Rundfunkansprache des britischen Premierministers Neville Chamberlain über seine Politik des Ausgleichs am 27. September 1938:
" ... Zuerst möchte ich zu denen sprechen, die meiner Frau oder mir in diesen letzten Wochen geschrieben haben, um uns ihre Dankbarkeit für meine Bemühungen auszudrücken und uns ihrer Gebete für meinen Erfolg zu versichern. Die meisten dieser Briefe kamen von Frauen – Müttern oder Schwestern unserer Landsleute –; aber daneben kamen zahllose andere aus Frankreich, aus Belgien, aus Italien und sogar aus Deutschland, und es war herzzerreißend, die sich darin kundtuende wachsame Besorgnis sowie die außerordentliche Erleichterung herauszulesen, als man – zu früh – glaubte, die Kriegsgefahr sei vorüber. Wenn ich das Gewicht meiner Verantwortlichkeit schon vorher als schwer empfunden habe, so erschien es mir nach der Lektüre dieser Briefe fast überwältigend. Wie schrecklich, phantastisch und unglaublich ist es, daß wir hier Schützengräben ausheben und uns Gasmasken anpassen sollen, weil in einem weit entfernten Lande ein Streit zwischen Menschen ausgebrochen ist, von denen wir nichts wissen. Noch unmöglicher scheint es, daß ein Streit, der grundsätzlich bereits beigelegt ist, zum Gegenstand eines Krieges werden sollte. Ich kann sehr wohl die Gründe verstehen, warum sich die tschechoslowakische Regierung nicht in der Lage sah, die ihr in dem deutschen Memorandum vorgelegten Bedingungen anzunehmen. Ich glaube jedoch nach meiner Unterredung mit Herrn Hitler, daß es – stünde nur Zeit zur Verfügung – möglich sein müßte, die Abreden über die Abtretung des Gebietes, in dessen Übergabe an Deutschland die tschechoslowakische Regierung bereits eingewilligt hat, durch ein Abkommen unter Bedingungen zu regeln, die der betroffenen Bevölkerung eine billige Behandlung zusichern. Sie wissen bereits, daß ich zur Schlichtung dieses Streites alles getan habe, was ein einzelner Mann überhaupt tun konnte. Nach meinem Besuch in Deutschland ist mir lebhaft bewußt geworden, wie sehr sich Herr Hitler als Beschützer der übrigen Deutschen fühlt und wie entrüstet er ist, daß Beschwerden nicht schon vordem Rechnung getragen worden ist. Er teilte mir privat mit und er wiederholte gestern öffentlich, daß nach Beilegen der sudetendeutschen Frage Deutschlands territoriale Ansprüche in Europa ein Ende hätten. Nach meinem ersten Besuch in Berchtesgaden erhielt ich die Zustimmung der tschechoslowakischen Regierung zu Vorschlägen, die das Wesentliche von dem enthielten, was Herr Hitler forderte, und ich war aufs äußerste überrascht, als ich nach Deutschland am 22. September zurückkam und erfuhr, daß er darauf bestand, daß ihm das Gebiet sofort ausgehändigt und sofort von deutschen Truppen besetzt werden sollte, und zwar ohne vorherige Abmachungen zur Sicherung derjenigen Einwohner dieses Gebietes, die keine Deutschen sind oder dem Deutschen Reich nicht anzugehören wünschen. Ich muß sagen, daß mir diese Haltung unvernünftig erscheint. Sollte sie auf Grund von Zweifeln entstehen, die Herr Hitler bezüglich der Absichten der tschechoslowakischen Regierung hegt, ihre Versprechungen auszuführen und das Gebiet zu übergeben, so habe ich eine Garantie der britischen Regierung für diese Versprechungen angeboten, und ich bin sicher, daß der Wert unseres Versprechens nirgends unterschätzt werden wird. Ich werde weder die Hoffnung auf eine friedliche Regelung aufgeben noch werde ich meine Bemühungen um den Frieden einstellen, solange noch irgendeine Aussicht auf Frieden besteht. Ich würde nicht zögern, auch noch einen dritten Besuch in Deutschland abzustatten, wenn ich der Ansicht wäre, daß das irgendetwas nützen würde. Im Augenblick fühle ich, daß ich nichts Nützliches mehr auf dem Wege der Vermittlung tun kann. In der Zwischenzeit gibt es gewisse Dinge, die wir bei uns zu Hause tun könnten und tun sollten. Es werden noch immer Freiwillige für die Schutzmaßnahmen gegen Luftangriffe, für die Feuerwehr- und Polizeikräfte und für die Einheiten des Landesheeres gebraucht. Ich weiß, daß jeder von Ihnen, Männer wie Frauen, bereit ist, seinen Anteil an der Verteidigung des Landes zu übernehmen, und ich bitte Sie alle, woweit Sie das noch nicht getan haben, Ihre Dienste den örtlichen Behörden zur Verfügung zu stellen, die Ihnen sagen werden, ob und in welcher Eigenschaft Sie gebraucht werden. Lassen Sie sich nicht beunruhigen, wenn Sie von Männern hören, die zur Bemannung der Flugabwehranlagen oder der Schiffe aufgerufen worden sind. Dies sind nur Vorsichtsmaßregeln, wie sie die Regierung in einer Zeit wie der heutigen treffen muß. Aber sie bedeuten nicht notwendigerweise, daß wir zum Krieg entschlossen sind, oder daß der Krieg unmittelbar bevorsteht. Wie sehr auch unsere Sympathien auf der Seite einer kleinen Nation sein mögen, die sich einem großen und mächtigen Nachbarn gegenübersieht, so können wir es dennoch nicht auf uns nehmen, allein um ihretwillen unser gesamtes Empire unter allen Umständen in einen Krieg zu verwickeln. Wenn wir kämpfen müssen, so muß es um größere Fragen gehen als um diese. Ich selbst bin bis in die tiefste Seele hinein ein Mann des Friedens. Ein bewaffneter Konflikt zwischen Staaten ist für mich ein Alpdruck; aber wenn ich davon überzeugt wäre, daß irgendeine Nation sich entschlossen hat, die Welt durch die Furcht vor ihrer Stärke zu beherrschen, so würde ich denken, daß man ihr Widerstand leisten muß. Unter einer solchen Herrschaft würde das Leben für Völker, die an die Freiheit glauben, nicht mehr lebenswert sein, aber der Krieg ist etwas Furchtbares, und wir müssen uns, bevor wir uns darauf einlassen, ganz klar darüber sein, daß es wirklich um die großen Dinge geht und daß die Aufforderung, alles zu ihrer Verteidigung zu wagen, auch nach genauer Abwägung aller Folgen unabweisbar ist. Im Augenblick bitte ich Sie, die Ereignisse der nächsten Tage so ruhig wie nur möglich abzuwarten. Solange der Krieg noch nicht begonnen hat, ist noch immer Hoffnung, daß er vermieden werden kann, und Sie wissen, daß ich bis zum letzten Augenblick für den Frieden arbeiten werde. Gute Nacht!"