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Autor: DIETER KELLER | 06.12.2011
Viel Strom, wenig Leitungen
Berlin. Das Stromnetz erweist sich zunehmend als größtes Problem bei der Energiewende: Es gibt immer mehr Wind- und Solarstrom. Doch es wird schwierig, ihn zum Verbraucher zu transportieren, weil das Netz fehlt.
Noch ist Jochen Homann nicht zum Präsidenten der Bundesnetzagentur gewählt - das soll am kommenden Montag geschehen. Doch jetzt schon steht fest, dass auf den bisherigen Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium viel Arbeit zukommt: Er muss dafür sorgen, dass die nationalen Stromverteilnetze möglichst rasch ausgebaut werden. "Der Netzausbau wird das zentrale Thema der nächsten Jahre sein", gibt Noch-Amtsinhaber Matthias Kurth die Richtung vor. "Die Energiewende kann nur gelingen, wenn der Ausbau der Netze mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien Schritt hält."
Da hakt es jetzt schon gewaltig. Jedes zweite der 24 Projekte, die nach dem Energieleitungsausbaugesetz vom Jahr 2009 beschleunigt realisiert werden sollen, verzögert sich, und zwar um bis zu vier Jahre. Das bilanzierte die Bundesnetzagentur gerade in ihrem jährlichen Monitoringbericht über den Energiemarkt. Der wichtigste Grund ist Widerstand vor Ort: Verzögerungen bei der Genehmigung oder Klagen gegen Planfeststellungsbeschlüsse. Dagegen stehen Lieferengpässe bei den Anlagenherstellern und technische Probleme ganz hinten.
Eigentlich sollen bis 2014 bundesweit gut 1 800 Kilometer neue Höchstspannungstrassen gebaut werden. Doch davon sind erst 214 Kilometer fertig. Verzögerungen gibt es insbesondere in der Mitte Deutschlands, zeigt der Blick auf die Karte. Dabei sind die Projekte hier entscheidend für den Umbau des Netzes: Strom aus Windenergie wird vorrangig im Norden produziert, auch durch die wachsende Zahl von Offshore-Windparks vor der Küste. Gebraucht wird er insbesondere im Süden, wo die abgeschalteten Kernkraftwerke ersetzt werden müssen. Gerade warnte der Netzbetreiber Tennet, der die Leitungen von Eon übernommen hat, dass der Anschluss von zwei neuen Windparks in der Nordsee "in der bisherigen Geschwindigkeit und Form" nicht möglich ist.
Als "stabil und sicher" bezeichnet Kurth die gegenwärtige Situation im Netzbereich. "Allerdings müssen die Netzbetreiber immer häufiger in den Netzbetrieb eingreifen." Ökostrom ist da, aber er kann nicht transportiert werden - zunehmend ein Problem. Aufgabe der Netzbetreiber ist es zu gewährleisten, dass das Netz jederzeit die nötige Spannung und Frequenz beim Wechselstrom einhält. Dazu können sie etwa Windkraftanlagen von Netz nehmen, obwohl sie für den Strom eigentlich eine Abnahmeverpflichtung haben. Dieser Ausfall hat 2010 gegenüber dem Jahr zuvor um 70 Prozent zugenommen. Dies geschah insbesondere im Norden. "Das zeigt die weiter steigenden Herausforderungen, denen Netze im Hinblick auf den rasanten Zuwachs der erneuerbaren Energien bereits jetzt, insbesondere aber in den nächsten Jahren, ausgesetzt sein werden", kommentierte dies die Netzagentur im Monitoringbericht.