Freitag, 14. Oktober 2011
(Sächsische Zeitung)
Solarfabrik Arise ist zahlungsunfähig
Von Gabriele Naß und Ingolf Reinsch
Die rund 100 Mitarbeiter des Bischofswerdaer Betriebes stehen vor einer ungewissen Zukunft. Die Insolvenzverwalterin möchte das Werk retten.
Bischofswerdas Solarfabrik: Laut Insolvenzverwaltung könnte die Produktion sofort wieder starten – wenn ein Investor gefunden wird. Foto: Daniel Schäfer
Bischofswerda. Sie ist Ende 40, hochqualifiziert und sah ihre Zukunft bis vor einem halben Jahr in Bischofswerdas Solarfabrik. „Nach mehreren Jahren Arbeitslosigkeit war der Job bei Arise für mich wie ein Sechser im Lotto“, sagt die Frau, die – wie andere Mitarbeiter – ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Im Frühjahr kam für die Mitarbeiter die Kurzarbeit, jetzt für den Betrieb die Zahlungsunfähigkeit. Ihre Gefühle schwankten zwischen Resignation und ein klein wenig Hoffnung, sagt die Frau.
Suche nach einem Investor
Klaus Götsch, Geschäftsführer des Bischofswerdaer Solarzellenherstellers Arise Technologies Deutschland GmbH, hatte am Dienstag beim Amtsgericht Dresden Insolvenz anmelden müssen. Zur vorläufigen Insolvenzverwalterin wurde Dr. Bettina E. Breitenbücher von der Anwaltskanzlei Kübler bestellt. Am Mittwoch sondierte sie die Lage im Werk, gestern informierte sie die rund 100-köpfige Belegschaft auf einer Betriebsversammlung. Ihr oberstes Ziel sei es, den Produktionsstandort zu erhalten, sagte ein Sprecher der Insolvenzverwalterin gegenüber der SZ. Die Produktion ruht, die Mitarbeiter bleiben in Kurzarbeit. Die Maschinen und Anlagen werden gewartet, „um jederzeit die Produktion wieder aufnehmen zu können“. Zugleich wolle die Insolvenzverwalterin „umgehend“ Gespräche zur Suche potenzieller Investoren aufnehmen.
Die Insolvenz kommt nicht unerwartet. Geschäftsführer Klaus Götsch hatte bereits im August zur SZ gesagt, das Geld reiche höchstens noch bis September. „Bis dahin muss das kanadische Management neue Investoren gefunden haben.“ Ende September lief eine Frist der Commerzbank ab. Der größte Kreditgeber fordert 18 Millionen Euro zurück.
Die Krise der Solarbranche traf Arise gerade in der Aufbauphase. Die Folgen: Absatzschwierigkeiten, hohe Lagerbestände, die drückende Konkurrenz aus China. Im Sommer 2010 nahm das Unternehmen laut Geschäftsführung die zweite Fertigungslinie in Betrieb. Ursprünglich war geplant, bereits ab Mitte 2009 auf drei Linien zu produzieren.
Die Sächsische Aufbaubank (SAB) bewilligte Fördergelder für den Aufbau der Fabrik. Wie viele es waren, sagen weder die Bank noch das Sächsische Wirtschaftsministerium. Eine Ministeriumssprecherin berief sich dabei gestern auf das „Betriebs- und Geschäftsgeheimnis“. Generell würde nach Abschluss jedes geförderten Investitionsvorhabens von mehreren Stellen geprüft, ob die Zuwendungsvoraussetzungen, zum Beispiel geförderte Wirtschaftsgüter und Arbeitsplätze, erfüllt worden sind. Sei das nicht der Fall, könne innerhalb von fünf Jahren nach Abschluss der Investition der gesamte Zuschuss zurückgefordert werden.
Nach SZ-Informationen soll es Interessenten geben, die den Produktionsstandort Bischofswerda mit einer anderen Hochtechnologie weiterführen wollen. Bestätigen wollte das gestern niemand. Ein Standortvorteil von Bischofswerda sei das gut ausgebildete Personal, sagte der Sprecher der Insolvenzverwalterin. Chancen für das Unternehmen könnten möglicherweise darin bestehen, innerhalb der Solarbranche eine Nische zu besetzen und sich darauf zu spezialisieren.
Stadt bietet Hilfe an
Oberbürgermeister Andreas Erler (CDU), der die Ansiedlung von Arise in den Jahren 2007/08 maßgeblich befördert hat, steht auch jetzt zum Unternehmen. Er habe gestern eine Mail an das Mutterunternehmen im kanadischen Waterloo gesandt und angefragt, welche Hilfe die Stadtverwaltung geben kann. „Wir können nicht mit Geld helfen. Aber vielleicht können wir vermitteln, wenn beispielsweise eine Sprachbarriere zu nehmen ist“, sagte er der SZ.
Arise hat 13 der reichlich 40 Hektar im Industriegebiet an der Bautzener Straße gekauft. Die Pläne der Stadt für dieses Gebiet sind darauf abgestimmt, auch für einen ursprünglich geplanten Solarpark. „Wir halten an dem Bebauungsplan fest, wie wir ihn beschlossen haben“, sagte Andreas Erler. Für weitere zehn bis zwölf Hektar wolle die Stadt ab kommendem Jahr Investoren suchen.
Für die Arise-Aktie gibt es nicht einmal mehr zwei Cent. Seit Jahren liegt sie weit unter einem Euro. Die Insolvenz des einzigen Produktionsbetriebes des kanadischen Unternehmens, das die Aktien herausgegeben hat, drückt weiter auf deren Wert.