Auch dieser Ölschock könnte lange nachwirken


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Auch dieser Ölschock könnte lange nachwirken

 
31.03.03 00:24
Aus der FTD vom 31.3.2003 www.ftd.de/kapital
Das Kapital: Auch dieser Ölschock könnte lange nachwirken

Ölpreisprognostikern ergeht es meist wie schielenden Speerwerfern: Die Geschosse verfehlen zwar regelmäßig das Ziel, aber immerhin ist ihnen die Aufmerksamkeit des Publikums sicher.


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Trotzdem sei hier eine kühne Vorhersage gewagt: Die Entwicklung des Ölpreises in den kommenden Wochen und Monaten wird auf Jahre hin nachwirken - mit gravierenden Folgen für die noch immer ölabhängige Weltwirtschaft.

Klingt nicht sonderlich mutig? Nun, erinnern wir uns an frühere Ölschocks. Nach dem Opec-Embargo 1973 erwartete man allgemein eine baldige Rückkehr der vorher üblichen niedrigen Preise. Kartelle unter Entwicklungsländern waren ja schon öfter gescheitert. Nach dem zweiten Ölschock musste die Opec den Konsens natürlich nicht mehr von ihrer Macht überzeugen. So war die Überraschung groß, als Saudi-Arabien mit seiner kurzfristigen Förderausweitung den Preis ab 1986 dauerhaft drückte.


Auch heute rechnen die meisten mit einer Rückkehr der alten Zustände, also mit Ölpreisen um die 25 $ pro Barrel - sobald die Irak-Krise vorbei ist. Zwar sind die privaten westlichen Lager mickrig, und die irakische Förderung ist um zwei Millionen Barrel pro Tag gesunken. Aber seit dem Jahresanfang haben die Opec-Länder ihre Förderung um gut drei Millionen Barrel pro Tag erhöht, allen voran Saudi-Arabien und Venezuela.


Die Nachfrage sinkt im Frühling meist um etwa 1,8 Millionen Barrel oder gut zwei Prozent. Diesmal dürfte der Rückgang noch deutlich stärker ausfallen, wegen der Stilllegung der Nuklearkraftwerke in Japan, der hohen Erdgaspreise in den USA und dem ungewöhnlich harschen Winter. Weil die Nachfrage kurzfristig kaum auf den Preis reagiert, würde das Überangebot normalerweise zu einem starken Preissturz führen. Und falls es nicht dazu kommt, werden Ölpreispropheten zumindest im Nachhinein wissen, was den Wankelmut ausgelöst hat.



Das Opec-Rätsel


Anders sieht es auf längere Sicht aus. Kaum einer versteht so recht, warum die Preise nach 1973 oder 1986 neuen Pfaden gefolgt sind. Die einfache Antwort liegt im Aufstieg und Fall der Opec. Nur gibt es die seit 1960. Quoten werden erst seit 1982 festgelegt und selten sonderlich ernst genommen. Bei Mitgliedern, die sich schon mal den Krieg erklären, ist das auch kein Wunder. Ohnehin fördert die Opec nur 35 Prozent des weltweiten Ölangebots, Saudi-Arabien mickrige zwölf Prozent. Das ist ziemlich wenig, um die Preise über Jahrzehnte zu diktieren.


Die förderbaren Ölreserven sind seit 1970 stetig gewachsen. Wie schon Julian Simon in "The Ultimate Resource" dargestellt hat, gibt es auf der Erde einen Rohstoff, der schier unerschöpflich scheint: menschlichen Erfindungsgeist. Wegen der Fortschritte sinken die meisten Rohstoffpreise auf lange Sicht. Auch mit dem Ölpreis ging es bis zum ersten Schock 100 Jahre lang abwärts - was die letzten 30 Jahre um so verwirrender macht.


Volkswirte lieben Rätsel. Aber wer sich mit Öl beschäftigt, muss sich die Hände schmutzig machen. Öl unterscheidet sich von anderen Rohstoffen vor allem dadurch, dass die Opec-Förderung seit den späten 60ern großenteils von Regierungen kontrolliert wird. Deren Anreize zu modellieren ist schwierig. Den vielversprechendsten Versuch haben Djavad Salehi-Isfahani und Jacques Crémer schon 1980 vorgelegt - mit beunruhigenden Schlussfolgerungen.



Regime-Wechsel?


Anders als eine private Firma können Regierungen die Petro-Dollar nicht einfach an ihre Aktionäre ausschütten. In Ländern wie Kuwait oder Libyen gibt es nur begrenzte Möglichkeiten, sie sinnvoll zu investieren. Werden die Petro-Dollar im Westen veranlagt, dann können sie bei Spannungen eingefroren oder konfisziert werden


Das schwarze Gold einfach unter der Erde zu lassen ist eine attraktive Alternative - vorausgesetzt, dass die Preise hoch bleiben. So kann ein Schock dazu führen, dass die Förderung weiter gekürzt wird. Steigende Preise werden zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung - was einem Kartell natürlich die Arbeit erleichtert. Solch unorthodoxes Verhalten führt unter anderem dazu, dass es am Ölmarkt nicht nur ein, sondern mehrere Gleichgewichte gibt.


Bei einer vollständigen Privatisierung der irakischen Förderung wäre ein Regime-Wechsel hin zu dauerhaft niedrigen Preisen wahrscheinlich - zumal die meisten Opec-Länder derzeit weit davon entfernt sind, in Petro-Dollar zu schwimmen. Leider scheint George W. Bush aus politischen Gründen abgeneigt. So bleibt die Gefahr, dass weitere Unruhen in Nigeria oder ein überraschender Vorstoß Saddam Husseins in Richtung Kuwait den Ölpreis auf ein neues, hohes Gleichgewicht hievt. Bei so schlechten Sichtverhältnissen ist es kein Wunder, dass die Treffsicherheit leidet.



© 2003 Financial Times Deutschland , © Illustration:  FTD
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