Finanzkrisen brechen im Schlussquartal aus
In einem deflationären Umfeld steigen die Schuldenkosten schmerzhaft, wenn die Zinssätze erst einmal die Nullgrenze erreicht haben. Aus finanziellen und politischen Gründen brechen Finanzkrisen oftmals im vierten Quartal aus. Unternehmen und Regierungen müssen ihre neuen Etats und Budgets ordnen. Im Endeffekt müssen die Europäische Union, Japan und möglicherweise auch die USA (falls sich die Aussichten weiter verschlechtern) wohl erkennen, dass schwächere Daten nur grössere Defizite – und damit höhere Schulden – bedeuten, sofern sie auf eine kurzfristige Lösung setzen wollen.
In einem deflationären Umfeld wird die Aufnahme neuer Schulden zu einem gefährlichen Spiel. Das lässt sich am Beispiel der EU illustrieren: Portugals öffentliche Verschuldung ist seit 2007 von ca. 70 Prozent des BIP auf mittlerweile 130 Prozent der Wirtschaftsleistung angewachsen. Irlands Schulden haben sich seit 2007 in etwa vervierfacht und belaufen sich jetzt auf 125 Prozent des BIP – und dennoch wird das Land als «Erfolgsstory» hingestellt! Griechenlands Staatsverschuldung beträgt 175 Prozent seiner Wirtschaftsleistung, trotz der Umschuldung Griechenlands vor ein paar Jahren. Draghi spielt die Vertrauenskarte in puncto EU-Verschuldung zwar durchaus erfolgreich, doch besteht jetzt weitaus mehr systemisches Risiko als jemals zuvor.
Die nächste Krise steht bevor
In China bereiten vor allem die Schuldendienstkosten insgesamt Sorge. Die Situation wird dadurch noch verschärft, dass chinesische Banken, Unternehmen und Bürger der irrigen Meinung sind, der Staat werde im Falle eines Falles für sie in die Bresche springen. Nach Angaben eines Analysten der Société Générale belaufen sich die Kosten, die in China insgesamt für den Schuldendienst (einschliesslich fällig werdender Verbindlichkeiten und Prolongationen) aufgewendet werden, auf knapp 39 Prozent der Wirtschaftsleistung. In den USA lag dieser Wert im Jahr 2007 bei rund 25 Prozent des BIP.
2013 beliefen sich die Schuldenkosten der US-Regierung auf über 6 Prozent der Haushaltsausgaben. Gegenüber dem höchsten Stand, als die Zinssätze sehr viel höher waren, ist das zwar eine Verbesserung, doch nur deshalb, weil die Fed unter Bernanke die Zinsen auf null gesenkt und drei QE-Runden lanciert hatte. Im Ergebnis ist die Schuldenlast jetzt weitaus höher als vor der Finanzkrise: 80 Prozent des BIP (Nettoverschuldung laut IWF) gegenüber 45 Prozent des BIP vor nur zehn Jahren. Der Zeitpunkt mag noch ungewiss sein, doch die USA, China und Europa steuern bereits auf die nächste vom Minsky-Moment ausgelöste Krise zu. Wenn die Krise Erfüllungsgehilfin eines echten Systemwandels ist, dann ist die Deflation ihr Herold.
Steen Jakobsen, Chefökonom bei Saxo Bank
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