Über den Wolken soll es bald vorbei sein mit Unerreichbarkeit und Langeweile. Parallel zur Cebit stellten Lufthansa Technik und Boeing den ersten Linienjet mit Breitbandanschluss ins Internet vor.Schon lange ist die Flugreise ein immanenter Systembruch: Schnelle, mobile Menschen, wichtig und beschäftigt, hetzen mit dem Handy am Ohr zum Gateway und - Schnitt - das Rauschen wird zur Stille, zwei Stunden, acht Stunden: uninformiert und unerreichbar.
In einem grauen Hangar der Lufthansa-Basis in Hamburg wird dieser Systembruch endlich beseitigt: Dort steht der Jumbojet "Sachsen-Anhalt", eine Boeing 747-400, dem im Rahmen eines so genannten D-Checks, eines umfassenden TÜVs für Flugzeuge, 250 Kilogramm feinste Technik eingebaut werden:
Lufthansa Technik
250 Kilogramm feinste Technik Server, Router und gekapselte Ethernetkabel, die in dem geordneten Gewirr von Kabelbäumen der Bordtechnik kaum auffallen. Sie versorgen entsprechende Netzsteckdosen, die trittsicher unter jedem Sitz versteckt sind.
Glücklicherweise spendiert die Lufthansa auch ganz normalen Strom, kein leerer Akku soll den Skysurfer stoppen. Parallel finden sich hinter der Deckenverkleidung in unmittelbarer Nachbarschaft von Sauerstoffmasken und Lichttechnik Boxen für die drahtlose Kommunikation (wireless Lan).
Ziel der Veranstaltung: 388 Passagiere sollen in diesem Flieger individuell mailen, surfen, chatten oder online spielen können. Möglich wird das durch Satellitenantennen (Phased Array Antenna), die von der Boeing-Tochter Connexion entwickelt wurden. Sie werden hinter der Buckelnase auf dem Rücken des Jumbos montiert. Elektronisch strahlgesteuert suchen sie permanent die beste Verbindung zum Satelliten. Klappt das auch bei 900 Kilometer pro Stunde, ist der Flieger breitbandig mit dem World Wide Web verbunden (zunächst mit 3 MBit/s, später mit 40 MBit/s).
In Privatjets sei diese Technik schon erfolgreich eingesetzt worden, sagt der verantwortliche Ingenieur Bernhard Conrad und sieht deshalb diesem Teil der im Herbst startenden Erprobungsphase auch gelassen entgegen.
Die "Sachsen-Anhalt" wird dann nämlich im Interkontinentalverkehr eingesetzt. Im Flugzeug wird es zu diesem Zeitpunkt für die Passagiere noch wenig futuristisch aussehen.
Installation der Empfangsantenne (vorne) und der Sendeantenne (hinten) auf der Boing 747-400 Das fliegende Internetcafé wird sich zunächst noch auf Plug and Play mit bordeigenen Laptops beschränken. Bevor der große Surfspaß über den Wolken losgeht, muss die Frage gelöst werden, wie man mal eben im Extremfall 388 verschiedene Laptops ins Netz hängt. Ob es in Zukunft eine wundersame Kompatibilität aller gängigen Betriebssysteme mit dem Bord-Netzwerk gibt, oder ob der Bordservice sich auf PC-Support statt auf Duty Free konzentriert, können die EDV-Spezialisten der Lufthansa noch nicht beantworten.
Auch fehlen noch Entwürfe für Bildschirme in Rückenlehnen und Ideen für Klapptische mit einer geschickt integrierten, Kaffee- und Whiskey-resistenten Tastatur.
Technische Kompatibilität? Kaum Probleme - aber wie ist es mit der kulturellen? Neben der Begeisterung für die technische Innovation stellt sich noch eine Reihe von Fragen: Was will der Surfer, der sich nicht bis ins Firmennetz durchroutet, um die Flugzeit als Arbeitzeit zu nutzen? Bis heute vermeidet die Lufthansa bei ihren Onboard Programmen durch wohlmeinende Zensur der Spielfilme Ängstigungen des Fluggastes. Sollen künftig Katastrophenmeldungen bereits auf dem Server aussortiert werden?
Test: Zwei Lufthansa-Techniker erproben das "Wolken-Surfen" Wie reagieren die Passagiere auf die denkbaren Belästigung durch nicht jugendfreie Websites am Nachbarsitz? Die Kombination von ethnischen, geschlechtlichen, religiösen und altersbedingten Rücksichten könnte eine erhebliche Ausdünnung des Programms notwendig machen. Das könnte schnell wieder das Ende des freien Surfens bei der Luftreise sein.
Projektleiter Burkhard Wigger hat auch daran schon gedacht: Das Konzept sieht neben dem frei verfügbaren World Wide Web auch eine gehostete Variante vor: Auf einem Proxie-Server an Bord wird ein speziell für die Lufthansa zusammengestelltes Portal angeboten: Nachrichten, Infotainment und vielen nützliche Informationen wie Hotelbuchung am Zielort, Autovermietungen und natürlich das Wetter werden dann angeboten. Aber, so muss man vermuten, dem Fluggast werden auch alle Nachrichten erspart, die ihn ängstigen könnten.
Und warum das alles? Die Lufthansa sichert sich mit diesem frühen Einstieg in die mobile Kommunikation am Himmel mehrere Pfründe: Neben den schwer zu bewertenden Faktoren wie dem Ruf, ein innovatives Unternehmen zu sein, und der Hoffnung auf Wettbewerbsvorteile durch zeitgemäßen Service für die Passagiere ist die Kooperation mit Boeing vor allem im technischen Bereich attraktiv. Lufthansa Technik erwirbt mit diesem Pilotprojekt umfangreiche Kenntnisse über den Einbau der neuesten Generation der Onboard-Unterhaltungselektronik.
An der Entwicklung der notwendigen Geräte ist sie beteiligt, an den daraus resultierenden Patenten natürlich auch. Die Einbaulogistik für unterschiedliche Flugzeugtypen kann Lufthansa Technik ohne Zeitdruck planen, umsetzen und auch ökonomisch verwerten. Dazu kommen zwei weitere Einkommensquellen: die Verdienstmargen als mobiler Zwischenhändler für Inhalte und die möglichen Einnahmen aus Werbung auf dem Lufthansa-Portal. Ohne den geringsten Zweifel am Erfolg will Projektleiter Wigger nach der Auswertung der Erkenntnisse des Testbetriebs in der "Sachsen-Anhalt" im Jahr 2003 nach und nach 90 Langstreckenflieger mit dem Breitbandanschluss ausrüsten. Im Jahr 2005 spätestens soll die Ausstattung des Flugzeuges mit Internetanschluss an jedem Sitz zum Alltag gehören.
Obwohl die Lufthansa Technik die Flugsicherheit durch die neue Kommunikationstechnik nicht gefährdet sieht, wird es auch künftig noch heißen: Meine Damen und Herren, wir befinden uns im Landeanflug auf Hamburg, bitte schalten Sie jetzt alle elektronischen Geräte aus .....
Man kann ja nie wissen.