"Is was, Doc?"
Von Markus Deggerich, Buenos Aires
"Ich stamme von Spaniern ab" - "Ich von der Mittelklasse". Die Identitätssuche und Lust an der Psychoanalyse bekommt in Argentinien eine neue Dimension. Ein ernstes Spiel.
Markus Deggerich
"Café Psicologico": Redet über eure Befindlichkeiten
Buenos Aires - Die Argentinier verstehen sich als Italiener, die wie Engländer fühlen, wie Deutsche reflektieren und davon träumen, Franzosen zu sein. Die Einwohner von Buenos Aires, die Portenos, sind besonders berüchtigt für ihr einerseits übergroßes, arrogantes Ego und ihre ständigen Selbstzweifel und die Suche nach Identität anderseits. Über kein anderes Land werden in Lateinamerika so viele Witze erzählt wie über die "Argies": Ihr Ego ist so groß, dass sie sich selbst umbringen können (und wollen), indem sie von ihm runterspringen.
Alle Tageszeitungen haben Psychologie-Sonderseiten, alle Studienfächer, die den Begriff Psycho im Namen führen, sind überlaufen, und wer was auf sich hält, spricht nicht nur gerne mit, sondern auch über seinen Therapeuten. Da die allermeisten Argentinier nicht von den Indios stammen, sondern von den Schiffen, wie sie in dem Einwanderungsland selbstironisch erzählen, sind Identitätssuche und Selbstzweifel ein Volkssport. Eine Art Groschenroman in Endlosserie und hoher Auflage verkauft sich als "Freud para todos" - "Freud für alle".
Buenos Aires gehört mit fast 40.000 praktizierenden Therapeuten neben New York zu den Städten mit der weltweit größten Psychodichte. Vor allem jetzt in der Krise versteht die Mittelklasse, die sich selbst nie kannte, nun auch die Welt nicht mehr. In vielen Nachbarländern herrscht kaum verborgene Schadenfreude über den rasanten Abstieg des Pampa-Staates. Die Argentinier haben sich nie als Lateinamerikaner verstanden, sondern als Europäer. Und sich vor allem in der Zeit des festen Wechselkurses, als es für jeden Peso einen Dollar gab, wie Könige gefühlt und auch so benommen. Sie wollten möglichst europäisch sein, IWF-Musterschüler spielen, was viele andere Latino-Länder als neoliberales Ausbeutungsmodell empfanden, und sich stark unterscheiden von dem Rest des Kontinents.
Das Orchester der "Titanic" spielte auch weiter
Für jeden Normalsterblichen, egal woher, gehörte Buenos Aires zu den teuersten Städten der Welt, während viele Argentinier durch die Welt reisten mit Taschen voller Dollar und nicht merkten, wie sie die Zukunft verfrühstückten. Zwar hatte der feste Wechselkurs die Hyperinflation aufgehalten, aber er entsprach auf Dauer nicht der eigenen Wirtschaftskraft und ruinierte die heimische Produktion. So rutschten unter Carlos Menem in den neunziger Jahren bereits viele in die Armut, während gleichzeitig die andere Hälfte mit tatkräftiger Unterstützung weltweiter Finanziers um die Wette Dollar verkonsumierte - nur die Rechnung müssen alle zusammen bezahlen.
Für das Ego des Argentiniers ist es eine doppelte Kränkung, dass er sich seinen antrainierten Lebensstil nicht mehr leisten kann und gleichzeitig jetzt viele Ausländer ins Land kommen - zudem Lateinamerikaner! - und die nun preiswerter zu habenden Schätze des Landes genießen. Krampfhaft feiern die Argentinier weiter, als sei der Spuk morgen vorbei, noch immer gehen viele aus und machen die Nächte durch, kratzen den letzten Peso zusammen und lauschen der Partymusik, wie dem Orchester der "Titanic", das auch bis zuletzt spielte. Die Selbstüberschätzung der Argentinier ähnelt ihrem Wirtschafts- und Finanzdesaster, wie sie in einem Witz über die Arroganz zum Ausdruck kommt: Wie wirst du am schnellsten Millionär? Kaufe einen Porteno zu dem Preis, den er wert ist und verkaufe ihn zu dem, den er sich einbildet.
Markus Deggerich
Wer stammt von wem ab? Argentinier auf der Suche nach ihrer Identität
War es in den besseren Zeiten für viele einfach "schick", sich mit Psychoanalyse zu beschäftigen oder Ausdruck der fehlenden Identität in dem Immigrantenland, so sind nun tatsächlich viele auf der Suche nach Halt. Das hat in Buenos Aires nichts "Krankhaftes", sich öffentlich über seine Seelenschmerzen zu unterhalten gilt dort nicht wie in anderen Ländern als pathologisch, sondern selbstverständlich.
Auch auf offener Bühne. In der Bar "El Taller" (Die Werkstatt) im Stadtteil Palermo gibt es jeden Donnerstag Abend ein "Café Psicológico". Wer Lust hat, kann mitten im Schankraum über Mikrofon seine Befindlichkeiten kundtun oder die Sorgen anderer kommentieren, diskutieren, analysieren. Begleitet und organisiert wird diese Mischung aus "Speakers Corner" und "Is was, Doc?" von der Psychologin Noemi Oliveto.
Lachen als Therapie
"Es gehört viel Mut dazu, sich hinzustellen und Schwächen zuzugeben - vor allem für Argentinier", sagt Oliveto. Um es leichter zu machen, verwandelt sie die Fragen oder Nachrichten aus der Innenwelt in Spielszenen, im Wechsel aus improvisierten Theater und ernsthafter Diskussion, aus Lachen und Zuhören.
"Es ist auch viel Selbstironie dabei", sagt Oliveto über ihr rezeptfreies Psycho-Café inmitten von "normalen" Gästen. Und Ironie hilft. Sich ernst nehmen, aber auch darüber lachen können, wenn sie die Wand anbrüllen, an der unschuldige Kinderzeichnungen hängen, die aber mal kurz als "reale" Kongressabgeordnete herhalten müssen, um Dampf abzulassen, während die anderen Kneipengäste spontan applaudieren über die "Demo".
Wenn dann das "Schlangestehen vor der Bank" gespielt wird, gesellen sich sogar Menschen von der Straße kurz dazu und mischen sich ein in den privat-öffentlichen Sozialkrieg und Selbstfindungsprozess der Argentinier. "Erst Menem wählen und jetzt auch noch vordrängeln", beschimpfen sie sich gegenseitig. Und wenn sich zwei Ausreisewillige vor der fiktiven spanischen Botschaft unterhalten, wo sie sich ihrer europäischen Ahnen erinnern in der Hoffnung auf einen spanischen Pass und eine bessere Zukunft auf der anderen Seite des Atlantiks, sagt der eine: "Ich stamme von Spaniern ab." Und der andere: "Ich von der Mittelklasse." Die Lust am (Selbstmit-)Leid wird hier zelebriert. "Ja", sagt Oliveto, "wir lachen uns zu Tode".
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© SPIEGEL ONLINE 2002
Von Markus Deggerich, Buenos Aires
"Ich stamme von Spaniern ab" - "Ich von der Mittelklasse". Die Identitätssuche und Lust an der Psychoanalyse bekommt in Argentinien eine neue Dimension. Ein ernstes Spiel.
Markus Deggerich
"Café Psicologico": Redet über eure Befindlichkeiten
Buenos Aires - Die Argentinier verstehen sich als Italiener, die wie Engländer fühlen, wie Deutsche reflektieren und davon träumen, Franzosen zu sein. Die Einwohner von Buenos Aires, die Portenos, sind besonders berüchtigt für ihr einerseits übergroßes, arrogantes Ego und ihre ständigen Selbstzweifel und die Suche nach Identität anderseits. Über kein anderes Land werden in Lateinamerika so viele Witze erzählt wie über die "Argies": Ihr Ego ist so groß, dass sie sich selbst umbringen können (und wollen), indem sie von ihm runterspringen.
Alle Tageszeitungen haben Psychologie-Sonderseiten, alle Studienfächer, die den Begriff Psycho im Namen führen, sind überlaufen, und wer was auf sich hält, spricht nicht nur gerne mit, sondern auch über seinen Therapeuten. Da die allermeisten Argentinier nicht von den Indios stammen, sondern von den Schiffen, wie sie in dem Einwanderungsland selbstironisch erzählen, sind Identitätssuche und Selbstzweifel ein Volkssport. Eine Art Groschenroman in Endlosserie und hoher Auflage verkauft sich als "Freud para todos" - "Freud für alle".
Buenos Aires gehört mit fast 40.000 praktizierenden Therapeuten neben New York zu den Städten mit der weltweit größten Psychodichte. Vor allem jetzt in der Krise versteht die Mittelklasse, die sich selbst nie kannte, nun auch die Welt nicht mehr. In vielen Nachbarländern herrscht kaum verborgene Schadenfreude über den rasanten Abstieg des Pampa-Staates. Die Argentinier haben sich nie als Lateinamerikaner verstanden, sondern als Europäer. Und sich vor allem in der Zeit des festen Wechselkurses, als es für jeden Peso einen Dollar gab, wie Könige gefühlt und auch so benommen. Sie wollten möglichst europäisch sein, IWF-Musterschüler spielen, was viele andere Latino-Länder als neoliberales Ausbeutungsmodell empfanden, und sich stark unterscheiden von dem Rest des Kontinents.
Das Orchester der "Titanic" spielte auch weiter
Für jeden Normalsterblichen, egal woher, gehörte Buenos Aires zu den teuersten Städten der Welt, während viele Argentinier durch die Welt reisten mit Taschen voller Dollar und nicht merkten, wie sie die Zukunft verfrühstückten. Zwar hatte der feste Wechselkurs die Hyperinflation aufgehalten, aber er entsprach auf Dauer nicht der eigenen Wirtschaftskraft und ruinierte die heimische Produktion. So rutschten unter Carlos Menem in den neunziger Jahren bereits viele in die Armut, während gleichzeitig die andere Hälfte mit tatkräftiger Unterstützung weltweiter Finanziers um die Wette Dollar verkonsumierte - nur die Rechnung müssen alle zusammen bezahlen.
Für das Ego des Argentiniers ist es eine doppelte Kränkung, dass er sich seinen antrainierten Lebensstil nicht mehr leisten kann und gleichzeitig jetzt viele Ausländer ins Land kommen - zudem Lateinamerikaner! - und die nun preiswerter zu habenden Schätze des Landes genießen. Krampfhaft feiern die Argentinier weiter, als sei der Spuk morgen vorbei, noch immer gehen viele aus und machen die Nächte durch, kratzen den letzten Peso zusammen und lauschen der Partymusik, wie dem Orchester der "Titanic", das auch bis zuletzt spielte. Die Selbstüberschätzung der Argentinier ähnelt ihrem Wirtschafts- und Finanzdesaster, wie sie in einem Witz über die Arroganz zum Ausdruck kommt: Wie wirst du am schnellsten Millionär? Kaufe einen Porteno zu dem Preis, den er wert ist und verkaufe ihn zu dem, den er sich einbildet.
Markus Deggerich
Wer stammt von wem ab? Argentinier auf der Suche nach ihrer Identität
War es in den besseren Zeiten für viele einfach "schick", sich mit Psychoanalyse zu beschäftigen oder Ausdruck der fehlenden Identität in dem Immigrantenland, so sind nun tatsächlich viele auf der Suche nach Halt. Das hat in Buenos Aires nichts "Krankhaftes", sich öffentlich über seine Seelenschmerzen zu unterhalten gilt dort nicht wie in anderen Ländern als pathologisch, sondern selbstverständlich.
Auch auf offener Bühne. In der Bar "El Taller" (Die Werkstatt) im Stadtteil Palermo gibt es jeden Donnerstag Abend ein "Café Psicológico". Wer Lust hat, kann mitten im Schankraum über Mikrofon seine Befindlichkeiten kundtun oder die Sorgen anderer kommentieren, diskutieren, analysieren. Begleitet und organisiert wird diese Mischung aus "Speakers Corner" und "Is was, Doc?" von der Psychologin Noemi Oliveto.
Lachen als Therapie
"Es gehört viel Mut dazu, sich hinzustellen und Schwächen zuzugeben - vor allem für Argentinier", sagt Oliveto. Um es leichter zu machen, verwandelt sie die Fragen oder Nachrichten aus der Innenwelt in Spielszenen, im Wechsel aus improvisierten Theater und ernsthafter Diskussion, aus Lachen und Zuhören.
"Es ist auch viel Selbstironie dabei", sagt Oliveto über ihr rezeptfreies Psycho-Café inmitten von "normalen" Gästen. Und Ironie hilft. Sich ernst nehmen, aber auch darüber lachen können, wenn sie die Wand anbrüllen, an der unschuldige Kinderzeichnungen hängen, die aber mal kurz als "reale" Kongressabgeordnete herhalten müssen, um Dampf abzulassen, während die anderen Kneipengäste spontan applaudieren über die "Demo".
Wenn dann das "Schlangestehen vor der Bank" gespielt wird, gesellen sich sogar Menschen von der Straße kurz dazu und mischen sich ein in den privat-öffentlichen Sozialkrieg und Selbstfindungsprozess der Argentinier. "Erst Menem wählen und jetzt auch noch vordrängeln", beschimpfen sie sich gegenseitig. Und wenn sich zwei Ausreisewillige vor der fiktiven spanischen Botschaft unterhalten, wo sie sich ihrer europäischen Ahnen erinnern in der Hoffnung auf einen spanischen Pass und eine bessere Zukunft auf der anderen Seite des Atlantiks, sagt der eine: "Ich stamme von Spaniern ab." Und der andere: "Ich von der Mittelklasse." Die Lust am (Selbstmit-)Leid wird hier zelebriert. "Ja", sagt Oliveto, "wir lachen uns zu Tode".
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© SPIEGEL ONLINE 2002