Chats über den „schönen Tod“
Experten: Suizidforen im Web gefährden labile Menschen
„Ich möchte an einen schönen Tod glauben, ohne ein Danach...,“ beginnt eines der „Suizidforen“ im Internet, und weiter heißt es: „Und ich möchte, dass es dir ähnlich geht.“ Die Wissenschaftler sehen in dem Online-Austausch über Todeswünsche und Selbstmordpläne große Risiken, besonders für labile junge und psychisch kranke Menschen. „Was bei manchen nur ein Spiel mit dem Feuer ist, wird für andere zur akuten Lebensgefahr,“ warnte Patrick Bussfeld von der Psychiatrischen Uniklinik. Die Nachahmung, der „Werther-Effekt“, sei gerade bei Chats zu befürchten. Nach Schätzungen gibt es in Deutschland etwa 30 Suizid-Plattformen, weltweit sollen es über 1000 sein. Oft erfahren die Nutzer auch, wie sie an Medikamente oder Waffen kommen. „Der Webmaster fühlt sich als Meister über Leben und Tod“, kritisierte der Münchner Psychiatrieprofessor Ulrich Hegerl und forderte eine professionelle Begleitung und Überwachung aller Foren und Chats, die sich an Menschen in Problemsituationen wenden.
Auf einem internationalen Symposium am LMU-Klinikum befassten sich jetzt Fachleute mit Chancen und Risiken des Internets für seelisch Kranke. Weil über psychische Leiden nicht offen gesprochen werde, nutzten viele die Möglichkeit, sich anonym zu informieren und Kontakt zu anderen Betroffenen aufzunehmen, erläuterte Hegerl, der Sprecher des „Kompetenznetzes Depression“. Das Großforschungsprojekt hat auch eine eigene Homepage, die täglich rund 1300 Personen besuchen (www.kompetenznetz-depression.de). Das Diskussionsforum, das ein Psychiater moderiere, trage dazu bei, dass sich manche Teilnehmer erstmals an einen Arzt wendeten oder ihre Medikamente einnähmen. „Die Resonanz ist viel stärker, als ich vermutet habe“, sagte Hegerl. Nun wolle man nicht nur die virtuellen, sondern auch die realen Kontakte Betroffener fördern.
Eine bedeutende Rolle kam dem Internet nach den Anschlägen des 11. September zu. Es sei in den Tagen danach zur wichtigsten Informationsquelle geworden, berichtete der New Yorker Robert S. Kennedy von „medscape“, der größten medizinischen Website. Traumaspezialisten berieten die Helfer, Überlebende tauschten sich aus, und Angehörige stellten Fotos ihrer Toten ins Internet. „So haben die Opfer ein Gesicht bekommen“, sagte Kennedy, „das war für die Familien sehr wichtig.“
Quelle:Süddeutsche Zeitung