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Warum teure Tech-Aktien, wenn der Staat Rekordrenditen garantiert?

US-Langläufer werfen Renditen wie seit 2007 nicht mehr ab. Für teure Tech-Aktien wird das zum Problem: Der risikofreie Zins ist zurück – und die Fed denkt an Zinserhöhungen.
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Quelle: - pixabay.com
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In den vergangenen Monaten ist es zu einem regelrechten Ausverkauf von US-Staatsanleihen – vor allem Langläufern – gekommen. Die Renditen sind gleichzeitig auf den höchsten Stand seit Jahren, teilweise sogar Jahrzehnten gestiegen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Warum sollten Anleger hohe Bewertungsrisiken bei Tech-Aktien eingehen, wenn der US-Staat für lang laufende Anleihen wieder Renditen von rund 5 Prozent bietet?

Die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen lag zuletzt bei 5,08 Prozent; zwischenzeitlich kletterte sie sogar auf gut 5,2 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit 2007, wie aus Bloomberg-Daten hervorgeht. Und auch die 10-jährigen Papiere rentieren aktuell mit bis zu 4,67 Prozent so hoch wie seit mehr als einem Jahr nicht mehr. Für Investoren, die auch Wert auf Sicherheit legen, ist das eine interessante Wendung der Anlageperspektive. Jahrelang galt, dass es kaum Alternativen zu Aktien gab, weil sichere Anleihen zu wenig abwarfen. Das hat sich nun geändert.

Für Wachstumsaktien ist der Renditeanstieg besonders gefährlich. Tech-Konzerne werden oft auf Basis hoher künftiger Gewinne bewertet, und hohe Renditen treffen Tech-Werte gleich doppelt: Sie senken den heutigen Wert künftiger Gewinne und verteuern zugleich die Finanzierung des KI-Booms. Besonders anfällig sind nicht unbedingt die bilanziell starken Mega-Caps wie Microsoft, Meta oder Alphabet (Alphabet C Aktie), sondern hoch bewertete Wachstumswerte wie Palantir, Cloudflare, Datadog oder Snowflake sowie kapitalintensive Zukunftswetten aus den Bereichen KI-Infrastruktur, Elektroautos, Raumfahrt und Quantencomputing. Bei ihnen beruht ein großer Teil der Bewertung auf Gewinnen, die erst in vielen Jahren erwartet werden. Steigen die Renditen, sinkt der heutige Wert dieser Gewinnfantasie – und zugleich wird neues Kapital teurer.

Damit steht der Aktienmarkt vor einem Bewertungsproblem. Wenn US-Staatsanleihen wieder 5 Prozent liefern, müssen Aktien deutlich mehr bieten: höhere Gewinnzuwächse, stabilere Margen oder zumindest eine niedrigere Bewertung. Andernfalls schrumpft die Risikoprämie, also der Aufschlag, den Anleger für Aktienrisiken verlangen.

BCA Research spricht deshalb von einem möglichen Zusammenstoß zwischen Aktien- und Bondmarkt. Der Kern der Warnung: Wenn die Fed wegen hartnäckiger Inflation wieder über Zinserhöhungen nachdenken muss, könnten sowohl Aktien als auch Anleihen unter Druck geraten. Aktien, weil der Diskontsatz steigt. Anleihen, weil die Renditen weiter nach oben laufen.

Warum die Renditen steigen

Der jüngste Renditesprung hat mehrere Ursachen. Erstens wächst die US-Wirtschaft robuster als erwartet. Konsum und Unternehmensinvestitionen halten sich trotz höherer Energiepreise und Zollbelastungen erstaunlich gut. Besonders der KI-Infrastrukturboom stützt die Investitionen.

Zweitens haben die Märkte ihre Zinserwartungen gedreht. Aus der Hoffnung auf Zinssenkungen ist die Furcht vor Zinserhöhungen geworden. Bei ihrer jüngsten Zinsentscheidung hat die US-Notenbank bereits die Möglichkeit von Zinserhöhungen diskutiert und auch am Markt wird die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung mittlerweile als minimal angesehen, während etwa 50 Prozent der Zins-Händler eine Erhöhung noch in diesem Jahr sehen, wie aus dem FedWatch Tool von CME hervorgeht.

Drittens verlangen Investoren wieder eine höhere Laufzeitprämie. Wer dem US-Staat für 10, 20 oder 30 Jahre Geld leiht, will für Inflation, Defizite und politische Unsicherheit entschädigt werden. Das ist politisch brisant. Die US-Regierung und der neue Fed-Chef Kevin Warsh hatten auf niedrigere Zinsen gehofft, um Wirtschaft und Märkte zu stützen. Doch der Bondmarkt sendet ein anderes Signal: Wenn die Inflation nicht fällt, reicht Stillhalten nicht. Dann muss die Fed entweder gegensteuern – oder riskieren, dass Investoren ihr die Glaubwürdigkeit entziehen.

Genau davor warnen auch Marktstrategen. Wartet die Notenbank zu lange, kann der Bondmarkt die Arbeit übernehmen. Dann steigen die Renditen nicht wegen Stärke, sondern wegen Vertrauensverlust. Für Aktien wäre das die gefährlichste Variante.

Die Schuldenfrage wird zum Renditetreiber

Hinzu kommt die Fiskalpolitik. Die USA finanzieren hohe Defizite, steigende Verteidigungsausgaben und wachsende Zinslasten. Das Congressional Budget Office erwartet für 2026 ein Haushaltsdefizit von 1,9 Billionen US-Dollar; bis 2036 soll die öffentliche Schuldenquote auf 120 Prozent des BIP steigen.

Je höher die Renditen, desto teurer wird die Refinanzierung alter Schulden. Je teurer die Refinanzierung, desto größer werden die Defizite. Und je größer die Defizite, desto mehr Rendite verlangen Investoren. Daraus kann ein selbstverstärkender Kreislauf entstehen. Jamie Dimon, Chef von JPMorgan, warnt deshalb, dass Zinsen noch deutlich höher steigen könnten.

Und das macht die Lage noch etwas schwieriger. Der US-Staat garantiert keine reale Rendite und keine Kursstabilität. Wer eine 30-jährige Anleihe bis zur Fälligkeit hält, bekommt nominal Kupons und Rückzahlung. Wer vorher verkaufen muss, trägt weiter erhebliche Kursrisiken. Genau diese Risiken haben viele Bond-Anleger zuletzt schmerzhaft gespürt. Und auch die höchste Rendite seit 30 Jahren ist nicht viel Wert, wenn es immer weiter aufwärts geht.

Tech-Aktien sind bei hohen Bond-Renditen nicht automatisch unattraktiv. Große Plattformkonzerne verdienen viel Geld, verfügen über starke Bilanzen und profitieren vom KI-Boom. Doch die Messlatte liegt jetzt höher. Anleger müssen sich wieder fragen, ob das erwartete Gewinnwachstum den Bewertungsaufschlag gegenüber sicheren Staatsanleihen rechtfertigt.

Solange die Renditen hoch bleiben, wird jede Tech-Bewertung härter geprüft. Und wenn die Fed tatsächlich wieder über Zinserhöhungen spricht, könnte aus dem Renditeanstieg ein echter Stresstest für die gesamte Aktienrallye werden.

Autor: Ingo Kolf, sbh-Redaktion


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