Am Montag tauchten die Kurse an Europas Börsen ab - um sich
genauso schnell wieder zu erholen. Verantwortlich ist die
Citigroup. Einer ihrer Händler gab einen Auftrag fehlerhaft ein.
Von Archibald Preuschat, Frankfurt
(Frankfurter Allgemeine) -- Montag Vormittag kurz nach
Handelsbeginn sackten Europas Börsen schlagartig ab. Los ging
es in Stockholm: Der dortige Index OMX verlor in der Spitze bis
zu 8 Prozent. Aus Skandinavien verbreitete sich die Schockwelle
schnell über den gesamten Kontinent. Der Euro Stoxx 50
verbuchte einen Verlust von knapp 3 Prozent. In absoluten
Zahlen wurde binnen Minuten ein Börsenwert von rund 300
Milliarden Euro vernichtet. Auch in Frankfurt näherte sich der
Leitindex Dax steil von oben der Marke von 13 800 Zählern. Doch
wie zerronnen, so gewonnen. Genauso schnell, wie die Kurse
nachgaben, erholten sie sich auch wieder. In Frankfurt konnte
der Dax seine Verluste im Vergleich zum Handelsschluss am
Freitag auf 1,1 Prozent eingrenzen. Und am Montagnachmittag
kratzte das Börsenbarometer wieder an der Marke von 14 000
Punkten.
Die Händler waren schon im Feierabend, als sich dann erste
Gerüchte verbreiteten: Ein falscher Handelsauftrag hatte den
Kurssturz und die anschließende Erholung ausgelöst. Börsianer
sprechen von einem "Flash Crash". Am späten Montagabend
bekannte dann die amerikanische Großbank Citigroup Farbe: "Am
Montag hat einer unserer Händler bei der Eingabe einer
Transaktion einen Fehler gemacht. Innerhalb weniger Minuten
haben wir den Fehler identifiziert und behoben", teilte die
Wall-Street-Größe eher zähneknirschend mit.
Ein fehlerhafter Auftrag sorgt nicht nur für
Gesprächsstoff in den Handelssälen, sondern schadet auch der
Reputation einer Bank. Dies kann für ein Institut durchaus
teuer werden. Ob dies der Citigroup droht, mochte diese auch
auf Nachfrage weder bestätigen noch dementieren. Ebenso wenig
gibt sie Auskunft, welche Konsequenzen der Fehlgriff für den
Aktienhändler haben könnte. Medienberichten zufolge soll dieser
im Londoner Handelssaal der Bank arbeiten.
Auch David Augustsson, Sprecher der Stockholmer Börse, die
von der amerikanischen Nasdaq betrieben wird, weicht der Frage
der finanziellen Verantwortlichkeit bewusst aus: "Das möchten
wir nicht kommentieren", sagte er auf Nachfrage, fügte aber
hinzu: "In der Regel betrachten wir alle an unseren Börsen
platzierten Abschlüsse als gültig, es sei denn, es liegen
bestimmte Umstände vor. Wir haben keinen Grund gesehen, am 2.
Mai getätigte Abschlüsse zu stornieren." Zuvor hatte der
Börsenbetreiber einen technischen Fehler oder gar einen
Hackerangriff als Grund für den plötzlichen Kurssturz
ausgeschlossen.
Der Citigroup droht auch Ärger mit den
Regulierungsbehörden. Der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge
hat die Bank schon das Gespräch mit den Aufsichtsbehörden
aufgenommen.
Der englische Begriff "Flash Crash" feiert am kommenden
Freitag seinen zwölften Geburtstag. Etabliert wurde er nach
einem Kurssturz an der Wall Street am 6. Mai des Jahres 2010,
der nur wenige Minuten währte. "Das Phänomen des Flash Crash
hat es auch schon früher gegeben", sagt Olaf Stotz, Professor
für Asset Management und Pension Economics an der Frankfurt
School of Finance & Management. Häufigste Ursache für eine
solche kurzfristige Marktverwerfung seien Eingabefehler eines
Händlers, so der Wissenschaftler. Seltener löse eine
unlimitierte Order in einem sehr engen Markt eine derartige
plötzliche Kursreaktion aus.
Laut Stotz gibt es zwar keine wissenschaftlich validen
Daten über die Zahl von "Flash Crashes". "Aber es ist
festzustellen, dass es in der jüngeren Vergangenheit häufiger
zu solchen Kursverwerfungen kommt und dass ihre Auswirkungen
steigen. Das liegt an der zunehmenden Vernetzung der Märkte und
der zunehmenden Geschwindigkeit im Handel", sagt Stotz. Tempo
machen automatisierte Algorithmen, gegen die herkömmliche
manuelle Orders das Nachsehen haben.
Die Aufträge der Algorithmen sind auch John Plassard,
Direktor der Bankengruppe Mirabaud & Cie, ein Dorn im Auge.
"Das Problem ist nicht der Fehler an sich, sondern all die
Algorithmen und Stopps, die ausgelöst wurden", sagte er der
Nachrichtenagentur Bloomberg. Guillermo Hernandez Sampere,
Handelschef der Manfred Piontke Vermögensverwaltung, will nicht
auf den Regulierer warten. "Makler, Banken und Börsen müssen
jetzt Änderungen vornehmen", lautete seine Stellungnahme.