Guten Morgen und vielen Dank für das Kompliment,
da bin ich ja neugierig was learner so schreibt, werd da mal ein bischen suchen.
Ausladende Stammtische können ja auch durchaus was feines sein, vor allem wenn sie liebevoll selbstgeschnitzt werden.
Nochmal kurz zurück zu Sarrazin.
Ob man ihn nur nach dem Medienecho, und Talkformaten beurteilen kann, in dem meist schon dadurch ein verzerrtes Bild entsteht, dass in den meisten Fällen ausschließlich Antipoden eingeladen werden - am besten 5 gegen 1 wobei die Gegenposition dadurch die 5fache Redezeit bekäme - weiß ich nicht.
Ich fand seine Gegner andererseits auch nicht besonders überzeugend, bevor ich seine Bücher gelesen habe, so wie wenn damals z.B. ein 7seitiges Interview aus der Lettre International , in dem er mit liebevollen Blick die unterschiedlichsten Aspekte der Stadt Berlin herausgearbeitet hatte, auf 2 provokante Formulierungen zusammengestampft wurde. Diese Berichterstattung wurde der Vielfalt und der Komplexität dieses interessanten Artikels in keiner Weise gerecht.
Hier der Link:
pi-news.net/wp/uploads/2009/10/sarrazin_interview1.pdf?f764e8
Sieht so Deiner Meinung nach Populismus aus?
Ich halte ihn keineswegs für einen Populisten.
Als Populismus bezeichnet man eine um „Nähe zum Volk“ bemühte Politik, die Unzufriedenheit, Ängste und aktuelle Konflikte ausdrückt oder instrumentalisiert, indem sie Gefühle anspricht und einfache Lösungen vorstellt.Zentraler Bestandteil solcher Strategien ist die Proklamation politisch relevanter Gewissheiten, existentieller Befindlichkeiten und Selbstverständlichkeiten oder „Wahrheiten“ nationaler, moralischer oder ökonomischer Art, wobei unterstellt oder zumindest behauptet wird, dass sie im Alltagsbewusstsein der Bevölkerungsmehrheit vorliegen und daher einer rationalen Erörterung und Begründung nicht bedürfen.
Sarrazins Themen mögen auf den ersten Blick vielleicht populistisch anmuten, aber:
1. Er unterzieht diese Themen ja gerade einer rationalen Erörterung und zwar sehr gründlich, detailiert und durchaus anspruchsvoll mit vielen Belegen. Das zentrale Element des einfachen Behauptens, das wegen einer vermeintlichen Selbstverständlichkeit keiner weitergehenden Argumentation bedarf, das fällt hier ja gerade weg.
2. Er bietet auch keinesfalls einfache Lösungen an sondern betrachtet einzelne Aspekte sehr differenziert und komplex.
3. Ich kann auch keinen Versuch erkennen, irgendetwas zu instrumentalisieren. Er ist ja noch nichtmal mehr ein aktives Mitglied in der Politik - ich sehe auch nicht, dass er irgendwelche Ämter mit seinen Thesen anstrebte.
Den Populismusvorwurf halte ich daher für verfehlt. Wer ihn falsch verstehen möchte, hat es im Hinblick auf seine gelegentlichen humoristischen und überspitzten Formulierungen allerdings zugegebener Maßen vielleicht nicht unbedingt schwer.
Ob seine Neigung dazu, seiner Aussenwahrnehmung und seinem Anliegen besonders dienlich ist, weiß ich nicht.
Es scheint aber eine Freiheit zu sein, die er sich nunmal herausnimmt.
Macht ihn das weniger ernstzunehmend? oder gar zu einem schlechteren Menschen?
Seine beiden Bücher sind jeweils an die 400 Seiten dick. Voller sorgsam recherchierter Fakten und Statistiken und interessanter Ansätze, die nach meinem Empfinden durchaus nüchtern vorgetragen und in Zusammenhang gestellt werden - Er zeichnet insgesamt doch ein sehr differenziertes Bild.
Die Präzision, die Klarheit und die analytische Urteilskraft, die ich in seinen Schriften sehe, finde ich schon brilliant - ebenso wie ich bspw.auch Paul Kirchhoff und Kurt Biedenkopf in dieser Hinsicht brilliant finde.
Darüber, was brilliant ist, kann man selbtverständlich geteilter Meinung sein. Einen guten Intellekt wird man Hern Sarrazin aber hoffentlich nicht absprechen wollen.
Die Äußerungen, über die sich in der Verganheit so sehr aufgeregt wurde, sind im Kontext der Bücher m.E überdies eher als Fußnoten zu betrachten. Teilweise stehen sie noch nicht einmal drin sondern sind davon abseits in irgendeinem Interview geäußert worden.
Da wurde aber auch wirklich alles zusammengesucht, aus dem Zusammenhang gerissen und danach breitgetreten, was man u.U. als Provokation betrachten könnte.
Mit seinen Büchern hat das alles am Ende aber erstaunlich wenig zu tun.
Als ich sein erstes Buch gelesen hatte, hatte ich hinterher den Eindruck, in der Öffentlichkeit würde ein völlig anderes Buch besprochen - im ernst!
Naja... soviel dann zum Thema Sarrazin - nun steht man wohl doch mit einem Fuß in einer neuaufgelegten Sarrazindebatte - muss man vielleicht nicht unbedingt weiter vertiefen.
Vielleicht ja dennoch für den ein oderen mal ganz interessant mal eine etwas andere Meinung über seine Person zu lesen.
Wünsch Dir und allen anderen einen erfolgreichen Handelstag!