Wenn die größten US-Unternehmen innerhalb weniger Tage Zahlen
abliefern, müsste eigentlich ein scharfes Bild der US-Wirtschaft
entstehen. Das Gegenteil ist der Fall.
Von Carsten Volkery
Die amerikanische Wirtschaftselite benahm sich diese Woche wie Alan
Greenspan. Lou Gerstner, Steve Jobs, Scott McNealy - sie alle
drückten sich um Prognosen wie sonst nur der Chef der US-Notenbank.
Eigentlich sollte diese Woche die lang ersehnte Klarheit bringen. Wie
geht es der US-Wirtschaft? Wann kommt der Aufschwung? Über die Hälfte
der im Dow-Jones-Index gelisteten Unternehmen gab Quartalszahlen
bekannt. Börsianer und Anleger hatten die Wende herbeigeredet, in
ihrer Vorfreude bereits Dow Jones und Nasdaq nach oben gepusht. Jetzt
mussten die Bosse nur noch bestätigen, dass das Geschäft in der
zweiten Jahreshälfte anziehen werde.
Sie wurden bitter enttäuscht. Besonders der Technologiesektor, seit
dem Nasdaq-Crash unter besonderer Beobachtung, wollte noch keine
Entwarnung geben. Intel kündigte an, der Preiskrieg mit AMD werde
sehr wahrscheinlich die Gewinnmargen in der zweiten Jahreshälfte
beeinträchtigen. Apple deutete an, die zweite Hälfte könnte unter den
Erwartungen bleiben. Es folgte Lou Gerstner mit dem dunklen Orakel,
dass auch IBM nicht unverwundbar sei. Microsoft setzte noch eine
ausgewachsene Gewinn- und Umsatzwarnung obendrauf.
Diese Fakten zusammengenommen scheinen ein klares Bild zu ergeben: Es
geht weiter abwärts. Doch auch das wollte keiner gesagt haben.
Stattdessen hieß es immer wieder: Die "Visibility" lasse Prognosen
nicht zu.
"No Visibility" bleibt die am häufigsten gebrauchte Beschreibung des
derzeitigen Zustandes. Dicke Wolken hängen weiterhin über der
US-Wirtschaft, keiner traut sich vorherzusagen, wann sie sich wieder
lichten. Die Softwarehersteller Sun und EMC weigerten sich
rundheraus, eine Prognose für den Rest des Jahres abzugeben.
Zu allem Überfluss warf auch Alan Greenspan noch ein paar
Nebelkerzen. In seiner gewohnt krausen Redeweise sagte er in seinem
halbjährlichen Rechenschaftsbericht vor dem US-Kongress: "Wir sind
nicht frei von dem Risiko, dass die wirtschaftliche Schwäche größer
ist als bisher angenommen." Und um diese Aussage noch nichtiger zu
machen, fügte er hinzu: "Es gibt erste Anzeichen, dass sich etwas von
positiver Natur zu entwickeln scheint."
Auch Greenspan weiß also nicht, wie es weiter geht. Die US-Wirtschaft
könnte sich zum Jahresende wieder erholen, sie könnte aber auch
weiter abrutschen.
Die einzigen, die eine klare Meinung haben, sind wie immer die
Analysten. Aber die haben ja auch nichts zu verlieren - schließlich
können sie unbehelligt ihre Meinung jede Minute ändern. Die Analysten
jedenfalls glauben laut der Konsensschätzung von Thomson
Financial/First Call, dass die Gewinne im dritten Quartal noch einmal
rückläufig sein werden, bevor sie sich im vierten Quartal erholen.
Das allerdings sei erfahrungsgemäß viel zu optimistisch, meint
Charles Hill, der Umfrageleiter bei Financial Thomson. Es sei
vielmehr absehbar, dass sich die Gewinne bis zum Jahresende nicht
mehr erholten.
Die Investoren sind nach der Zahlenflut genauso schlau wie vorher.
Ihnen bleibt nur eine Gewissheit: Die Krise ist noch nicht
überstanden. Doch nicht einmal diese traurige Erkenntnis scheint
irgendjemanden aufzuregen. Die Kurse bewegten sich im Verlauf der
Woche kaum. Der Dow schloss am Freitag auf dem Niveau von Montag, der
Nasdaq-Composite verlor schlappe zwei Prozent.
Statt eines Feuerwerks richtungweisender Quartalszahlen also nur die
gleiche alte Geschichte: Das Geschäft ist schwierig, Prognosen über
die Besserung gibt es nicht. Doch die Börsenpsychologie verlangt
einen gewissen Nervenkitzel. Darum werden die US-Anleger jetzt dem
nächsten, alles verändernden Großereignis entgegenfiebern: Der
Fed-Sitzung im August, wenn Greenspan vielleicht die siebte
Zinssenkung in diesem Jahr bekannt gibt.
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