege in Zukunft zu verhindern.
Anleger sollten sich ungeachtet des vom Terror ausgehenden Risi-
kopotentials nicht verunsichern lassen, denn das Risiko einer
nachhaltigen Gefaehrdung des Weltfriedens war zu Zeiten des Kal-
ten Krieges zu jedem Zeitpunkt substanzieller als jetzt. Damals
standen sich annaehernd gleichstarke Grossmaechte gegenueber -
heute schlossen sich diese ehemals verfeindeten Maechte, wohlge-
merkt inklusive der gemaessigten islamischen Staaten - im Kampf
gegen den Terrorismus zusammen.
Sicher besteht die Gefahr weiterer Anschlaege, richtig ist auch,
dass sich diese Gefahr nach dem Gegenschlag der USA substanziell
vergroessert hat. Hierbei muss allerdings bedacht werden, dass
das Risiko, das von einer Nicht-Reaktion (in der Militaertermino-
logie Passivitaetsrisiko) ausgegangen waere, noch wesentlich
groesser ist - denn dieses kaeme einer Einladung an die Terroris-
ten gleich, die Ermordung unschuldiger in ihrer fanatischen Ver-
blendung weiter fortzusetzen.
Geht man zu dezent und zu lasch gegen den Terrorismus vor, muss
die Gefahr einkalkuliert werden, dass demnaechst eine Mini-Atom-
bombe in einer westlichen Grosstadt explodiert oder tausende von
Menschen durch Anschlaege mit B- oder C-Waffen sterben - denn
dass die Grausamkeit der terroristischen Anschlaege lediglich
durch den Wirkungsgrad der ihr zur Verfuegung stehenden Mittel
begrenzt wird, muss seit dem 11. September jedem Menschen bewusst
geworden sein.
Geht man im Kampf gegen den Terrorismus hingegen zu rigide vor
und nimmt Opfer unter der unschuldigen Zivilbevoelkerung in Kauf,
treibt man diese zu Millionen in die Haende der extremistischen
Despoten, die urspruenglich bekaempft werden sollten. Die Brisanz
der Situation sollte die Weltgemeinschaft jedoch enger zusammen-
schweissen, einer der wenigen Vorteile, die dieser bedrohlichen
Situation mit erheblichem Eskalationspotential derzeit abzuringen
sind.