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KGV 3,9 und 77 % Prozent Cashflow-Rendite – was läuft hier eigentlich schief?

Ist die Bewertung des US-Kabelnetzbetreibers Charter Communications zu gut, um wahr zu sein? Auf den ersten Blick ja, doch es tun sich Abgründe auf!
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Quelle: - © Emily Morter auf Unsplash.
Charter Communications Corp 141,06 € Charter Communications Corp Chart +3,87%
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Charter Communications: So billig ist fast niemand!

Die Aktie von Charter Communications, einem in den USA tätigen Kabelnetzbetreiber, steht schon seit Jahren unter anhaltendem Verkaufsdruck. Dieser hat sich in den vergangenen Tagen noch einmal dramatisch verschärft.

In nur einer Woche verlor das Papier ein Drittel seines Wertes. Die am vorvergangenen Freitag vorgelegten Quartalszahlen sorgten für Unsicherheit, nachdem das Unternehmen die Umsatz- und Kundenprognose des Marktes verfehlt hatte. Auch die anhaltend hohen Investitionskosten sorgen angesichts des turmhohen Schuldenberges für Verunsicherung.

Unternehmensbewertung auf Ramschniveau

Da sich die Geschäftsentwicklung trotzdem zumindest stabil entwickelt hat, ist die Unternehmensbewertung angesichts der fortgesetzten Kursverluste inzwischen Aufsehen erregend niedrig.

Für 2026 ist Charter Communications mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 3,9 bewertet – das entspricht einer Gewinnrendite von 25,6 Prozent. Angesichts eines Kurs-Cashflow-Verhältnisses von 1,3 liegt die Cashflow-Rendite sogar bei fast 77 Prozent. So viel hat kaum ein anderes an der Wall Street notiertes Unternehmen zu bieten.

Auch bei anderen Kennziffern handelt Charter Communications mit ausgesprochen niedrigen Vielfachen – so niedrig, dass sie um bis zu 70 Prozent sowohl unter dem Branchen- als auch dem 5-Jahres-Durchschnitt liegen.

Das Kurs-Buch-Verhältnis von 0,89 signalisiert eine Bewertung unter dem Buchwert. Das für 2026 prognostizierte Kurs-Gewinnwachstumsverhältnis (PEG) liegt 0,29 sogar unter dem von Wachstumsmaschinen wie Alphabet (2,00) oder Nvidia (0,64). Aus fundamentaler Perspektive ist die Aktie von Charter Communications damit ein "Screaming Buy".

Wachsender Wettbewerb und hohe Schulden belasten

Doch für diese vermeintlich günstige Bewertung gibt es gute Gründe. Das Kerngeschäft von Charter Communications wird durch Satellitenkommunikation bedroht. Unternehmen wie SpaceX, AST SpaceMobile und Amazon (durch die Übernahme von GlobalStar) drängen mit ihren Satellitennetzwerken mit aller Macht in den niedrigen Erdorbit (LEO) vor und bedrohen so das Geschäft und die Marktanteile klassischer Telekommunikations- und Kabelnetzanbieter. Das erklärt, warum Charter Communications zuletzt häufiger beim anvisierten Neukundenwachstum gepatzt hat.

Gleichzeitig trifft der wachsende Wettbewerbsdruck das Unternehmen in einer empfindlichen Phase. Charter Communications hat in den vergangenen Jahren viel Geld investiert, neue Kundinnen und Kunden zu erreichen. Dadurch sind die langfristigen Verbindlichkeiten auf 96 Milliarden US-Dollar gestiegen.

Eine hohe Verschuldung ist für Kommunikationsunternehmen nichts Ungewöhnliches, die Kredite sind durch die Sachwerte besichert. So ist zum Beispiel auch die Deutsche Telekom mit fast 100 Milliarden Euro an langfristigen Verbindlichkeiten verschuldet.

Toxischer Mix: Zinskosten steigen, Cashflows sinken

Allerdings kämpft Charter Communications mit einem toxischen Mix aus höheren Zinskosten auf der einen und sinkenden Cashflows auf der anderen Seite. Allein im vergangenen Quartal musste das Unternehmen 1,256 Milliarden US-Dollar an Zinskosten aufbringen, in den vergangenen 12 Monaten waren es 5,06 Milliarden US-Dollar.

Dem stand zwar ein operativer Cashflow von 16,15 Milliarden US-Dollar gegenüber, nach Abzug von Tilgung, Aktienrückkäufen und Investitionen stand jedoch ein Mittelabfluss in Höhe von 244 Millionen US-Dollar zu Buche. Das verlangt schon bald nach der Aufnahme neuer Schulden, da die liquiden Reserven aktuell bei nur 517,0 Millionen US-Dollar liegen.

Nichtsdestotrotz plant der Konzern 2026 in einem Umfeld nur langsam wachsender Kundenzahlen mit Investitionen in Höhe von 11,4 Milliarden US-Dollar. Das sorgt unter Investoren nicht zu Unrecht für Verunsicherung.

Der Kursabsturz der Aktie ist noch nicht vorbei

Wie Dividendenkönig Abbott Laboratories bietet auch der Chart von Charter Communications ein Bild des Grauens. Gegenüber ihrem Allzeithoch auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie hat die Akte inzwischen über 75 Prozent ihres Wertes verloren.

Zuletzt startete zwar ein vielversprechender Erholungsversuch, der scheiterte jedoch an der wichtigen 200-Tage-Linie, die damit als Widerstand bestätigt wurde. Die Enttäuschung über die schwachen Quartalszahlen sorgte dann für einen heftigen Abverkauf unter die zum Jahresauftakt markierten Mehrjahrestief.

Damit liegt gemeinsam mit dem Trendstärkeindikator MACD, der unter die Nulllinie gefallen ist und einen neuen Abwärtstrend anzeigt, ein starkes Verkaufssignal vor. Der Relative-Stärke-Index (RSI) signalisiert zwar deutlich überverkaufte Zustände, auch liegen in beiden Indikatoren noch bullishe Divergenzen vor. Ohne eine nachhaltige Bodenbildung sollten sich Anlegerinnen und Anleger aber nicht allzu bald Hoffnung auf eine Gegenbewegung oder gar eine Trendwende machen. Eine solche könnte an der mehrjährigen Unterstützung im Bereich von 140 bis 145 US-Dollar einsetzen.

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Fazit: Wer hier kauft, braucht Nerven aus Draht!

Der US-Kabelnetzbetreiber Charter Communications ist aktuell einer der günstigsten Werte, den die Wall Street zu bieten hat. Allerdings kämpft das Unternehmen mit hohen Schulden, einem veränderten Nutzungsverhalten weg von linearem TV hin zu Streaming-Dienstleistern und dem Wettbewerber durch satellitenbasierte Kommunikation.

Zwar stemmt sich der Konzern mit Investitionen in die Netzinfrastruktur gegen diesen Trend, doch vor dem Hintergrund der ohnehin hohen Schulden wirft das bei Investoren mehr Fragen auf, als dass es beantwortet.

Damit ist die Aktie nur für die hartgesottensten Antizyklikerinnen und Antizykliker geeignet. Gelingt es dem Management, das Ruder herumzureißen, könnte Charter Communications in den kommenden Jahren vor einem spektakulären Turnaround stehen. Bleibt das Userwachstum weiter hinter den Erwartungen zurück und die hohen Schulden verschlechtern den Cashflow und damit letztlich auch die Bonität weiterhin, könnte sich die schwierige Lage zu einer existenzbedrohenden verschlechtern.

Mit einer ebenfalls bemerkenswert günstigen Bewertung handelt der deutlich besser aufgestellte Mitbewerber Comcast. Im Unterschied zu Charter Communications zahlt das Unternehmen außerdem eine üppige Dividende von rund 4,9 Prozent.

Autor: ARIVA.DE Redaktion/Max Gross


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