Aus der FTD vom 25.4.2000
Lustgewinn durch Commerzbank-Coup
Von Götz Hamann, Hamburg
So wie es aussieht, werden die beiden Privatleute Klaus-Peter Schneidewind und Clemens Vedder beinahe 10 Mrd. DM auf den Tisch legen, um mehr als 21,7 Prozent aller Commerzbank-Aktien zu erwerben. Während das Ziel der neuen Großaktionäre, Einfluss auf die drittgrößte deutsche Bank zu gewinnen, unstrittig ist, sollen die Details erst am 5. Mai bekannt gegeben werden.
Schneidewind und Vedder zählen zu einem Investoren-Club, den lediglich der gemeinsame Wunsch nach möglichst profitablen Geschäften verbindet. Seit Jahren handeln die Männer in leicht wechselnden Konstellationen mit Unternehmensbeteiligungen. Doch nun, durch den Commerzbank-Coup, stoßen sie das erste Mal in eine Größenordnung vor, die sie in die Nähe von Investment-Größen wie dem Amerikaner Warren Buffet, dem Schweizer Martin Ebner oder dem Neffen des saudischen Königs, Prinz Walid Ibn Talal Ibn Abd el Asis, rückt.
Doch während Warren Buffet von seiner Strategie sagt, die von ihm geleitete Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway kaufe Unternehmen, um sie zu besitzen, verfolgt der deutsche Investoren-Club eine andere Strategie: rein-raus. Auf diese Weise machten sie Milliarden und beteuerten doch jedes Mal, ihr aktuelles Engagement sei ein langfristiges. Schneidewind verstieg sich vor drei Jahren sogar einmal gegenüber dem "Spiegel" zu den Worten: "Die Zeit des bloßen Geldmachens haben wir längst hinter uns." Damals ging es gerade um die Spar Handels AG, ein Geschäft, das über die Zukunft der Commerzbank einigen Aufschluss geben könnte. Entgegen aller verbalen Beruhigung verkauften die Männer ihre Beteiligungen bisher immer nach wenigen Jahren und nahmen Steuervergünstigungen, Verlustvorträge, Wertsteigerungen und mehrfach auch einen Teil der Unternehmenssubstanz mit. Deshalb gerieten sie in den Ruf, "Spekulanten" und "Finanzzocker" zu sein.
Wer im Fall der Commerzbank die 10 Mrd. DM gestellt hat, um einzusteigen, muss sich noch zeigen. Doch es wäre ungewöhnlich, wenn nicht auch Karl Ehlerding, der WCM-Mehrheitsaktionär, mit von der Partie wäre. Zwar sagen WCM-Vorstand Roland Flach und Ehlerding einhellig, dass die WCM nicht beteiligt sei, aber das schließt eine private Beteiligung von Ehlerding nicht aus. Bisher hat er an allen Geschäften des Investoren-Clubs mitgewirkt und mitverdient: Er gilt als der strategische Kopf und zudem als der Vermögendste in der Runde. Mit Immobilien und Unternehmensbeteiligungen hat er sein Geld gemacht. Allein der Anteil seiner Familie an der WCM hat einen Wert von mehr als 10 Mrd.DM.
Ehlerdings alter Freund Friedrich Dieckell aus Bremerhaven hatte vor Jahren den Kontakt mit Schneidewind hergestellt, den Dieckell von Kaufring zu Brilliantleuchten geholt hatte. Die Männer taten sich zusammen, und Dieckell war mit von der Partie, als es um den Kauf und Verkauf des Handelsunternehmens AVA und der Hamburger Spar Handels AG ging. Schneidewind kannte wiederum Clemens Vedder. Der hat sein Vermögen als Anlageberater und Immobilienhändler gemacht und handelte schon seit längerem mit Unternehmensbeteiligungen. Vedder, der jahrelang in Köln lebte und dort sogar eine Zeit lang Schatzmeister des damaligen Eishockey-Bundesliga-Clubs KEC war, wohnt inzwischen im sonnigen Florida und kommt nur gelegentlich nach Deutschland.
Neben Ehlerding, Schneidewind, Vedder und Dieckell taucht gelegentlich auch der Name Alexander Knapp-Voith auf, wenn es um Geschäfte des Clubs geht. Unter anderem kaufte er zehn Prozent de rAktien des neuen Entsorgungskonzerns Nordag, den Ehlerding, Schneidewind und Vedder nach der Übernahme von Euro Waste Services aus der Taufe hoben. Knapp-Voith entstammt einer süddeutschen Maschinenbaudynastie aus Heidenheim. Der Familienteil Knapp-Voith wurde im Zuge einer Realteilung abgefunden, und seitdem investiert der Geschäftsmann sein Vermögen indiverse Unternehmen, unter ihnen auch Internet-Startups. Nebenbei gönnte er sich auch Hamburgsnobelstes Autohaus Car&Driver, in dem Rolls-Royce, Ferrari und Aston Martin angeboten werden.
So kauften und verkauften die Privatleute – Vedder bezeichnet sich als "pensionierten Geschäftsmann" – in wechselnden Konstellationen schon so manches Unternehmen: Nordag, Spar, IVG, Wünsche und AVA.
Den Einstieg bei der Commerzbank haben die Männer von langer Hand geplant, urteilt ein Marktbeobachter. Ob zunächst die Privatleute Schneidewind, Vedder und Ehlerding oder die von ihnen kontrollierten Unternehmen WCM, Rebon oder Cobra die Aktien halten, macht keinen Unterschied – irgendwann bündeln sie die Papiere, und kein Vorstand kann mehr an ihnen vorbei.
Das Branchenblatt "Immobilien Vertraulich" berief sich schon vor zwei Monaten auf einen Informanten aus dem Umkreis von Ehlerding und berichtete, dass der Hamburger Milliardär gemeinsam mit der Schweizer UBS-Bank die Commerzbank übernehmen wolle. Als mögliche Interessenten fielen damals auch die Banken ABN Amro oder HSBC.
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