Von Christian Schubert, London

27. Juni 2004 Die amerikanische Zentralbank wird am kommenden Mittwoch die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte auf 1,25 Prozent erhöhen. Die Federal Reserve hat die Erwartungen an den Finanzmärkten in den vergangenen Wochen so gesteuert, daß die Anleger in überwältigender Mehrheit mit dieser Entscheidung rechnen. Zum ersten Mal seit vier Jahren wird der geldpolitische Gürtel in den Vereinigten Staaten damit wieder enger.
Das kräftige Wirtschaftswachstum und die anziehende Inflation machen diesen Schritt erforderlich. Weitere werden folgen. Unklar ist nur, ob die Federal Reserve bei Trippelschritten von 0,25 Prozent bleibt und wie lange die Zinsen steigen werden. Andeutungen darüber könnte es am Mittwoch nach der Fed-Sitzung in der Erklärung der amerikanischen Notenbankiers geben. „Es ist keine Frage, was die Fed auf ihrer nächsten Sitzung tun wird. Aber es gibt eine beträchtliche Debatte darüber, was sie sagen wird“, meint Peter Hooper, für Amerika zuständiger Chef-Ökonom der Deutschen Bank in New York.
Wenn die Fed von höheren Inflationsrisiken spreche, dann sei eine Zinssteigerung von 0,5 Prozentpunkten zu einem späteren Zeitpunkt in diesem Jahr denkbar. Die meisten Beobachter tippen derzeit indes noch auf die Strategie der Trippelschritte. Sollte die Fed am Mittwoch eine mit klaren Worten eine „moderate“ Zinsstrategie in Aussicht stellen, könnten die Aktienmärkte aus Erleichterung kurzzeitig anziehen, heißt es in London.
Hoher Ölpreis macht Investoren nervös
Die Zinsentscheidung am kommenden Mittwoch fällt mit einem anderen wegweisenden Datum zusammen: Die Übergabe der politischen Souveränität an eine einheimische Regierung im Irak. Wieviel Macht dabei faktisch auch immer transferiert wird, eine weitere Zunahme der Gewalt infolge dieses Termins könnte den Ölpreis belasten und damit die Aktienanleger verstimmen.
Seitdem der Preis für amerikanisches Rohöl Anfang Juni mit rund 42,5 Dollar je Faß den höchsten Stand seit 21 Jahren erreicht hat, sind die Investoren nervös. Der Wert des schwarzen Goldes ist inzwischen zwar wieder auf rund 38 Dollar gefallen, notiert für Unternehmen und Verbraucher aber immer noch unangenehm hoch. Allgemein beeinflußt das Thema Irak die Börsen auch insofern, als im Zweistromland Amerikas Rolle in der Welt sowie der Kampf gegen den Terrorismus mit entschieden werden. Ein Scheitern der Koalitionskräfte würde das Vertrauen der Anleger in ein international stabiles Umfeld beschädigen.
Die Europäische Zentralbank (EZB) wird unmittelbar nicht unter den Einfluß der Zinsentscheidung in Amerika geraten. Doch natürlich gibt es indirekte Zusammenhänge. Wenn die Zinserhöhungen in Amerika etwa den Dollarkurs stärken, dann beeinflußt dies die Inflationserwartungen in der Eurozone.
Analysten halten Zinserhöhung im Euro-Raum schon im September für möglich
Die EZB hat es mit einem Währungsraum zu tun, in dem das Wirtschaftswachstum - vor allem aufgrund der schwachen Konsumnachfrage im Inland - weiterhin enttäuscht. Dennoch wachsen die Verbraucherpreise derzeit mit 2,5 Prozent und könnten damit im vierten Jahr hintereinander die Zielmarke von 2 Prozent überschreiten. Wenn die Tarifparteien nun infolge der Preisschübe, die nicht zuletzt durch die hohen Benzinpreise verursacht sind, überzogene Lohnforderungen stellen, dann wird die EZB bald ein Zinssignal aussenden müssen. Dies könnte zuerst in Form von verbalen Warnungen vor höheren Zinsen erfolgen. Analysten wie Joachim Fels von Morgan Stanley halten aber schon eine Zinserhöhung im September für möglich.
Jetzt, wo sich die erste Hälfte des Jahres 2004 zu Ende neigt, können die Anleger auch eine erste Halbzeit-Bilanz ziehen: Im Konsens hatten die meisten Analysten zu Jahresanfang vor dem Hintergrund von steigenden Unternehmensgewinnen einen kräftigen Aufschwung an den Aktienmärkten vorhergesagt. Daraus wurde nichts, was einmal mehr zeigt, wie wenig dem berühmten „Konsens“ getraut werden sollte. Der FTSE World Index hat nur eine Gesamtrendite von 4 Prozent erzielt. An der Wall Street sind die Aktien weitgehend auf der Stelle getreten. In Europa kam immerhin - gemessen am FTSE Eurotop 300 - ein Kursplus von 5 Prozent seit Anfang Januar heraus.
Japans Aufschwung hängt nicht zuletzt an China
Unter den großen Wirtschaftsräumen hebt sich vor allem Japan positiv ab. Die Stärke der dortigen Erholung hat viele überrascht. Nachdem die Exporte anzogen, folgte auch die private Nachfrage. An der Börse schlug sich der Aufschwung in einer Kurssteigerung des Nikkei 225 von 11 Prozent seit Jahresbeginn nieder. In den vergangenen zwölf Monaten beträgt das Plus 30 Prozent. Aushängeschilder wie die Aktie von Toyota haben gar Kursgewinne von 50 Prozent in diesem Zeitraum erlebt.
Ob sich der Aufschwung in Japan fortsetzt, hängt nicht zuletzt von China ab. Wird es nach dem phänomenalen Wachstum dort eine harte oder eine weiche Landung geben? Japanische Exporte nach China waren im vergangenen Jahr immerhin zu mehr als einem Viertel für das Ausfuhrwachstum Japans verantwortlich. Am kommenden Donnerstag wird die Bank von Japan ihren vierteljährlichen „Tankan“-Bericht vorstellen, der über die Stimmung der Unternehmen Auskunft gibt. Weil wenig dunkle Wolken am Horizont zu sehen sind, erwarten viele Analysten daraus neue Nahrung für weitere Kursanstiege.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung