vs. die unbarmherzige Realität der Praxis.
Deine theoretischen Berechnungen sind mathematisch faszinierend, aber sie krachen in der echten Welt der Börse an der Realität vorbei.
Du konstruierst hier ein perfektes Laborexperiment, das in der Praxis aus mehreren fundamentalen Gründen unmöglich umsetzbar ist. Schauen wir uns die harten Fakten an:
1. Die Illusion des perfekten Timings (Das Kristallkugel-Problem)Du schreibst wörtlich: „Wenn das Unternehmen bei 600 USD 3 % Aktien zurückkauft, musst du bei 600 USD ebenfalls 3 % deiner Aktien verkaufen...“Merkst du den Denkfehler?
Woher weiß ich als Aktionär denn im Januar bei Kursen von 600 USD, dass die Aktie im Juni bei 205 USD stehen wird?
Ein Aktienrückkauf wird vom Management fortlaufend, täglich und stillschweigend über das Jahr verteilt am offenen Markt durchgeführt. Als Aktionär erfahre ich erst Monate später im Quartalsbericht (10-Q), zu welchen Kursen das Management im Schnitt gekauft hat.
Dein Vorschlag verlangt vom Investor, dass er hellseherische Fähigkeiten besitzt und exakt am Peak Anteile verkauft.
Eine Dividende hingegen wird am Ex-Tag fix eingebucht. Ich muss nichts erraten, ich muss kein Timing betreiben, das Geld landet auf dem Konto, während meine Aktienanzahl konstant bleibt.
2. Warum dein GE- und Airline-Vergleich mathematisch hinkt
Du behauptest, die Liquiditätsprobleme von General Electric oder den Airlines wären bei einer Dividende exakt identisch gewesen.
Das ist falsch. Eine Dividende ist eine unumkehrbare Verpflichtung zum Barkapital-Abfluss, die das Management zu brutaler Haushaltsdisziplin zwingt.
Man überweist echtes Geld an Millionen Konten.Aktienrückkäufe hingegen werden von Vorständen genau deshalb missbraucht, weil sie „flexibel“ sind.
In Boomphasen sprudeln die Gewinne, die Kassen sind voll, und das Management kauft blind zu Höchstkursen zurück, um den Gewinn pro Aktie (EPS) künstlich aufzuhübschen und die eigene Stock-Based Compensation (SBC) zu bedienen.
Es ist psychologische Kurskosmetik. Wäre das Geld stattdessen als Dividende ausgeschüttet worden, hätte der Markt das Unternehmen von vornherein völlig anders (als Value-Aktie) bewertet und das Management hätte gar nicht erst die Möglichkeit gehabt, das Geld in einer Rückkauf-Waschanlage zu verbrennen.
Bei GE und den Airlines wurde Substanz gegen wertlose, weil später kollabierte, eigene Aktien getauscht. Das ist Kapitalvernichtung par excellence.
3. Der fundamentale Unterschied bei Adobe: Die SBC-Waschanlage
Du ignorierst in deiner gesamten Theorie den entscheidenden Punkt, den ich kritisiert habe: Die Zweckentfremdung der Rückkäufe.Bei Adobe frisst die aktienbasierte Vergütung (SBC) aktuell 28 % des gesamten Nettogewinns auf.
Das Management druckt also im großen Stil neue Aktien für sich selbst. Die milliardenschweren Rückkäufe dienen zu einem riesigen Teil überhaupt nicht dazu, die Aktienanzahl für uns langfristige Aktionäre effektiv zu senken (Shareholder Value), sondern sie funktionieren als teure Waschanlage, um die Verwässerung der Manager-Boni am offenen Markt mit unserem Cash wegzukaufen.Wenn ich deiner Logik folge und monatlich 0,25 % meiner Aktien verkaufe, um eine Dividende zu simulieren, schrumpft meine absolute Stückzahl im Depot unaufhörlich, während die Anzahl der Gesamtaktien durch die exzessive SBC der Insider verwässert wird.
Am Ende besitze ich eben nicht mehr denselben Unternehmensanteil, sondern ich blute mein eigenes Depot zugunsten der Vorstands-Boni aus.
Fazit Deine Theorie beschreibt, wie ein passiver S&P-500-ETF mathematisch mit Rückkäufen umgeht. Das ist für einen Indexinvestor auch völlig legitim.
Aber hier geht es um ein Einzelinvestment in eine Sondersituation.Als wertorientierter Value-Investor sehe ich eine Firma mit 89,4 % Bruttomarge, die operativ eine absolute Cash-Maschine ist, deren Management aber jede Disziplin vermissen lässt.
Zu behaupten, eine Dividende sei ein Zeichen für ein „unfähiges Management“, ignoriert die Investment-Philosophie von Warren Buffett, der Dividenden von Coca-Cola oder American Express genau deshalb liebt, weil sie einen unumstößlichen Cash-Boden (Yield Floor) einziehen.
Ich verkaufe hier im Tief überhaupt nichts. Ich halte meine Position, weil der aktuelle Kurs von ~205 USD fundamental spottbillig ist. Aber ich fordere – wie übrigens die Mehrheit der Großaktionäre beim negativen Say-on-Pay-Votum im Mai – das Ende der SBC-Selbstbedienung und den Übergang zu einer vernünftigen, disziplinierten Kapitalallokation (T-Bills + Dividende). Das hat nichts mit „Faulheit“ zu tun, sondern mit kaufmännischem Verstand.