Scharlatan im Nadelstreifen.
HANDELSBLATT, Montag, 14. November 2005, 15:30 Uhr | |||
| Machtvoller Chefhändler Der starke Mann hinter Ackermann Von M. Maisch, C. Potthoff und F. Schönauer Sonntags steht Anshu Jain gerne auf dem Cricketplatz, zusammen mit zehn Kollegen aus der Firma – genauso viele wie bei einem Fußballspiel. Doch damit sind die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Sportarten auch schon aufgezählt. Weiße Hosen mit Bügelfalte gegen heruntergerollte Stutzen und blutige Schienbeine, Spiele die bis zu fünf Tage dauern statt 90 Minuten – ein Kulturkampf, den Jain bereits gewonnen hat.
FRANKFURT/LONDON. Der Cricket-Fan leitet den Wertpapierhandel der Deutschen Bank. Es ist daher wohl kein Zufall, dass Deutschlands mächtigstes Finanzhaus nicht Jürgen Klinsmanns Fußball-Nationalelf sponsert, sondern seine Pfunde lieber für Lord’s Cricket Ground in London ausgibt, Heimat des traditionsreichen Marylebone Cricket Clubs und heilige Stätte des für Kontinentaleuropäer so rätselhaften Sports. Cricket statt Fußball – das ist ganz nach dem Geschmack von Jain, dem Wunderkind der Deutschen Bank. Und wenn es darum geht, die empfindliche Investmentbanker-Seele bei Laune zu halten, sie zu pflegen und zu streicheln, reichen dicke Boni eben nicht aus. Für viele ist Jain der wichtigste Mann im Konzern, vielleicht sogar wichtiger als Vorstandschef Josef Ackermann. Schließlich erwirtschaften die Investmentbanker in schöner Regelmäßigkeit zwei Drittel der Erträge, und der Löwenanteil geht auf das Konto von Jains Truppe, die die Deutsche Bank im Handel mit Aktien, Anleihen, Derivaten und Rohstoffen zur Nummer eins in der Welt gemacht hat. Wenn Ackermann am Ende dieses Jahres alle Kritiker Lügen strafen wird und verkünden darf, dass er sein großes Ziel, eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent, tatsächlich erreicht hat, dann weiß der Schweizer, wem er als Erstem zu danken hat: Jain. Es sind vor allem die Erfolge des 42-jährigen Briten mit indischen Wurzeln, die für aufgeräumte Stimmung in den silberglänzenden Zwillingstürmen an der Frankfurter Taunusanlage sorgen. Die Gewinne sprudeln munter, die Deutsche Bank hat Ackermann, und Ackermann hat Jain. Die Welt könnte so schön sein – wenn da nicht der Bundesgerichtshof wäre. Am 21. Dezember entscheiden die Richter in Karlsruhe, ob der Mannesmann-Prozess noch einmal aufgerollt wird oder die Freisprüche von Sommer 2004 gerechtfertigt waren. Die Revisionsverhandlung im Oktober nährte den Verdacht, dass das Horrorszenario der Deutschen Bank Wirklichkeit werden könnte: Alles zurück auf Los, der Prozess beginnt von vorne. Ackermann, muss sich noch einmal monatelang wegen Untreue verantworten. Nach außen hin verschanzt sich die Bank hinter einem Wall aus Zweckoptimismus: „Das ist doch nur eines von vielen möglichen Szenarien. Ackermann bleibt.“ Doch intern bröckelt die Moral: „Keiner weiß, wie das ausgeht“, sagt ein ranghoher Manager. „Wenn Ackermann merkt, dass er der Bank schadet, wird er gehen.“ Das glauben auch Vertraute: „Einen zweiten Prozess wird er sich und seiner Familie nicht zumuten.“ Zu viel Substanz hat der erste Prozess über die millionenschweren Abfindungen für Mannesmann-Manager nach der Übernahme durch den britischen Mobilfunkkonzern Vodafone gekostet. Die 33 Verhandlungstage in 22 Wochen haben tiefe Wunden hinterlassen. Eine vertrackte Lage – für Aufsichtsratschef Rolf Breuer bahnt sich ein fast schon tragischer Konflikt an. Eigentlich braucht die Bank Ackermann nötiger denn je. Wer sonst soll die mächtigen Investmentbanker bei der Stange halten? Doch spätestens bei einer Verurteilung würde die Finanzaufsicht die Reißleine ziehen. Wer könnte Ackermanns Job übernehmen? Jain? Lange Zeit liefen in der Bank Wetten, ob der Chefhändler eines Tages nach Frankfurt umzieht. Immerhin hat der Mann seine Machtbasis systematisch ausgebaut: „Ohne Jain geht gar nichts“, meint ein Frankfurter Deutsch-Banker. „Leider“, fügt ein anderer hinzu, der die Rolle Jains mit der von Franz Josef Strauß in der deutschen Politik vergleicht: „Mir ist egal, wer unter mir als Vorstandschef arbeitet.“ Das sei Jains Haltung. Wer ist der Mann, der Freund wie Feind so viel Respekt abnötigt? Jain spielt gerne, und er spielt, um zu gewinnen. Auf dem Cricketplatz gilt er als der mit Abstand Ehrgeizigste. Aber er zeigt auch Teamgeist: Gerne holt der Handelschef seine Mitspieler mit dem eigenen Auto vor der Haustür ab – ganz unabhängig vom Rang in der Bank. Im Gespräch wirkt Jain zurückhaltend, fast schüchtern, doch das täuscht. Aus den rund um den Globus verstreuten Handelssälen der Deutschen hat er ein wahres „Flow Monster“ geschaffen, wie die Konkurrrenten fast schon ehrfurchtsvoll eingestehen – eine reibungslos funktionierende Maschine, die riesige Mengen von Handelsaufträgen hoch effizient abarbeitet. Selbst im zweiten Quartal, als die Wettbewerber unter die Räder kamen, verdiente die Deutsche im Handel gutes Geld. Und im dritten Quartal schaufelte Jains Monster Rekorderträge von 2,9 Milliarden Euro in die Bank. Dagegen fällt auch Michael Cohrs, der zweite mächtige Mann in London, ab, der für Übernahmen und Wertpapierplatzierungen zuständig ist und das Investment-Banking gemeinsam mit Jain leitet. Doch tatsächlich hat sich Jain schon vor geraumer Zeit aus dem Rennen um den Spitzenposten verabschiedet. Das liegt zum einen an der Finanzaufsicht, die fordert, dass der Chef eines deutschen Geldhauses die Landessprache fließend spricht. Aber es gibt noch weitere Gründe, die gegen Jain sprechen: „Für das ganze Hickhack in Deutschland rund um Entlassungen und Abzocker in Nadelstreifen hat Jain null Verständnis“, sagt ein Kollege. Als Vorstandschef müsste er zudem sein Gehalt offen legen, das Insider auf das Fünffache der Summe schätzen, die sein oberster Chef verdient. In Kreisen der Deutschen Bank ist daher vor allem eines klar: Sollte die unendliche Geschichte rund um den Mannesmann-Prozess Ackermann doch noch den Arbeitsplatz kosten, muss sich der Nachfolger den Respekt von Jain verdienen. Wenn also nicht der Brite Ackermanns Job übernimmt, wer dann? Luftlinie ist die kleine Bankfiliale nur ein paar Kilometer von den Zwillingstürmen an der Taunusanlage entfernt – doch für die Mitarbeiter scheint die Zentrale mit ihren Intrigen und Ränkespielen Lichtjahre weit weg zu liegen. „Ob Ackermann geht, ist uns eigentlich schnuppe“, sagt ein Betriebsrat. „Der schwebt so wie der Papst weit über allem.“ Der Einzige, der hier zählt, ist Privatkundenchef Rainer Neske. Der 41-Jährige mit der hohen Stirn hat seinen Bereich innerhalb weniger Jahre auf Vordermann gebracht und sich damit Respekt verschafft. Aber: „Neske ist noch zu unerfahren, in fünf Jahren vielleicht“, heißt es in der Bank. Dann vielleicht Jürgen Fitschen? Vor einem Jahr inthronisierte Ackermann den Hamburger als deutsches Aushängeschild. „Extrem loyal, extrem solide, aber am Ende zu leichtgewichtig, den fressen die Investmentbanker“, lautet das Urteil eines internationalen Headhunters. Sein Fazit: „Ackermann hat es versäumt, einen Nachfolger aufzubauen, intern gibt es weit und breit keinen Kandidaten.“ Für Aufsichtsratschef Breuer sei das eine äußerst delikate Situation, erzählt ein Insider. „Der Aufsichtsrat steht hinter Ackermann, aber der Chefaufseher muss an seine Verantwortung gegenüber den Aktionären denken.“ Im Klartext heißt das: Breuer streckt seine Fühler sehr vorsichtig aus, um mögliche Nachfolger zu identifizieren. Angesprochen wurde noch niemand, das wäre zu heikel. In einem Punkt sind sich die Experten einig: Von den bereits in der Öffentlichkeit herumgereichten Favoriten wird keiner Ackermanns Nachfolger. Thomas Fischer, Chef der WestLB? Der unkonventionelle Banker, der gerne Cowboystiefel zum Maßanzug trägt, hatte die Deutsche Bank nach einem verlorenen Machtkampf mit Ackermann verlassen. „Fischer könnte es, aber er will nicht“, meint ein Headhunter. Dasselbe gilt für Paul Achleitner, Finanzvorstand der Allianz und ehemaliger Deutschland-Chef von Goldman Sachs. „Achleitner fühlt sich pudelwohl in München.“ Und Heinz-Joachim Neubürger, Finanzchef von Siemens: „Viel zu früh in die Öffentlichkeit geraten, deshalb verbrannt.“ Aber allererste Priorität hat ohnehin die Rettung Ackermanns, schließlich scheint sich seine Strategie des ungebremsten Wachstums im Investment-Banking auszuzahlen. Und es gibt es ja noch immer den Paragrafen 153 a der Strafprozessordnung. Ackermann könnte eine Art Ablasshandel mit den Strafverfolgern abschließen. Der Schweizer akzeptiert Auflagen, die den Schaden wieder gutmachen, zum Beispiel eine Geldzahlung für gemeinnützige Zwecke. Im Gegenzug wird das Verfahren eingestellt, Ackermann gilt auch nicht als vorbestraft. Seine Verteidiger geben sich bedeckt: „Über unsere Strategie entscheiden wir nach dem 21. Dezember.“ Doch in der Bank heißt es, ein Deal sei eine realistische Option, sollte es tatsächlich zur Neuauflage des Prozesses kommen. Und falls Ackermann doch gehen muss? Ein hochrangiger Investmentbanker hat für seinen Nachfolger bereits einen guten Rat parat: „Als Erstes muss er Anshu Jain an die Luft setzen, um zu zeigen, wer Herr im Haus ist.“ | |||