KOMMENTAR - YAHOO: Auf der Resterampe
Wenige Tage hat es gedauert, bis Yahoo eingeknickt ist. Auf Bitten des Finanzinvestors Starboard Value wird nun der Verkauf des Kerngeschäfts geprüft. Dabei besitzt Starboard nicht mal 1 % der Anteile. Für CEO Marissa Mayer scheint die Zeit nicht abzulaufen. Sie ist es schon. Denn was ist Yahoo ohne das Online-Kerngeschäft? Eine Holding mit zwei wesentlichen Beteiligungen: 35 % an Yahoo Japan; 15 % an Alibaba. Der verbliebene Anteil an dem chinesischen Internetkonzern ist aktuell knapp 32 Mrd. Dollar wert. Die Beteiligung an Yahoo Japan kommt auf 8,5 Mrd. Dollar. Beides zusammengenommen ist weit wertvoller als Yahoo derzeit. Trotz eines knapp 7-prozentigen Kurssprungs am Mittwoch kommt der Internetkonzern, der in den USA im Oktober laut Comscore nach Facebook und Google die drittmeisten Besucher aufwies, nur auf 34 Mrd. Dollar Marktkapitalisierung.
Wenn Starboard Value vorschlägt, das Kerngeschäft zu veräußern, kann mit großen Einnahmen also kaum gerechnet werden. Der Finanzinvestor erwartet sich Einnahmen von 2 Mrd. Dollar. Optimistischere Analysten hoffen maximal auf doppelt so viel. Die Verkaufsforderung hat ohnehin andere Gründe als den Preis.
Wenn Konzernchefin Mayer ihren Plan durchziehen kann und den Alibaba-Anteil Anfang des Jahres veräußert, drohen die daraus resultierenden Einnahmen zumindest zum Teil in neuen Projekten zur Wiederbelebung des Kerngeschäfts zu versickern. Wird dieses vorher versilbert, könnten die Einnahmen komplett an die Aktionäre gehen. Offenbar ist das Vertrauen in Mayers Unternehmensführung so weit geschrumpft, dass man ihr keinen Meter Spielraum mehr gönnen mag.
Aber auch die Konzernchefin selbst traut sich wohl nicht mehr zu, Herrin der Lage zu werden. Vor wenigen Wochen berichtete das gewöhnlich gut informierte Online-Portal Recode, dass sie Berater von McKinsey ins Haus geholt habe, um die Reorganisation voranzutreiben. Nach mehr als drei Jahren erfolgloser eigener Versuche, eine strategische Ausrichtung zu finden, kommt dies einem Offenbarungseid gleich. Tatsächlich hat Mayer nichts mehr zu verlieren. Dass Yahoo vor dem endgültigen Aus steht, haben unzählige flüchtende Führungskräfte in den vergangenen Monaten bereits gezeigt. Die hoch bezahlte Neuverpflichtung von Amazon, Jon McCormack, nahm bereits nach wenigen Wochen Reißaus. Statt zurück in goldene Zeiten hat Mayer Yahoo dahin geführt, wo die abgängigen Manager nicht landen wollten: auf die Resterampe.
(Börsen-Zeitung, 3.12.2015)
Quelle: www.boersen-zeitung.de/index.php?li=300&artid=2015232002