Ich glaube nicht, dass die das einfach so hinnehmen werden."
Siegesparade für den Folterknecht
Jeremy Sivits ist als erster US-Soldat wegen Beteiligung an den Misshandlungen irakischer Gefangener im Bagdader Abu-Ghoreib-Gefängnis zu einem Jahr Haft verurteilt worden. Sein Heimatort feiert ihn trotzdem als Helden. Von Peter Gruber, Washington
Neulich haben sie für Jeremy Sivits gebetet. Der halbe Ort war auf den Beinen. Viele der Bewohner von Hyndman im US-Staat Pennsylvania sind in die Kirche gezogen, haben Kerzen angezündet und Loblieder auf den 24-jährigen Militärpolizisten gesungen.
Auch Jeremy’s Eltern, Daniel und Freda, waren dabei. Ein richtig guter Junge sei er, versicherten sie und alle Nachbarn stimmten ihnen zu. Jawohl, ein guter Junge: Immer freundlich, immer hilfsbereit und bescheiden. Fremde habe er stets mit Respekt behandelt und immer „Yes, Sir“, gesagt. An so einem könnten sich andere ein Vorbild nehmen: „Jeremy, Du bist unser Held!“
Jeremy Sivits konnte die Huldigungen nicht hören. Er sitzt derzeit in Bagdad hinter Gittern. Zu einem Jahr Gefängnis hat ihn dort ein US-Militärgericht verurteilt – wegen Beteiligung an den Misshandlungen von irakischen Häftlingen im berüchtigten Abu-Ghoreib-Gefängnis. Sivits hatte einige der Folter-Fotos aufgenommen, die jetzt rund um die Welt für Empörung sorgen und Amerikas Ruf zunehmend zerstören.
Der „gute Junge“ drückte auf den Auslöser, als die Gefreite Lyndie England einen nackten irakischen Gefangenen wie einen Hund an der Leine am Boden hielt. Er schoss auch das Foto, auf dem sich Feldwebel Sabrina Harman lachend über eine Pyramide von nackten Häftlingen beugt.
Vor dem Militärgericht hatte sich Sivits für schuldig bekannt. Wenn er seine Strafe abgesessen hat, wird er unehrenhaft aus dem Militärdienst entlassen. Seine Freunde und Nachbarn wollen ihn dann jedoch als Dorfhelden feiern.
Tiefste amerikanische Provinz
Hyndman, Pennsylvania im Mai. Der 1005-Seelen-Ort dampft unter der schwülen Frühsommerhitze, die erbarmungslos auf die Appalachian Mountains drückt. Dicke Wolken türmen sich über dichtbewaldeten Bergrücken. Am Abend soll es Gewitter geben.
Hyndman ist tiefste amerikanische Provinz: eine Verkehrsampel, eine Autowerkstatt, zwei Schulen, eine Tankstelle, ein Postamt und eine Bank. Die Straßen in Ost-West-Richtung heißen „Street“, die in Nord-Süd-Richtung „Avenue“ oder „Drive“. Mitten durchs Dorf führt die Eisenbahn und neben den Gleisen steht Junee’s Diner, wo sich die Einheimischen bei Kaffee und Pancakes zum Frühstück treffen.
Hyndman ist arm. Nur 27 700 Dollar verdient hier ein Einheimischer durchschnittlich im Jahr. Das liegt weit unter dem amerikanischen Mittelwert von 41 000 Dollar. Gute Jobs gibt es nicht. Einige pendeln täglich mehr als 150 Kilometer zur Arbeit – morgens und abends.
Wer jung ist und raus will aus Hyndman, geht zur Armee. Die hat nur 25 Kilometer entfernt, in Cresaptown im US-Staat Maryland, eine Basis. Auf der ist die 372. Militärpolizei-Kompanie stationiert. So hat es auch Sivits gemacht.
„Er ist doch nur nach Irak gegangen, um für die Befreiung des Landes zu kämpfen“, ereifert sich der 70-jährige Robert Gromer, der in der Nähe von Hyndman eine Rinderfarm betreibt: „Jetzt sperren sie ihn ein, nur weil er ein paar Fotos geschossen hat.“ Sobald Jeremy zurückkomme, nach Hyndman, könne er bei ihm arbeiten, beteuert Gromer. Und zwar sofort.
Eine Gemeinde verschließt die Augen. Sivits sei ein Sündenbock fürs Militär, schimpft etwa Michael Hosel, der den 24-jährigen GI schon als Kind kannte: „Die hatten den armen Jungen doch schon schuldig gesprochen, bevor sie das Verfahren überhaupt eröffneten.“
Kaum einer in Hyndman will Sivits auch nur die geringste Mitverantwortung am Folterskandal in Abu Ghoreib geben. „Wir sind hier alle zutiefst empört, wie das gelaufen ist“, meint Tom Cunningham, der Chef des örtlichen Militärveteranen-Vereins: „Er hat doch den Befehl bekommen, diese Bilder zu machen. Jetzt ist er ein Bauernopfer für die da oben; und zwar nicht nur im Militär, sondern auch in der Politik.“
Mit „denen da oben“ meint Cunningham zum Beispiel den Kommandeur der US-Truppen in Irak, Ricardo Sanchez. Erst am Sonntag hatte die „Washington Post“ schwere Vorwürfe gegen den General erhoben. Danach soll Sanchez persönlich bei Verhören, ja sogar Misshandlungen irakischer Gefangener in Abu Ghoreib dabei gewesen sein. Auf Cunninghams schwarzer Liste steht auch US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Schließlich kennt der Veteran die Berichte, wonach der Pentagonchef härtere Verhörmethoden für mutmaßliche El-Kaida-Terroristen angeordnet haben soll.
Und überhaupt, was sei denn schon passiert: „Die Iraker sind mit unseren Truppen doch auch nicht besser umgegangen“, sagt ein Mann im Pickup-Truck an der Tankstelle: „Fragen sie doch mal Jessica Lynch, wie es der ergangen ist. Außerdem sollen die Leute in Irak dankbar sein, dass wir sie befreit haben. Wo wären die denn, wenn Amerika ihnen nicht geholfen hätte?“
Banner über den Straßen
So ist die Stimmung in Hyndman, Pennsylvania, und auch der Bürgermeister kann daran nicht viel ändern: „Die Leute wollen nicht wahrhaben, dass einer der ihren in die Misshandlungen verwickelt war“, meint Delmar Biller.
Jetzt zeigt der Ort trotzig Flagge. Überall haben Bewohner an ihren Häusern gelbe Bänder und Fahnen für den Dorfhelden aufgehängt: „Wir unterstützen Jeremy Sivits“ steht auf einem Banner. Die Leute von Hyndman wollen es der ganzen Welt zeigen – jetzt erst recht: „Wenn Jeremy heimkommt, bereiten wir ihm einen Heldenempfang“, verspricht Veteranenchef Cunningham: „Das wird eine richtige Siegesparade!“
(Autor: Peter Gruber)