30. Januar 2003 Des einen Freud ist des anderen Leid! Während die Aktionäre zähneknirschend auf die fallenden Aktienkurse blicken, reiben sich Anleihebesitzer wegen der steigenden Kurse an den Rentenmärkten die Hände. Die Renditen sind dadurch inzwischen so weit gefallen, dass sich die Frage stellt, ob hier nicht bald das Ende der Fahnenstange erreicht ist.
Für eine Einschätzung der Lage befragte FAZ.NET Felix Schleicher von der Münchener Fiduka Depotverwaltung. Der von ihm im Auftrag der PMG Fonds Management AG verwaltete Pro Funds Inter-Bond hat seit seiner Gründung ein jährliches Plus von 7,84 Prozent eingefahren und zählt damit regelmäßig zu den besten drei Vertretern in der Kategorie international anlegende Rentenfonds.
Herr Schleicher, die Renditen bewegen sich in der Nähe ihrer Rekordtiefs. Lässt das Anleihen aus Ihrer Sicht derzeit noch interessant erscheinen?
Die Talfahrt der Renditen ist eindeutig spekulativ. Mittelfristig auf noch tiefere Renditen zu setzen, halte ich für sehr riskant. Gerade bei den Staatsanleihen sind die Kurse weitgehend ausgereizt. Man kann vielleicht sogar so weit geht, dass die langjährige Anleihehausse langsam ausläuft. Das heißt aber nicht, dass uns Rückschläge im zweistelligen Bereich drohen. Aber schon ein Anstieg der Renditen in den Bereich von 5,00 bis 5,50 Prozent würde bereits erkleckliche Verluste bei Langläufern bringen.
Die schwache Konjunktur und die tiefe Inflation sprechen aber doch weiter für tiefe Renditen, oder?
Das Konjunkturbild ist das eine, Angebot und Nachfrage das andere. Anleihen sind überkauft wie selten zuvor in der Geschichte. Aus Furcht vor geopolitischer Unsicherheit sind viele Anleger aus Aktien raus und rein in Anleihen gegangen. Eine solche übertrieben einseitige Kaufneigung ist nie von langer Dauer. Unsere Prognose hat daher wenig mit Inflationsraten und dem Wirtschaftswachstum zu tun, sondern dem Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage. Die Risikoaversion ist extrem, was den Anleihen zu Gute kommt. So etwas kann aber binnen weniger Wochen wieder drehen.
Der Anleihemarkt kann selbst dann in die Knie gehen, wenn die Wirtschaft nur mit einem Prozent wächst. Dazu müssen sie nur die Verluste der Anleihen nach den Terroranschlägen vom 11. September anschauen. Das war damals nur auf Umschichtungen zugunsten des Aktienmarktes zurückzuführen. Die realen Renditen von 2,0 bis 2,5 Prozent sind aktuell jedenfalls sehr niedrig. Der historische Durchschnitt liegt bei rund drei Prozent.
Könnte es aber längerfristig nicht so weit kommen wie im Nullzinsland Japan?
In einigen Punkten mag der Vergleich mit Japan ja zutreffen. Im Wesentlichen sind die Unterschiede aber zu groß. Ich glaube auch nicht, dass Deflation unser Thema sein wird. Mittelfristig baut sich eher wieder Infaltionspotenzial auf. Die Notenbanken betreiben jedenfalls seit Jahren eine expansive Geldpolitik. Ein Indikator für eine möglicherweise höhere Inflation könnten die steigenden Rohstoffpreise sein.
Japan ist auch deshalb als Sonderfall zu sehen, weil das Land unter der ehemaligen Blase am Imobilienmarkt leidet, die einzigartig war. Gemessen daran war die Blase bei den Internetaktien eine Kleinigkeit. Ich rechne mit Inflationsraten zwischen ein und zwei Prozent. Darauf eine Realrendite von gut drei Prozent, dann kommen wir in den Bereich von fünf Prozent. Das impliziert gemessen am derzeitigen Niveau schon ein ordentliches Risiko.
Wie werden sich die Notenbanken verhalten?
Die Leitzinsen in den USA dürften eher auf dem aktuellen Niveau verharren. In Euroland besteht tendenziell noch etwas Luft nach unten. Wobei aber Leitzinsen und Kapitalmarktzinsen nicht zwangsläufig Hand in Hand gehen müssen.
Wie macht sich Ihr Szenario in Ihrem Anlageverhalten bemerkbar?
Wir haben die Laufzeiten unserer Anleihen bewusst verkürzt. Im Schnitt beträgt die Restlaufzeit noch vier Jahre. Drohende Zinssteigerungen tun uns da dann anders als bei Langläufern nicht mehr weh. Zudem haben wir fast keine Staatsanleihen mehr, sondern konzentrieren uns auf Industrieobligationen mit guter Bonität. Diese beinhalten noch immer einen Risikoaufschlag von 1,5 Prozentpunkten, was wiederum ebenfalls ein Indiz für die hohe Risikoaversion ist. Unsere größte Position ist ein bis Juni 2007 laufender Reverse Floater der Landwirtschaftlichen Rentenbank, der von rückläufigen Leitzinsen profitiert, dessen Kupon bei Leitzinssenkungen erhöht wird.
Gefallen finden wir auch an Anleihen des niederländischen Finanzdienstleister ING, an Titeln des Versorgers RWE oder an Telekomanleihen. Wir sind zwar keine Fans der Telekomaktien, aber eine Deutsche Telekom, deren Anleihen noch deutlich über 5,5 Prozent rentieren, wird ihre Schulden dank des riesigen Cash Flow begleichen können und das macht die Anleihe interessant.
Die Risikoaufschläge auf Grund der stark gestiegen Zahl der Pleiten ist ebenfalls in den meisten Unternehmensanleihen bereits drin. Von Junk Bonds oder Titeln, die keinen Investment Grade aufweisen, lassen wir aber die Finger. In Osteuropa engagieren wir uns auch nicht, weil uns dort die Risikoaufschläge inzwischen zu gering sind. Für uns ist es wichtig, nur ein überschaubares Risiko einzugehen.
Wie reagieren die Märkte bei einem Kriegsausbruch im Irak?
Oft war es in der Vergangenheit so, dass die Aktienmärkte bei Kriegsbeginn sogar erleichtert reagierten, weil dann die Zeit der Unsicherheit vorbei ist. In einem solchen Umfeld steigen die Anleiherenditen, weil etliche Anleger ihre Gelder wieder an den Aktienmarkt umschichten. So könnte es auch dieses Mal wieder passieren.
Das Gespräch führte Jürgen Büttner
Text: @JüB
Charttechniker sehen Dax schon bei 2.300 Punkten
28. Januar 2003 Neue langjährige Tiefstände beim Dax werden in der Gilde der technischen Aktienanalysten zunehmend zum Thema. Ein Zeichen dafür sei bereits der negative Vorlauf des Londoner Aktienmarkts mit dem freien Fall des FTSE 100 Index, so übereinstimmend Volker Bien, technischer Analyst der HypoVereinsbank, und die technischen Analysten von Commerzbank Securities - Pan European Index Research.
Stephen Schneider von der WGZ-Bank sieht die Konstellation der Indikatoren als Hinweis für deutlich fallende Kurse an. Sie alle nennen den Bereich zwischen 2.200 und 2.300 Punkten als mögliches Ziel für den derzeitigen Rückgang des Dax.
FTSE 100 Index als negativer Vorreiter
Bien stimmt vor allem die Marktdynamik bedenklich. Einerseits sei der Dax-Rückgang von einem hohen Momentum bestimmt. Das deute zwar daraufhin, dass der Markt überverkauft sei. Andererseits fehlten aber so genannte positive Divergenzen, die häufig starken technischen Reaktionen vorausgingen. Außerdem hätten wichtige Volatilitäts-Indikatoren keine neuen Höchststände markiert, ein Zeichen, dass ein bereinigender Ausverkauf nicht stattgefunden habe.
Zudem habe der Markt im vergangenen Jahr Dax-Stände deutlich unter 2.950 Punkten nicht akzeptiert, der Dax habe dort sehr stark ausgeschlagen und das Geschehen von Panig geprägt gewesen. Nun gebe es aber die Gefahr, dass sich der Dax deutlich unter dem bisher gut akzeptierten Niveau zwischen 2.950 und 3.250 Punkten festsetze.
Viele Anleger hätten zwar auf einen deutlichen Kursanstieg im laufenden Jahr gesetzt, seien aber doch auf rückläufige Kurse eingestellt gewesen und hätten deshalb Absicherungspositionen über den Jahreswechsel gehalten, so Bien zu dem, wie er sagt, “geordneten Rückzug der Kurse“. Das mittelfristige Abwärtspotenzial macht er nun am FTSE 100 und am S&P 500 Index fest. Der FTSE 100 habe Anfang 1994 bei 3.530 Punkten gestanden und damit knapp über dem derzeitigen Niveau. Da stand der Dax bei 2.280 Punkten.
Defensive Titel geraten in den Abwärtsstrudel
Die technischen Analysten von Commerzbank Securities - European Index Research meinen zum FTSE 100, mit dem Fall unter 3.600 Punkte in den vergangen Tagen habe der Index ein Signal für eine Fortsetzung der Baisse und damit ein weiteres Verkaufssignal gegeben. Sie sehen zunächst ein Abwärtspotenzial bis in den Bereich zwischen 3.200 und 3.000 Punkte.
Bien verweist darauf, dass der FTSE 100 bis Mitte 1994 sogar auf 2.844 Punkte fiel. Zwar markierte der Dax parallel ein Tief bei 1.950 Punkten. Doch so tief muss es auch bei einem Fall des FTSE mit dem Dax in diesem Rückgang nicht gehen, so der Analyst der HypoVereinsbank.
Denn die Schwäche des FTSE 100 Index begründen sowohl die Commerzbank-Gruppe als auch Bien mit den Verkaufssignalen so genannter defensiver Werte in Europa, die den FTSE stark prägen, den Dax aber nicht. Dazu gehören die Öl- und Gaswerte, Konsumaktien wie Diageo, Pharmawerte wie AstraZeneca und Glaxo oder die britischen Banken. Sie alle hätten drei Jahre Baisse vergleichsweise gut verkraftet. Nun seien Verkäufe in solchen defensiven Werten häufig ein Signal, dass die Baisse in eine späte Phase eintrete, so Bien. Bedenklich und untypisch sei aber, dass die Verkäufe gerade jetzt so starke mittelfristige Verkaufssignale erzeugten.
Auch der S&P 500 Index steckt in einer gefährlichen Lage
Vergleichsweise günstig zu bewerten sei dagegen die Relative Stärke so genannter High-Beta-Aktien, also von Titeln, die im “Normalfall“ stark schwankungsanfällig seien, so die Aktien aus den Bereichen Technolgie, Medien und Telekommunikation. Diese prägen eher den Dax. Das und die Überkauftheit des Marktes ließen zum einen auf ein Ende der Relativen Schwäche des Dax hoffen und zum anderen auf eine wenn auch nur moderate technische Reaktion, so Bien. Sollte der Dax den Dienstag noch positiv beenden, wäre das ein erstes Stabilisierungssignal.
Gegen eine starke Erholung an den Märkten spreche auch die Situation im S&P 500. Das Unterschreiten der zuvor “stark akzeptierten“ Unterstützung bei 890 und dann der 870er Punkte-Marke habe vermutlich einen Impuls nach unten ausgelöst. Anleger könnten nun nur hoffen, dass der S&P 500 bei 780 Punkten eine rechte untere Schulter einer inversen Kopf-Schulter ausbilde und so die Bodenbildung beende, so Bien.
Kurze Verschnaufpause denkbar
Schneider verweist zunächst auf den intakten Abwärtstrend. Der MACD als Trendfolgenindikator befinde sich im freien Fall, so der technische Analyst der WGZ-Bank. Die Abwärtsdynamik nehme zu. Der Dax werde vermutlich am Oktober-Tief von 2.520 Punkten kurz verschnaufen und dann weiter fallen. Erstes Ziel sei ein Stand knapp über 2.200 Punkten. Dort werde die Indikatorenkonstellation Aufschluss über die weitere Entwicklung geben, so der Analyst der WGZ-Bank.