Auch vernichtete Daten leben länger


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Auch vernichtete Daten leben länger

 
16.01.02 07:26
Elektronische Dokumente verschwinden lassen? Nichts leichter als das, dachte sich Andersen. Doch sind sie auch wirklich vernichtet?

Der Vorgang hat die Branche der Wirtschaftsprüfer zutiefst erschüttert: Vier Tage, bevor der US-Energiekonzern einen Riesenverlust bekannt gab, erhielten die Revisoren von Andersen am 12. Oktober in einem Memo eines ihrer Anwälte die Anweisung, den Grossteil ihrer Enron-Unterlagen zu vernichten.

In den folgenden Wochen wurden Tausende von E-Mails und elektronische Daten vernichtet, die Licht in die grösste Wirtschaftspleite Amerikas geben könnten. Was in früheren Jahren noch einer logistischen Grossübung glich, nämlich Tonnen von Akten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abzutransportieren und damit den Schredder zu füttern, ist im digitalen Zeitalter ein Kinderspiel: E-Mail oder Dokument in den virtuellen Papierkorb verschieben und den Papierkorb leeren - klick, und fort ist die heisse Ware.

Ein Irrtum. Für den Spezialisten ist es ein Leichtes, die Daten der verschwundenen Objekte auf der Festplatte zu orten und wieder herzustellen.

Deshalb greifen Firmen zu zusätzlichen Massnahmen, um sensible Daten zum Verschwinden zu bringen. In einem internen Reglement über die Aufbewahrung von Dokumenten aus den Jahren 1999 und 2000 hält Andersen fest, dass keine papierenen oder elektronischen Spuren zurückbleiben dürfen, wenn Dokumente vernichtet werden. Bei elektronischen Dateien müsse durch entsprechende Massnahmen sichergestellt werden, dass sie auf der Festplatte nicht mehr rekonstruiert werden könnten.

Doch auch diese Methoden sind mittlerweile nicht mehr wasserdicht. Nicht zuletzt die grossen Wirtschaftsprüfer - also auch Andersen - haben in den letzten Jahren Spezialabteilungen für "forensic investigations" - Ermittlungen in Fällen von Wirtschaftskriminalität und -spionage - aufgezogen. Deren Spezialisten stehen immer mehr Instrumente zur Verfügung, um nach verschwundenen Daten zu forschen. "Diese Art von Ermittlung wird wichtig sein bei der Sicherstellung von Dokumenten im Fall Enron", meinte ein Verantwortlicher der US-Firma Guidance software gegenüber der "New York Times". Guidance stellt Computergeräte und Software für Ermittlungsbehörden her.

Und was Fachleute auch noch wissen: Daten können nur vernichtet werden, wenn man weiss, wo überall sie verstreut sind. Und das ist im vernetzten Zeitalter nur schwer zu eruieren. Das vermeintlich zerstörte elektronische Dokument kann als Papierausdruck in einem Aktenordner weiter schlummern, auf einer Festplatte beim Kunden oder im privaten Laptop bei einem Mitarbeiter lagern.
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