Aufstand in Nadelstreifen
Normale Zeiten sind dies nicht für Philip Purcell. In seinen acht Jahren an der Spitze der Investmentbank Morgan Stanley hat er kaum Interviews gegeben, große Auftritte sind nicht seine Sache, oft wirkt er vor Publikum hölzern und distanziert. Lieber zieht der 61-Jährige mit der großen, rundlichen Brille im Hintergrund die Fäden.
In den letzten Tagen aber hat er so viel geredet wie selten zuvor. Drei Interviews am Tag, Videokonferenzen mit Mitarbeitern, persönliche Besuche bei Großinvestoren. Er kämpft um sein berufliches Überleben – und um die Zukunft einer der feinsten Adressen an der Wall Street.
Es scheint, als habe dieser Kampf gerade erst begonnen: Am Wochenende meldete die britische Zeitung „Independant“, die Großbank HSBC überlege ein 75 Milliarden Dollar schweres Übernahmeangebot. Noch aber sei dies nur eine interne Diskussion. Dabei sehe sich HSBC als „weißer Ritter“, um die internen Probleme von Morgan Stanley zu lösen. Es zeugt von der ernsten Lage, dass die Briten einen Begriff verwenden, der sonst nur bei erbitterten Übernahmeschlachten verwendet wird.
Doch auch bei Morgan Stanley stehen sich zwei Seiten unverrückbar gegenüber. Einerseits eben Purcell, andererseits acht frühere Spitzenmanager der Investmentbank. Sie werfen dem Chef vor, das Traditionshaus wirtschaftlich in die Sackgasse gesteuert zu haben. Und sie fordern ihn in einer ganzseitigen Anzeige im „Wall Street Journal“ öffentlich zum Rücktritt auf. Und sie fordern ihn in einer ganzseitigen Anzeige im „Wall Street Journal“ öffentlich zum Rücktritt auf.
„Grumpy Old Men“, grantige alte Männer, nennt sich die Vereinigung, angelehnt an den Titel des letzten Filmerfolg der Senior-Stars Walter Matthau und Jack Lemmon. Ihr Anführer: Parker Gilbert, 71-jähriger Stiefsohn des Bankmitgründers Harold Stanley. „Die Geschäftsentwicklung der Bank lässt zu wünschen übrig. Am Ende des Tages muss der Chef dafür die Verantwortung übernehmen“, sagt der Ex-Chairman in die Kameras des Wirtschaftssenders CNBC. Verkrampft faltet er dabei seine Hände unter dem Tisch. Ganz wohl scheint er sich in der Revoluzzerrolle nicht zu fühlen.
Der Aufstand der alten Männer dreht sich jedoch nicht nur um Zahlen und Bilanzen. Gilbert und seinen grauhaarigen Revolutionären passt die ganze Richtung nicht, in die Purcell die vornehme Bank gesteuert hat. Aus dem Elitehaus drohe ein Gemischtwarenladen ohne Profil und Klasse zu werden, sagen sie.
Angefangen hat der Showdown am 3. März mit einem Brief der acht an den Aufsichtsrat von Morgan Stanley. Darin beklagen sie, dass die Morgan-Aktie in den vergangenen fünf Jahren den Kursen der Konkurrenz hinterherhinkt. Auch die unter dem Branchenschnitt liegende Eigenkapitalrendite und das geringe Wachstum prangern die Dissidenten in Nadelstreifen an.
Der Aufsichtsrat, darunter Deutsche-Post-Chef Klaus Zumwinkel, hat das Dokument mehrfach diskutiert. Am Ende sprachen sich die Kontrolleure laut Purcell einstimmig für seinen Kurs aus. Der Machtstratege bekam damit grünes Licht zu seinem Gegenschlag gegen die vermeintlichen Putschisten innerhalb der Bank. Seine externen Kritiker qualifiziert er ab als „ältere Herren, die in der Vergangenheit verhaftet sind“.
Diese Kritik führt zurück ins Jahr 1997. Damals schloss sich Morgan Stanley zusammen mit Dean Witters – die Ehe zweier Firmen mit völlig unterschiedlichen Geschäftsfeldern und Kulturen: Dean Witter entstand als Sparte des Handelsriesen Sears Roebuck und lebte vom Geschäft mit Privatkunden und der Kreditkarte Discover. Morgan Stanleys Wurzeln liegen im legendären „House of Morgan“. Dessen Chef John Piermont Morgan finanzierte das Carnegie-Stahlimperium und das Ölmonopol der Rockefellers, bevor ein US-Gesetz 1933 die Aufspaltung Morgans erzwang.
Nach der Fusion wollte mancher Investmentbanker nichts zu tun haben mit den hemdsärmeligen Verkäufern aus Chicago – und erst recht nicht mit Dean-Witter-Chef Purcell. Doch der setzte sich zur Überraschung der Finanzelite an die Spitze des Konzerns.
Der in der Mormonen-Hauptstadt Salt Lake City geborene Purcell gilt bis heute als Außenseiter an der Wall Street. Schon die Tatsache, dass er nicht in New York lebt, sondern zu seiner Familie in der Nähe von Chicago pendelt, macht ihn für die Spitzenbanker in Manhattan verdächtig. Das elitäre Gehabe und die astronomischen Gehälter der Investmentbanker scheinen ihm zuwider. Doch seine Karriere war steil: McKinsey – Sears – Dean Witter und dann die Spitze von Morgan Stanley. Dort entschied er vor vier Jahren den internen Machtkampf gegen Ex-Präsident John Mack (genannt das Messer) für sich.
Purcell sei nicht fähig, Morgan Stanley und Dean Witter zu vereinigen, klagen seine Widersacher nun. Der ehemalige Morgan-Direktor Scott Sipprelle fordert ganz offen die Aufspaltung der Bank.
Was den Aufstand der mürrischen alten Männer für Purcell so gefährlich macht, sind die Besonderheiten des Investment-Bankings. Der elitäre Club der Wall-Street-Häuser lebt vom Talent seiner hoch bezahlten und meist exzentrischen Mitarbeiter. Sie fädeln Fusionen und Übernahmen ein, hecken riskante, aber äußerst profitable Investmentstrategien aus, verdienen sich fast immer eine goldene Nase – egal, ob der Ölpreis rauf oder der Dollar runtergeht. Wer diese Talente verliert, ist mit seinem Latein schnell am Ende.
Schon hören sich die ersten Morgan-Stanley-Banker nach neuen Jobs um. „In solchen Konfliktsituationen muss man sich sehr schnell entscheiden und auf Rot oder Schwarz setzen“, sagt ein New Yorker Investmentbanker, der die Fusion der US-Banken JP Morgan und Chase miterlebte. Sie endete mit einer Abwanderungswelle guter JP-Morgan-Leute.
Der als technokratisch verrufene, kühle Stratege Purcell aber schmeißt erst mal raus, wer ihm in die Quere kommt. In einer Nacht der langen Messer drängte er mehrere Topmanager auf die Straße, die mit den „Grumpy Old Men“ sympathisiert haben sollen. Darunter der zuvor zweitmächtigste Mann des Hauses: Vikram Pandit. Der Ex-Chef des Investment-Bankings galt intern als aussichtsreichster Kandidat für den Chefposten. Zurückgetreten ist auch der Chef des Aktienhandels, John Havens. Hunderte seiner Leute verabschiedeten ihn im riesigen Handelssaal der Morgan-Stanley-Zentrale mit minutenlangen Standing Ovations – eine indirekte Kritik an Purcell.
Am Wochenende nahm Stephan Newhouse seinen Hut – nach 26 Jahren bei Morgan Stanley. Er fühlt sich übergangen, hatte Purcell doch zuvor Zoe Cruz und Stephen Crawford an ihm vorbei zu neuen Co-Präsidenten berufen. Ein Affront.
Purcell sammelt derweil seine Truppen. Der 63-jährige Altmeister des Investment-Bankings, Joe Perella, sicherte ihm Unterstützung zu – nachdem ihn Purcell zum Vize-Chairman ernannt hatte. Zur Seite gesprungen sind Purcell fünf ehemalige Spitzenmanager – allesamt Ex-Dean-Witter-Leute. Das scheint jedoch noch nicht zu reichen, um den Aufstand niederzuschlagen und den Kampf um die Köpfe und Talente zu gewinnen. Bei einem ersten Treffen der Investmentbanker mit der neuen Führungsmannschaft sollen die ersten zehn Stuhlreihen leer geblieben sein.
Quelle: HANDELSBLATT, Montag, 04. April 2005, 12:16 Uhr
...be invested
Der Einsame Samariter
Normale Zeiten sind dies nicht für Philip Purcell. In seinen acht Jahren an der Spitze der Investmentbank Morgan Stanley hat er kaum Interviews gegeben, große Auftritte sind nicht seine Sache, oft wirkt er vor Publikum hölzern und distanziert. Lieber zieht der 61-Jährige mit der großen, rundlichen Brille im Hintergrund die Fäden.
In den letzten Tagen aber hat er so viel geredet wie selten zuvor. Drei Interviews am Tag, Videokonferenzen mit Mitarbeitern, persönliche Besuche bei Großinvestoren. Er kämpft um sein berufliches Überleben – und um die Zukunft einer der feinsten Adressen an der Wall Street.
Es scheint, als habe dieser Kampf gerade erst begonnen: Am Wochenende meldete die britische Zeitung „Independant“, die Großbank HSBC überlege ein 75 Milliarden Dollar schweres Übernahmeangebot. Noch aber sei dies nur eine interne Diskussion. Dabei sehe sich HSBC als „weißer Ritter“, um die internen Probleme von Morgan Stanley zu lösen. Es zeugt von der ernsten Lage, dass die Briten einen Begriff verwenden, der sonst nur bei erbitterten Übernahmeschlachten verwendet wird.
Doch auch bei Morgan Stanley stehen sich zwei Seiten unverrückbar gegenüber. Einerseits eben Purcell, andererseits acht frühere Spitzenmanager der Investmentbank. Sie werfen dem Chef vor, das Traditionshaus wirtschaftlich in die Sackgasse gesteuert zu haben. Und sie fordern ihn in einer ganzseitigen Anzeige im „Wall Street Journal“ öffentlich zum Rücktritt auf. Und sie fordern ihn in einer ganzseitigen Anzeige im „Wall Street Journal“ öffentlich zum Rücktritt auf.
„Grumpy Old Men“, grantige alte Männer, nennt sich die Vereinigung, angelehnt an den Titel des letzten Filmerfolg der Senior-Stars Walter Matthau und Jack Lemmon. Ihr Anführer: Parker Gilbert, 71-jähriger Stiefsohn des Bankmitgründers Harold Stanley. „Die Geschäftsentwicklung der Bank lässt zu wünschen übrig. Am Ende des Tages muss der Chef dafür die Verantwortung übernehmen“, sagt der Ex-Chairman in die Kameras des Wirtschaftssenders CNBC. Verkrampft faltet er dabei seine Hände unter dem Tisch. Ganz wohl scheint er sich in der Revoluzzerrolle nicht zu fühlen.
Der Aufstand der alten Männer dreht sich jedoch nicht nur um Zahlen und Bilanzen. Gilbert und seinen grauhaarigen Revolutionären passt die ganze Richtung nicht, in die Purcell die vornehme Bank gesteuert hat. Aus dem Elitehaus drohe ein Gemischtwarenladen ohne Profil und Klasse zu werden, sagen sie.
Angefangen hat der Showdown am 3. März mit einem Brief der acht an den Aufsichtsrat von Morgan Stanley. Darin beklagen sie, dass die Morgan-Aktie in den vergangenen fünf Jahren den Kursen der Konkurrenz hinterherhinkt. Auch die unter dem Branchenschnitt liegende Eigenkapitalrendite und das geringe Wachstum prangern die Dissidenten in Nadelstreifen an.
Der Aufsichtsrat, darunter Deutsche-Post-Chef Klaus Zumwinkel, hat das Dokument mehrfach diskutiert. Am Ende sprachen sich die Kontrolleure laut Purcell einstimmig für seinen Kurs aus. Der Machtstratege bekam damit grünes Licht zu seinem Gegenschlag gegen die vermeintlichen Putschisten innerhalb der Bank. Seine externen Kritiker qualifiziert er ab als „ältere Herren, die in der Vergangenheit verhaftet sind“.
Diese Kritik führt zurück ins Jahr 1997. Damals schloss sich Morgan Stanley zusammen mit Dean Witters – die Ehe zweier Firmen mit völlig unterschiedlichen Geschäftsfeldern und Kulturen: Dean Witter entstand als Sparte des Handelsriesen Sears Roebuck und lebte vom Geschäft mit Privatkunden und der Kreditkarte Discover. Morgan Stanleys Wurzeln liegen im legendären „House of Morgan“. Dessen Chef John Piermont Morgan finanzierte das Carnegie-Stahlimperium und das Ölmonopol der Rockefellers, bevor ein US-Gesetz 1933 die Aufspaltung Morgans erzwang.
Nach der Fusion wollte mancher Investmentbanker nichts zu tun haben mit den hemdsärmeligen Verkäufern aus Chicago – und erst recht nicht mit Dean-Witter-Chef Purcell. Doch der setzte sich zur Überraschung der Finanzelite an die Spitze des Konzerns.
Der in der Mormonen-Hauptstadt Salt Lake City geborene Purcell gilt bis heute als Außenseiter an der Wall Street. Schon die Tatsache, dass er nicht in New York lebt, sondern zu seiner Familie in der Nähe von Chicago pendelt, macht ihn für die Spitzenbanker in Manhattan verdächtig. Das elitäre Gehabe und die astronomischen Gehälter der Investmentbanker scheinen ihm zuwider. Doch seine Karriere war steil: McKinsey – Sears – Dean Witter und dann die Spitze von Morgan Stanley. Dort entschied er vor vier Jahren den internen Machtkampf gegen Ex-Präsident John Mack (genannt das Messer) für sich.
Purcell sei nicht fähig, Morgan Stanley und Dean Witter zu vereinigen, klagen seine Widersacher nun. Der ehemalige Morgan-Direktor Scott Sipprelle fordert ganz offen die Aufspaltung der Bank.
Was den Aufstand der mürrischen alten Männer für Purcell so gefährlich macht, sind die Besonderheiten des Investment-Bankings. Der elitäre Club der Wall-Street-Häuser lebt vom Talent seiner hoch bezahlten und meist exzentrischen Mitarbeiter. Sie fädeln Fusionen und Übernahmen ein, hecken riskante, aber äußerst profitable Investmentstrategien aus, verdienen sich fast immer eine goldene Nase – egal, ob der Ölpreis rauf oder der Dollar runtergeht. Wer diese Talente verliert, ist mit seinem Latein schnell am Ende.
Schon hören sich die ersten Morgan-Stanley-Banker nach neuen Jobs um. „In solchen Konfliktsituationen muss man sich sehr schnell entscheiden und auf Rot oder Schwarz setzen“, sagt ein New Yorker Investmentbanker, der die Fusion der US-Banken JP Morgan und Chase miterlebte. Sie endete mit einer Abwanderungswelle guter JP-Morgan-Leute.
Der als technokratisch verrufene, kühle Stratege Purcell aber schmeißt erst mal raus, wer ihm in die Quere kommt. In einer Nacht der langen Messer drängte er mehrere Topmanager auf die Straße, die mit den „Grumpy Old Men“ sympathisiert haben sollen. Darunter der zuvor zweitmächtigste Mann des Hauses: Vikram Pandit. Der Ex-Chef des Investment-Bankings galt intern als aussichtsreichster Kandidat für den Chefposten. Zurückgetreten ist auch der Chef des Aktienhandels, John Havens. Hunderte seiner Leute verabschiedeten ihn im riesigen Handelssaal der Morgan-Stanley-Zentrale mit minutenlangen Standing Ovations – eine indirekte Kritik an Purcell.
Am Wochenende nahm Stephan Newhouse seinen Hut – nach 26 Jahren bei Morgan Stanley. Er fühlt sich übergangen, hatte Purcell doch zuvor Zoe Cruz und Stephen Crawford an ihm vorbei zu neuen Co-Präsidenten berufen. Ein Affront.
Purcell sammelt derweil seine Truppen. Der 63-jährige Altmeister des Investment-Bankings, Joe Perella, sicherte ihm Unterstützung zu – nachdem ihn Purcell zum Vize-Chairman ernannt hatte. Zur Seite gesprungen sind Purcell fünf ehemalige Spitzenmanager – allesamt Ex-Dean-Witter-Leute. Das scheint jedoch noch nicht zu reichen, um den Aufstand niederzuschlagen und den Kampf um die Köpfe und Talente zu gewinnen. Bei einem ersten Treffen der Investmentbanker mit der neuen Führungsmannschaft sollen die ersten zehn Stuhlreihen leer geblieben sein.
Quelle: HANDELSBLATT, Montag, 04. April 2005, 12:16 Uhr
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Der Einsame Samariter