Aus der FTD vom 29.1.2003 www.ftd.de/kapital
Das Kapital: Zeit, dass sich Europa von der Wall Street emanzipiert
Wenn das Weiße Haus den alten Kontinent despektierlich beäugt, wie verächtlich muss dann die Wall Street erst auf die hiesigen Börsen blicken? Die Paranoia, mit der etwa Frankfurt auf jedes Indexpünktchen in New York gleich doppelt und dreifach reagiert, spottet jeglicher Beschreibung.
Das Beste ist, dass die Neurose auch noch mit der Hypothese der effizienten Märkte entschuldigt wird. Tatsächlich aber sind die Wall Street und die europäischen Börsen völlig verschiedene Welten. Nehmen wir BASF und DuPont . Die beiden Chemiefirmen erzielen vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Goodwill (Ebitda) Umsatzmargen von rund 16 beziehungsweise 18 Prozent. Aber während die Deutschen drei Fünftel der Jahreseinnahmen kosten, ist für den US-Konkurrenten der knapp 1,9fache Umsatz zu berappen. Was für ein Unsinn.
Vergleichen wir auch Siemens und General Electric (GE), obwohl das nicht ohne weiteres geht. GE erzielte im Industriegeschäft in den letzten drei Geschäftsjahren Mittelzuflüsse von im Schnitt etwa 14,2 Mrd. $. Dazu kommen die Finanzdienstleistungen, die rund 4,7 Mrd. $ jährlich verdient hatten. Die Firma hat einen Marktwert von 230 Mrd. $. Bewertet man die Finanztochter - gewagt - mit dem 15fachen Gewinn, ergibt sich für das restliche Geschäft ein Wert von etwa 155 Mrd. $, also dem elffachen Cash-Flow. Siemens erzielte in den letzten drei Geschäftsjahren operative Mittelzuflüsse von durchschnittlich 6,9 Mrd. Euro. Die Firma hat einen Börsenwert von 32 Mrd. Euro und - von den Finanzdiensten der Immobiliensparte abgesehen - netto 7,8 Mrd. Euro auf der hohen Kante.
Die Bewertungsdiskrepanz zwischen GE und Siemens klingt nicht nur verrückt, sie ist es. Die Liste ließe sich vermutlich auf alle 746 Firmen im CDax ausweiten. Natürlich stimmt es, dass die USA - trotz ihrer grässlichen Ungleichgewichte - die dynamischere Wirtschaft bleiben. Aber Siemens und BASF etwa erwirtschaften nur noch ein Fünftel des Umsatzes in Deutschland. Die Banken sollten ihre Handelsprogramme umschreiben - und die Anleger einmal tief in sich gehen.
DuPont
Über das letzte Jahr konnte man die Chemiebranche leicht in Optimisten und Pessimisten trennen. Während BASF und DuPont schon einen Aufschwung witterten, lief das Geschäft bei Bayer und Dow Chemical mehr schlecht als recht. Nach den jüngsten DuPont-Zahlen ist es mit dieser sauberen Trennung vorbei. Vorderhand sehen sie zwar recht gut aus. Aber das Volumenwachstum von zuletzt sieben Prozent basiert auf einem sehr schwachen Vorjahresquartal. Auch die Steigerung des 2002er Nettogewinns um 68 Prozent täuscht. Sie rührt fast gänzlich aus der niedrigeren Steuerquote. Vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Sondereffekten stieg der Gewinn nur um drei Prozent.
Und viel besser wird es vorläufig nicht. Für 2003 erwartet der Chemieriese ein nur moderates Volumenplus, während die Verkaufspreise nach wie vor eher nachgeben. Zusätzlich werden höhere Öl- und Rohstoffpreise dem ganzen Sektor zu schaffen machen. Dann hat DuPont noch mit steigenden Pensionskosten zu kämpfen, obwohl diese wenigstens nicht den Cash-Flow belasten. Natürlich senken die Amerikaner kräftig die Kosten. Aber für das erste Quartal 2003 erwarten sie kein Gewinnwachstum. Daran gemessen ist das laufende KGV der Aktie von 17 noch ganz schön optimistisch.
Jenoptik
Optisch verrenkt
Eines kann man Lothar Späths Werk sicher nicht vorwerfen: Trägheit. Natürlich hängt Jenoptik als Zulieferer für die Halbleiterindustrie mit in der Chipkrise. Doch die Jenaer haben inzwischen mehr als nur staubfreie Fabriken für ihre Kunden aus der Halbleiter- und Elektronikindustrie zu bieten.
Kamen zum Börsengang 1998 noch 80 Prozent der "Clean Systems"-Umsätze aus dem reinen Anlagenbau, so sind es jetzt nur noch 40 Prozent. Das hat nicht nur mit der schwachen Nachfrage zu tun. Denn Jenoptik mausert sich mehr und mehr zum Gebäudemanagementanbieter auf internationalem Parkett, also zum Dienstleister. Und diese Einnahmen trudeln regelmäßiger ein, wie der kürzlich abgeschlossene Fünf-Jahres-Vertrag mit Electronic Data Systems (EDS) zeigt. Zudem soll die für die Elektrobranche konzipierte Technik vermehrt auch in der Pharma- und Lebensmittelindustrie zum Einsatz kommen. Dass die Auftragsbestände um 29 Prozent auf 2,25 Mrd. Euro gestiegen sind, ist natürlich vor allem aufgeschobenen Orders von 300 Mio. Euro zu verdanken. Damit aber dürfte das Umsatzziel für 2003 von gut 1,6 Mrd. Euro locker drin sein. Mit dem geschätzten Konsens-KGV von 8,6 und dem knapp 0,3fachen Umsatz ist die größte gelistete Ost-Firma schon reichlich träge bewertet.
E-Mail: kapital@ftd.de
© 2003 Financial Times Deutschland , © Illustration: FTD
Das Kapital: Zeit, dass sich Europa von der Wall Street emanzipiert
Wenn das Weiße Haus den alten Kontinent despektierlich beäugt, wie verächtlich muss dann die Wall Street erst auf die hiesigen Börsen blicken? Die Paranoia, mit der etwa Frankfurt auf jedes Indexpünktchen in New York gleich doppelt und dreifach reagiert, spottet jeglicher Beschreibung.
Das Beste ist, dass die Neurose auch noch mit der Hypothese der effizienten Märkte entschuldigt wird. Tatsächlich aber sind die Wall Street und die europäischen Börsen völlig verschiedene Welten. Nehmen wir BASF und DuPont . Die beiden Chemiefirmen erzielen vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Goodwill (Ebitda) Umsatzmargen von rund 16 beziehungsweise 18 Prozent. Aber während die Deutschen drei Fünftel der Jahreseinnahmen kosten, ist für den US-Konkurrenten der knapp 1,9fache Umsatz zu berappen. Was für ein Unsinn.
Vergleichen wir auch Siemens und General Electric (GE), obwohl das nicht ohne weiteres geht. GE erzielte im Industriegeschäft in den letzten drei Geschäftsjahren Mittelzuflüsse von im Schnitt etwa 14,2 Mrd. $. Dazu kommen die Finanzdienstleistungen, die rund 4,7 Mrd. $ jährlich verdient hatten. Die Firma hat einen Marktwert von 230 Mrd. $. Bewertet man die Finanztochter - gewagt - mit dem 15fachen Gewinn, ergibt sich für das restliche Geschäft ein Wert von etwa 155 Mrd. $, also dem elffachen Cash-Flow. Siemens erzielte in den letzten drei Geschäftsjahren operative Mittelzuflüsse von durchschnittlich 6,9 Mrd. Euro. Die Firma hat einen Börsenwert von 32 Mrd. Euro und - von den Finanzdiensten der Immobiliensparte abgesehen - netto 7,8 Mrd. Euro auf der hohen Kante.
Die Bewertungsdiskrepanz zwischen GE und Siemens klingt nicht nur verrückt, sie ist es. Die Liste ließe sich vermutlich auf alle 746 Firmen im CDax ausweiten. Natürlich stimmt es, dass die USA - trotz ihrer grässlichen Ungleichgewichte - die dynamischere Wirtschaft bleiben. Aber Siemens und BASF etwa erwirtschaften nur noch ein Fünftel des Umsatzes in Deutschland. Die Banken sollten ihre Handelsprogramme umschreiben - und die Anleger einmal tief in sich gehen.
DuPont
Über das letzte Jahr konnte man die Chemiebranche leicht in Optimisten und Pessimisten trennen. Während BASF und DuPont schon einen Aufschwung witterten, lief das Geschäft bei Bayer und Dow Chemical mehr schlecht als recht. Nach den jüngsten DuPont-Zahlen ist es mit dieser sauberen Trennung vorbei. Vorderhand sehen sie zwar recht gut aus. Aber das Volumenwachstum von zuletzt sieben Prozent basiert auf einem sehr schwachen Vorjahresquartal. Auch die Steigerung des 2002er Nettogewinns um 68 Prozent täuscht. Sie rührt fast gänzlich aus der niedrigeren Steuerquote. Vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Sondereffekten stieg der Gewinn nur um drei Prozent.
Und viel besser wird es vorläufig nicht. Für 2003 erwartet der Chemieriese ein nur moderates Volumenplus, während die Verkaufspreise nach wie vor eher nachgeben. Zusätzlich werden höhere Öl- und Rohstoffpreise dem ganzen Sektor zu schaffen machen. Dann hat DuPont noch mit steigenden Pensionskosten zu kämpfen, obwohl diese wenigstens nicht den Cash-Flow belasten. Natürlich senken die Amerikaner kräftig die Kosten. Aber für das erste Quartal 2003 erwarten sie kein Gewinnwachstum. Daran gemessen ist das laufende KGV der Aktie von 17 noch ganz schön optimistisch.
Jenoptik
Optisch verrenkt
Eines kann man Lothar Späths Werk sicher nicht vorwerfen: Trägheit. Natürlich hängt Jenoptik als Zulieferer für die Halbleiterindustrie mit in der Chipkrise. Doch die Jenaer haben inzwischen mehr als nur staubfreie Fabriken für ihre Kunden aus der Halbleiter- und Elektronikindustrie zu bieten.
Kamen zum Börsengang 1998 noch 80 Prozent der "Clean Systems"-Umsätze aus dem reinen Anlagenbau, so sind es jetzt nur noch 40 Prozent. Das hat nicht nur mit der schwachen Nachfrage zu tun. Denn Jenoptik mausert sich mehr und mehr zum Gebäudemanagementanbieter auf internationalem Parkett, also zum Dienstleister. Und diese Einnahmen trudeln regelmäßiger ein, wie der kürzlich abgeschlossene Fünf-Jahres-Vertrag mit Electronic Data Systems (EDS) zeigt. Zudem soll die für die Elektrobranche konzipierte Technik vermehrt auch in der Pharma- und Lebensmittelindustrie zum Einsatz kommen. Dass die Auftragsbestände um 29 Prozent auf 2,25 Mrd. Euro gestiegen sind, ist natürlich vor allem aufgeschobenen Orders von 300 Mio. Euro zu verdanken. Damit aber dürfte das Umsatzziel für 2003 von gut 1,6 Mrd. Euro locker drin sein. Mit dem geschätzten Konsens-KGV von 8,6 und dem knapp 0,3fachen Umsatz ist die größte gelistete Ost-Firma schon reichlich träge bewertet.
E-Mail: kapital@ftd.de
© 2003 Financial Times Deutschland , © Illustration: FTD