Die Virus Tracing Group beschleunigt die Medikamentenentwicklung.
Geschäftsidee: Viren beim Infizieren lebender Zellen in Echtzeit filmen; Umsatz: 14 Millionen Euro (2005); Kunden: Pharmakonzerne weltweit
Die Figuren: fein säuberlich in Reih und Glied, spielbereit, jederzeit. Wann immer er Luft hat, sitzt er am Brett - mit Kollegen, oder für seinen Heimatverein SV Ilmmünster. "Schach ist wunderbar", sagt Georg Seisenberger, "schult den Blick für größere Zusammenhänge."
Dass er den auch fernab des Schachbretts besitzt, hat der 29-jährige promovierte Chemiker unlängst unter Beweis gestellt. Zusammen mit seinem Doktorvater Christoph Bräuchle, Professor für Physikalische Chemie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, und Diplomchemiker Thomas Endreß ist Seisenberger eine wissenschaftliche Sensation gelungen: Erstmals ist es möglich, ein einzelnes Virus farblich zu markieren, live beim Angriff auf und beim Eindringen in eine lebende Zelle zu filmen und so den Infektionsweg exakt nachzuzeichnen. Bisher gelang nur Forschung an Virenwolken und toten Zellen. Der Knackpunkt: ein von den drei Wissenschaftlern weiterentwickeltes, handelsübliches Lasermikroskop, gekoppelt mit einer hochauflösenden Kamera, die den Vorgang in Echtzeit filmt. "Damit", so Bräuchle, "liefern wir das Drehbuch einer Virusinfektion." Das bestätigte auch das renommierte US-Wissenschaftsmagazin "Science": "Nie war Reality-TV so gut."
Ging man bisher davon aus, dass es bis zu einigen Stunden dauert, bis sich die Erbsubstanz eines Virus im Zellkern festsetzt, weiß man nun: das geschieht oft in Sekunden.
Eine Erkenntnis, die die Entwicklung von Medikamenten gegen Viruserkrankungen wie Influenza, Herpes oder HIV wesentlich beschleunigen könnte. Lässt sich doch so schon vor Eintritt in die zeit- und kostenintensive Phase medizinischer Forschung die Zahl der weiter zu untersuchenden Substanzen um bis zu 80 Prozent reduzieren. Dauert es bislang durchschnittlich elf Jahre und kostet mindestens 250 Millionen Euro, bis aus rund einer Milliarde Anfangssubstanzen ein marktreifes Medikament entwickelt ist, könnten sich Pharmariesen wie Roche oder GlaxoSmithkline dank der neuen Methode künftig nicht nur viele Tierversuche, sondern auch einen Großteil ihrer Forschungskosten sparen. Selbst in der Prionenforschung könnte die Methode zum Einsatz kommen – und so helfen, BSE zu bekämpfen.
Auf rund vier Milliarden Euro taxieren die Wissenschaftler ihren Markt – von dem sie sich über die von ihnen gegründete Virus Tracing Group „eine gewaltige Scheibe abschneiden“ wollen: Schon Ende 2002 will man schwarze Zahlen schreiben, langfristig nicht nur als weltweiter Dienstleister der Pharmariesen antreten, sondern selbst in die Medikamentenentwicklung einsteigen. 2005 sollen 25 Mitarbeiter 14 Millionen Euro umsetzen und dabei rund zehn Millionen Euro Gewinn vor Steuer verdienen.
"Unsere Position", so Seisenberger, "ist exzellent." Er belegte letztes Jahr als einer von weltweit acht Stipendiaten einen Intensivkurs für Unternehmensgründer am renommierten MIT in Boston, Partner Endreß erstellte nach Abschluss des Diplomstudiums Branchenstudien für eine Consultingtochter der Deutschen Bank – auch im Bereich Pharmazie. Den Businessplan schrieben sie im letzten Frühjahr, in dreimonatiger Nachtarbeit. Stress? Nein! "Jetzt", sagt Seisenberger, "habe ich wenigstens die Abende frei." Und Renaissanceliebhaber Bräuchle, der mit 25 lieber ein Buch über die Uffizien verfasst hätte, bevor er sich der Naturwissenschaft verschrieb, war gerade im Skiurlaub. "Arbeit und Freizeit", sagt er, "sollte man trennen."
Der Erfolg gibt ihm Recht: Beim Münchener Business Plan Wettbewerb Mitte 2001 errang das Startup den dritten Platz, erste Projekte sind an Land gezogen. Bald wird "ein Topmanager aus der Pharmabranche" zehn Prozent der Anteile übernehmen und seine kaufmännische Erfahrung einbringen. "Wir haben eben nicht nur eine Vision", sagt Bräuchle, "sondern eine Technologie, die weltweit ohne Alternative und sofort einsetzbar ist."
Klinkenputzen müssen die Jungunternehmer trotzdem. Bis zu 50 Gespräche pro Woche, mit potenziellen Partnern, Risikokapitalgesellschaften, Auftraggebern. Die Devise: die Braut hübsch machen. „In der Wissenschaft zählen längst nicht mehr nur die Fakten – im Unterschied zum Schach“, sagt Seisenberger.
Und ist froh, dass er am Wochenende wieder am Brett sitzt, für den SV Ilmmünster. "Der Aufstieg ist jedenfalls fest geplant", sagt Seisenberger. Nicht nur beim Schach.
MANFRED ENGESER
Geschäftsidee: Viren beim Infizieren lebender Zellen in Echtzeit filmen; Umsatz: 14 Millionen Euro (2005); Kunden: Pharmakonzerne weltweit
Die Figuren: fein säuberlich in Reih und Glied, spielbereit, jederzeit. Wann immer er Luft hat, sitzt er am Brett - mit Kollegen, oder für seinen Heimatverein SV Ilmmünster. "Schach ist wunderbar", sagt Georg Seisenberger, "schult den Blick für größere Zusammenhänge."
Dass er den auch fernab des Schachbretts besitzt, hat der 29-jährige promovierte Chemiker unlängst unter Beweis gestellt. Zusammen mit seinem Doktorvater Christoph Bräuchle, Professor für Physikalische Chemie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, und Diplomchemiker Thomas Endreß ist Seisenberger eine wissenschaftliche Sensation gelungen: Erstmals ist es möglich, ein einzelnes Virus farblich zu markieren, live beim Angriff auf und beim Eindringen in eine lebende Zelle zu filmen und so den Infektionsweg exakt nachzuzeichnen. Bisher gelang nur Forschung an Virenwolken und toten Zellen. Der Knackpunkt: ein von den drei Wissenschaftlern weiterentwickeltes, handelsübliches Lasermikroskop, gekoppelt mit einer hochauflösenden Kamera, die den Vorgang in Echtzeit filmt. "Damit", so Bräuchle, "liefern wir das Drehbuch einer Virusinfektion." Das bestätigte auch das renommierte US-Wissenschaftsmagazin "Science": "Nie war Reality-TV so gut."
Ging man bisher davon aus, dass es bis zu einigen Stunden dauert, bis sich die Erbsubstanz eines Virus im Zellkern festsetzt, weiß man nun: das geschieht oft in Sekunden.
Eine Erkenntnis, die die Entwicklung von Medikamenten gegen Viruserkrankungen wie Influenza, Herpes oder HIV wesentlich beschleunigen könnte. Lässt sich doch so schon vor Eintritt in die zeit- und kostenintensive Phase medizinischer Forschung die Zahl der weiter zu untersuchenden Substanzen um bis zu 80 Prozent reduzieren. Dauert es bislang durchschnittlich elf Jahre und kostet mindestens 250 Millionen Euro, bis aus rund einer Milliarde Anfangssubstanzen ein marktreifes Medikament entwickelt ist, könnten sich Pharmariesen wie Roche oder GlaxoSmithkline dank der neuen Methode künftig nicht nur viele Tierversuche, sondern auch einen Großteil ihrer Forschungskosten sparen. Selbst in der Prionenforschung könnte die Methode zum Einsatz kommen – und so helfen, BSE zu bekämpfen.
Auf rund vier Milliarden Euro taxieren die Wissenschaftler ihren Markt – von dem sie sich über die von ihnen gegründete Virus Tracing Group „eine gewaltige Scheibe abschneiden“ wollen: Schon Ende 2002 will man schwarze Zahlen schreiben, langfristig nicht nur als weltweiter Dienstleister der Pharmariesen antreten, sondern selbst in die Medikamentenentwicklung einsteigen. 2005 sollen 25 Mitarbeiter 14 Millionen Euro umsetzen und dabei rund zehn Millionen Euro Gewinn vor Steuer verdienen.
"Unsere Position", so Seisenberger, "ist exzellent." Er belegte letztes Jahr als einer von weltweit acht Stipendiaten einen Intensivkurs für Unternehmensgründer am renommierten MIT in Boston, Partner Endreß erstellte nach Abschluss des Diplomstudiums Branchenstudien für eine Consultingtochter der Deutschen Bank – auch im Bereich Pharmazie. Den Businessplan schrieben sie im letzten Frühjahr, in dreimonatiger Nachtarbeit. Stress? Nein! "Jetzt", sagt Seisenberger, "habe ich wenigstens die Abende frei." Und Renaissanceliebhaber Bräuchle, der mit 25 lieber ein Buch über die Uffizien verfasst hätte, bevor er sich der Naturwissenschaft verschrieb, war gerade im Skiurlaub. "Arbeit und Freizeit", sagt er, "sollte man trennen."
Der Erfolg gibt ihm Recht: Beim Münchener Business Plan Wettbewerb Mitte 2001 errang das Startup den dritten Platz, erste Projekte sind an Land gezogen. Bald wird "ein Topmanager aus der Pharmabranche" zehn Prozent der Anteile übernehmen und seine kaufmännische Erfahrung einbringen. "Wir haben eben nicht nur eine Vision", sagt Bräuchle, "sondern eine Technologie, die weltweit ohne Alternative und sofort einsetzbar ist."
Klinkenputzen müssen die Jungunternehmer trotzdem. Bis zu 50 Gespräche pro Woche, mit potenziellen Partnern, Risikokapitalgesellschaften, Auftraggebern. Die Devise: die Braut hübsch machen. „In der Wissenschaft zählen längst nicht mehr nur die Fakten – im Unterschied zum Schach“, sagt Seisenberger.
Und ist froh, dass er am Wochenende wieder am Brett sitzt, für den SV Ilmmünster. "Der Aufstieg ist jedenfalls fest geplant", sagt Seisenberger. Nicht nur beim Schach.
MANFRED ENGESER