Das bedeutet der ruinierte Ruf für Wirecard
Von Franz Nestler
-Aktualisiert am 19.06.2020-08:15
Wirecard-Chef Markus Braun hat einiges zu erklären.
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Wirecard-Chef Markus Braun hat einiges zu erklären. Bild: dpa
Mittlerweile wird auf dem Markt offen über eine Pleite von Wirecard spekuliert. Für den Konzern wird das zu einem riesigen Problem, von dem die Konkurrenz profitieren dürfte. Chef Markus Braun äußert sich derweil im Video.
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Wirecard hat mit dem abermaligen Verschieben des Geschäftsberichts ein Beben auf dem Markt für Zahlungsdienste ausgelöst. Dieses könnte nun schwerwiegende Konsequenzen für das Münchner Unternehmen haben. Wenn es am heutigen Freitag keinen von Wirtschaftsprüfern testierten Jahres- und Konzernabschluss vorlegt – wozu es aller Voraussicht nach nicht kommen wird –, könnten Kredite von etwa zwei Milliarden Euro gekündigt werden. Das hatte der Zahlungsdienstleister am Donnerstag bekannt gegeben. Erstmals spielt der Markt deshalb ernsthaft eine Insolvenz des Fintechs durch: Die bis zum Jahr 2024 laufende Anleihe wird mit einem Abschlag von 50 Cent je Euro gehandelt, die Rendite springt auf 19 Prozent. Was bedeutet das für Wirecard, den Markt und die Konkurrenz?
Franz Nestler
Franz Nestler
Redakteur in der Wirtschaft.
F.A.Z.
Zum einen kann man fest davon ausgehen, dass weiterhin immer mehr mit Karte bezahlt werden wird, sei es online oder sei es in den Läden. Wirecard ist zu klein, als dass es für den Markt ein Problem wäre, wenn es einen Zahlungsdienstleister weniger gibt. Allein auf dem deutschen Markt gibt es mehr als ein Dutzend Konkurrenten. Manche sind mehr auf den stationären Handel konzentriert, andere mehr auf den Onlinehandel.
Für Wirecard ist das nun abermals gesunkene Vertrauen ein Riesenproblem. Dass es für Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von fast 2 Milliarden Euro kein Testat gibt, besorgt nämlich auch die arglosesten Kunden – auch wenn der Vorstand und sein Chef Markus Braun in der Nacht zu Freitag ein Video veröffentlichten, in dem Braun wiederum mit sachlichster Stimme den Vorgang zu erklären versucht und den Anschein erweckt, alles werde gut werden.
Markus Braun, Vorstandsvorsitzender von Wirecard, bei einem Auftritt vergangenen Januar
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Vorsitzender Markus Braun :
Stellungnahme des Vorstandes der Wirecard AG
Video: Wirecard, Bild: dpa
Wirecard wird dafür bezahlt, dass es Geld schnell und zuverlässig vom Kunden zum Händler transferiert. Wenn Zweifel darin bestehen, dass Wirecard sein Geschäft ausüben kann, wird es auf dem Markt sehr schwer werden. Obwohl die Technologie des Unternehmens ziemlich ausgeklügelt ist, ist sie letzten Endes doch auch austauschbar. Wenn ein Händler aktuell einen Vertrag mit Wirecard hat, kann er daran wenig ändern. Branchenbeobachter glauben nicht, dass es für den Fall eines verspäteten Geschäftsberichts ein Sonderkündigungsrecht gibt.
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Anders sieht es aus, wenn tatsächlich kein Geld fließen würde. Aber noch ist so ein Fall nicht bekannt. Für den Fall einer Insolvenz sehen Branchenexperten tatsächlich schwarz: Es wird nicht damit gerechnet, dass sich Wirecard gegen solch einen Fall abgesichert hat. Das Geld wäre wohl tatsächlich weg und die Infrastruktur nutzlos. So weit wird es wohl nicht kommen, dazu ist der Markt viel zu attraktiv. Aktuell wird wieder daher verstärkt über eine Übernahme spekuliert.
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Ein Händler, der nun seinen Bestandsvertrag verlängern möchte oder noch keinen hat, kommt in eine deutlich bessere Verhandlungsposition. Laut Wirecard-Vorstandschef Markus Braun liegen die Gebühren, die das Unternehmen für einen Bezahlvorgang einstreicht, derzeit im Schnitt bei 1,4 bis 1,7 Prozent. Das wird Wirecard jedoch nicht mehr ohne weiteres halten können, was das Geschäft in Zukunft belasten wird. Und noch einen weiteren Malus tragen die Münchner ab sofort mit sich herum: Nun könnte es noch schwieriger werden, gute Leute im Unternehmen zu halten oder Talente für sich zu begeistern. Selbst wenn Wirecard an den aktuellen Irrungen unschuldig sein sollte und kriminellen Machenschaften aufgesessen ist: Wenn die eigene Hausbank ausgeraubt wurde, überlegt sich wohl jeder zwei Mal, ob er dort sein Schließfach behält.
So oder so, die Konkurrenten können sich die Hände reiben. Da wäre vor allem Adyen zu nennen, die ihren Rekordlauf fortsetzen und am Donnerstag zwischenzeitlich bis auf knapp unter 1300 Euro je Aktie kletterten, womit ihr Börsenwert auf 39,2 Milliarden Euro stieg. Zu Jahresbeginn noch waren sie für um die 730 Euro zu haben gewesen – ein Plus von fast 80 Prozent. Im Cac 40 notierten Worldline ebenso wie die Papiere des ebenfalls französischen Zahlungsabwicklers Ingenico in der Nähe ihrer Rekordhochs aus der ersten Jahreshälfte.
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Gegen Adyen allerdings sind Worldline mit einem Börsenwert von 13 Milliarden Euro und Ingenico mit einem von knapp 8,5 Milliarden Euro noch eher klein. Wirecard ist lediglich noch mit 6,4 Milliarden Euro bewertet. Damit wird der Konzern auch zum Übernahmekandidat. Denn er ist nun wirklich ein Schnäppchen: Anfang des Jahres 2019 etwa gab der amerikanische Finanzdienstleister Fiserv 22 Milliarden Dollar aus, um den Zahlungsabwickler First Data zu übernehmen.
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Wirecards Absturz und seine Gründe : Bild: F.A.Z.-Grafik Niebel
Quelle: F.A.Z.