ftd.de, Di, 11.3.2003, 2:00
Anzeichen für das Ende einer Baisse werden leicht übersehen
Von Horst Fugger
In der Regel, so kann man in klugen Büchern lesen, hat die Börse gegenüber Entwicklungen der Realwirtschaft einen Vorlauf von sechs bis zwölf Monaten. Die Entwicklung in den USA lässt allerdings Zweifel über die Allgemeingültigkeit dieser Regel aufkommen.
Auf diesem Zusammenhang fußt auch die Charttechnik, deren Vertreter für sich in Anspruch nehmen, Trendwenden an den Wertpapiermärkten früher erkennen zu können als Fundamentalanalysten. Die fundamentalen Gründe für eine Wende, so die Überzeugung der Chartisten, würden mit mehrmonatiger Verspätung nachgeliefert.
Wenn man die Entwicklung in den USA betrachtet, kommen allerdings Zweifel auf, ob die Regel diesmal greifen wird. Das Institute for Supply Management (ISM), eine Vereinigung von Einkaufsmanagern, berichtete Anfang Februar, dass die Wirtschaftsaktivität im verarbeitenden Gewerbe den dritten Monat in Folge zugenommen hat und die Gesamtwirtschaft den 15. Monat in Folge gewachsen ist.
Im Dezemberquartal 2002 sind die Gewinne amerikanischer Unternehmen zum dritten Mal in Folge gestiegen. Kaum jemand zweifelt daran, dass dieser Trend auch in den ersten drei Monaten 2003 anhalten wird. Auf Unternehmensebene haben wir das Tief also bereits vor etwa einem Jahr gesehen. Danach hätte die nunmehr seit drei Jahren anhaltende Baisse an den US-Aktienmärkten spätestens im Herbst 2001 enden müssen.
Wall Street hat viel mit Psychologie zu tun
Die Exzesse der späten 90er Jahre sind abgebaut. Der Nasdaq Composite Index hat das Niveau von Ende 1996 erreicht, und von einer Überbewertung der US-Aktien gegenüber Staatsanleihen kann keine Rede mehr sein. Dennoch kommt die Wall Street nicht in die Gänge, und das hat viel mit Psychologie zu tun. Man könnte den Eindruck gewinnen, die Anleger warteten nur auf Argumente, um sich von Aktien zu verabschieden.
Ein Beispiel dafür lieferte jüngst Hewlett-Packard (HP): Der Computerhersteller hatte im vierten Quartal 2002 die Gewinnprognosen der Analysten klar übertroffen. Zudem hat HP auf der Kostenseite nachhaltige Erfolge vorzuweisen. Der Umsatz blieb allerdings hinter den Erwartungen zurück. Das reichte, um die Aktie am nächsten Tag um zeitweise 20 Prozent einbrechen zu lassen.
Mit Vernunft und Zahlen hat das nicht mehr viel zu tun. So hat AOL Time Warner im selben Quartal zwar den höchsten Umsatz seiner Geschichte erzielt, gleichzeitig aber einen Verlust von 98,7 Mrd. $ verbucht. Noch nie hat ein Unternehmen in einem so kurzen Zeitraum so viel Geld vernichtet.
Irak-Krise als Begründung für Irrationales
Zurzeit muss die Irak-Krise als Begründung für viel Irrationales herhalten, was an der Wall Street und an anderen Börsen passiert. Weil es sich hier um eine Entweder-oder-Frage handelt - Krieg oder kein Krieg -, kann die Stimmung schlagartig kippen.
Da die Börsianer positive Tendenzen bei vielen Firmen und Branchen derzeit einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollen, sollte man sich allmählich positionieren, um das Ende der Baisse nicht zu verpassen. Die schlechtesten Renditen fuhren die Anleger ein, die endlos abwarteten und nie in Aktien investierten.
Anzeichen für das Ende einer Baisse werden leicht übersehen
Von Horst Fugger
In der Regel, so kann man in klugen Büchern lesen, hat die Börse gegenüber Entwicklungen der Realwirtschaft einen Vorlauf von sechs bis zwölf Monaten. Die Entwicklung in den USA lässt allerdings Zweifel über die Allgemeingültigkeit dieser Regel aufkommen.
Auf diesem Zusammenhang fußt auch die Charttechnik, deren Vertreter für sich in Anspruch nehmen, Trendwenden an den Wertpapiermärkten früher erkennen zu können als Fundamentalanalysten. Die fundamentalen Gründe für eine Wende, so die Überzeugung der Chartisten, würden mit mehrmonatiger Verspätung nachgeliefert.
Wenn man die Entwicklung in den USA betrachtet, kommen allerdings Zweifel auf, ob die Regel diesmal greifen wird. Das Institute for Supply Management (ISM), eine Vereinigung von Einkaufsmanagern, berichtete Anfang Februar, dass die Wirtschaftsaktivität im verarbeitenden Gewerbe den dritten Monat in Folge zugenommen hat und die Gesamtwirtschaft den 15. Monat in Folge gewachsen ist.
Im Dezemberquartal 2002 sind die Gewinne amerikanischer Unternehmen zum dritten Mal in Folge gestiegen. Kaum jemand zweifelt daran, dass dieser Trend auch in den ersten drei Monaten 2003 anhalten wird. Auf Unternehmensebene haben wir das Tief also bereits vor etwa einem Jahr gesehen. Danach hätte die nunmehr seit drei Jahren anhaltende Baisse an den US-Aktienmärkten spätestens im Herbst 2001 enden müssen.
Wall Street hat viel mit Psychologie zu tun
Die Exzesse der späten 90er Jahre sind abgebaut. Der Nasdaq Composite Index hat das Niveau von Ende 1996 erreicht, und von einer Überbewertung der US-Aktien gegenüber Staatsanleihen kann keine Rede mehr sein. Dennoch kommt die Wall Street nicht in die Gänge, und das hat viel mit Psychologie zu tun. Man könnte den Eindruck gewinnen, die Anleger warteten nur auf Argumente, um sich von Aktien zu verabschieden.
Ein Beispiel dafür lieferte jüngst Hewlett-Packard (HP): Der Computerhersteller hatte im vierten Quartal 2002 die Gewinnprognosen der Analysten klar übertroffen. Zudem hat HP auf der Kostenseite nachhaltige Erfolge vorzuweisen. Der Umsatz blieb allerdings hinter den Erwartungen zurück. Das reichte, um die Aktie am nächsten Tag um zeitweise 20 Prozent einbrechen zu lassen.
Mit Vernunft und Zahlen hat das nicht mehr viel zu tun. So hat AOL Time Warner im selben Quartal zwar den höchsten Umsatz seiner Geschichte erzielt, gleichzeitig aber einen Verlust von 98,7 Mrd. $ verbucht. Noch nie hat ein Unternehmen in einem so kurzen Zeitraum so viel Geld vernichtet.
Irak-Krise als Begründung für Irrationales
Zurzeit muss die Irak-Krise als Begründung für viel Irrationales herhalten, was an der Wall Street und an anderen Börsen passiert. Weil es sich hier um eine Entweder-oder-Frage handelt - Krieg oder kein Krieg -, kann die Stimmung schlagartig kippen.
Da die Börsianer positive Tendenzen bei vielen Firmen und Branchen derzeit einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollen, sollte man sich allmählich positionieren, um das Ende der Baisse nicht zu verpassen. Die schlechtesten Renditen fuhren die Anleger ein, die endlos abwarteten und nie in Aktien investierten.