Allianz - Ende einer Durststrecke? (EuramS)
Finanzen.net
Die Allianz nach dem schlimmsten Jahr ihrer Geschichte: Jetzt soll eine das Kapital erhöht werden. Das drückte den Kurs: Shortseller trieben ihn nach unten. Wie es weitergeht.
von Thomas Schmidtutz / Euro am Sonntag
Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle hielt sich diskret zurück. Auf der Bilanz-Pressekonferenz am Donnerstag überließ er seinem designierten Nachfolger Michael Diekmann bereitwillig die Bühne. Rund zehn Minuten hatten die Fotografen und TV-Teams für Bilder jenes Mannes, der zur Hauptversammlung Ende April an die Spitze des Allfinanz-Konzerns rücken soll. Dann erst betrat der amtierende Allianz-Boss den Saal.
Kein Zweifel: Henning Schulte-Noelle nimmt sich zurück und stärkt seinem Nachfolger den Rücken. Die Unterstützung kann der 48-Jährige gut gebrauchen. Schließlich übernimmt Diekmann den Konzern in der schwierigsten Lage seit Jahrzehnten. 1,2 Milliarden Verlust türmten die Münchner im Vorjahr auf. Das waren zwar rund 200 Millionen weniger als die meisten Analysten befürchtet hatten. Aber angesichts des ersten Firmenverlusts seit dem Zweiten Weltkrieg mochte sich darüber kaum jemand so recht freuen.
Auch Investoren waren nicht sonderlich erbaut. Vor allem die Ankündigung einer Kapitalerhöhung brachte die Allianz-Aktie am Donnerstag arg unter Druck. Bei extrem hohen Umsätzen gab das Papier bis zu elf Prozent ab. "Viele Hedge-Fonds spekulieren gegen die Aktie", so Michael Kuhlow vom Sales Trading bei Julius Bär in Frankfurt. Nach den Planungen will der Allfinanz-Konzern rund 118 Millionen neue Aktien zu mindestens 30 Euro je Aktie ausgeben. Derzeit gibt es 266 Millionen Aktien. Insgesamt sollen so bis Ende April wenigstens 3,5 Milliarden Euro hereinkommen. Das hat ein Bankenkonsortium im Zuge einer "unterzeichneten Kapitalerhöhung" garantiert.
Laut Kuhlow haben die vier beteiligten Institute Citigroup, Deutsche Bank, Goldman Sachs und UBS am Donnerstag einen Teil ihres Preis-Risikos gleich weitergegeben. Dazu haben sie potenziellen Investoren Aktien angeboten und ihnen vorab eine Zuteilung von 70 Prozent der gezeichneten Gesamtmenge garantiert. Daraufhin seien viele Investoren "short" gegangen, hätten also geliehene Aktien verkauft, um sie später zu dem günstigeren Kurs über die Kapitalerhöhung zurückzukaufen. Gerüchten zufolge spekulieren Hedgefonds auf einen Kurs von 45 Euro.
Analysten wurden von der Kapitalerhöhung ohnehin überrascht: "Der Markt hat eher eine Zwangswandelanleihe erwartet", sagt Arne Jockusch, Versicherungsanalyst bei dem Münchner Bankhaus Merck Finck &Co. Doch ähnlich wie andere Analysten sieht auch Jockusch den Schritt positiv. Immerhin hatte die Spekulation über eine Kapitalerhöhung in den vergangenen Wochen den Kurs der ohnehin angeschlagenen Aktie zusätzlich belastet. "Diese Unsicherheit ist jetzt raus, der Kapitalbedarf auf absehbare Zeit erst mal gedeckt", so Jockusch.
Die Münchner planen zudem, weitere 1,5 Milliarden Euro über eine nachrangige Anleihe aufzunehmen. "Wir wollen das gute Umfeld nutzen und weiteres Geschäft zeichnen", stellte Allianz-Finanzvorstand Paul Achleitner klar. Daneben will die Allianz mit dem frischen Geld ihr Rating im Doppel-A-Bereich absichern. Unterdessen läuft beim Hauptsorgenkind Dresdner Bank die Sanierung weiter. Die Bank bescherte dem Konzern im Vorjahr 3,2 Milliarden Euro Verlust. Seiner drohenden Entlassung kam Dresdner-Chef Bernd Fahrholz am Mittwoch zuvor und trat zurück. Ihm folgt mit Herbert Walter von der Deutschen Bank ein ausgewiesener Experte fürs Filialgeschäft.
Es wird erwartet, dass die Allianz am Privatkundengeschäft festhält, aber das Investmentbanking verkauft. Man werde sich für letzteres jedoch alle Optionen offen halten und es für Kooperationen interessant machen, sagte Diekmann. "Da gibt es keine Tabus, aber Prioritäten."
Das gilt auch für die Anlagestrategie. Eine relativ hohe Aktienquote werde vom Kapitalmarkt derzeit "nicht honoriert", so der künftige Allianz-Boss. Daher werde man sich "kapitalmarktschonend" von Aktien trennen. 2002 war die Allianz mit ihrem Portfolio übel unter die Räder gekommen. Unterm Strich musste der Konzern 5,5 Milliarden Euro auf Aktien abschreiben. Im ersten Quartal 2003 dürften weitere 750 Millionen Euro hinzukommen, schätzt Controlling-Vorstand Helmut Perlet.
Aber offenbar versucht Diekmann, das Haus wetterfest zu machen. Dazu wird auch die Überkreuzbeteiligung an der Münchener Rück auf 15 Prozent zurückgefahren. Damit tauchen die Ergebnisse der Rück nicht mehr in der Allianz-Bilanz auf. Und die Dresdner soll 2003 noch mal 250 Millionen einsparen, im operativen Geschäft wird eine schwarze Null angepeilt. Auch im Gesamtkonzern visiert Perlet wieder deutlich schwarze Zahlen an. Analysten halten das für realistisch. Anleger sollten sich die Aktie ruhig mal anschauen. Zwar bleibt das Papier weiter von der Kapitalmarkt-Entwicklung abhängig. Aber wenn der Kurs sich eingependelt hat und die Stimmung dreht, dürfte es steil nach oben gehen: "Es müsste schon viel passieren", sagt Merck-Finck-Analyst Jockusch, "wenn die Aktie nicht spätestens in einem Jahr im dreistelligen Bereich notiert."
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Quelle: Finanzen.net 23.03.2003 11:14:00