Taktik: Verhältnis Leerverkauf zu Handelsvolumen
Beispiel 1: Schwacher Markt
Laut Ihors heutigen Short Daten wurden bis Ende Freitag 23.67 Mio. WDI-Aktien geshortet, 160K mehr als letzten Donnerstag (23.51 Mio.). Der Sell Off des Marktes am Freitag wurde also bei einem Gesamtvolumen von 1.250.064 Aktien durch nur 160K leerverkaufte Aktien geschickt verstärkt. Das reichte bei niedrigem Tagesvolumen für das “sanfte” Pressing bis zum US-Handelsstart, die Attacke um 15:56h, das Auffangen des Rebounds, das massive Pressing am Tagesende, die rote Schlussauktion (233K) und schliesslich für die Attacke auf Tradegate.
Zwar ist bei fallendem Markt die Mitwirkung der Shorts nicht so auffallend wie bei neutralem Markt, aber die Verlaufscharakteristik der Verkäufe in den einzelnen Tagesphasen unterschied sich deutlich vom DAX und den US Verkäufen. Als Beispiel der Anfang der Tradegate Attacke:
Ab der dritten Transaktion um 14:48:58 wurde innerhalb von 3(!) Sekunden bis 14:49:02 mit 2819 geshorteten Aktien der Kurs von 128.95 auf 128.20 gedrückt, wo dann qua Stop Loss bis hinunter auf 128 insgesamt 11760 Aktien losgeeist werden konnten. Man hatte also mit 22 Kleinstordern in 3 Sekunden rund 2819 Aktien leerverkauft, um dann 11760 Aktien, also das 4.17-fache zu einem deutlich billigeren Preis zu bekommen.
Beispiel 2: Neutraler Markt
Bei neutralem Markt/Kursverlauf ist es für Shorts ohne Weiteres möglich, mit einem Verhältnis von 1:5 zwischen geshorteten Aktien und Handelsvolumen einen erheblichen Kursverlust zu erzielen.
Am 10. und 11.12.19 fiel WDI bei neutralem Markt (DAX -0.27%, +0.58%) um -9.06%. Das Gesamthandelsvolumen dieser beiden Tage betrug 8.87 Mio., es wurden aber nur 1.54 Mio. Aktien geshortet:
10.12.19
Volumen: Xetra: 3.609.568 + Tradegate: 657.033 = 4.266.601
740K Aktien short
Kurs: O 113.80 H 114.40 L 105.65 C 108.85 -4.56%
11.12.19
Volumen: Xetra: 3.798.962 + Tradegate: 805.946 = 4.604.908
800K Aktien short
Kurs: O 108.10 H 108.45 L 102.20 C 103.95 -4.50%
10.+11.12.: Shorted Shs: 1.540.000 / Vol: 8.871.509 = 5.76 (17.3%)
Es wurde also nur ein Bruchteil (17.3%) des Gesamtvolumens geshortet, um den Kurs um 9.06% zu drücken.
Ihor
twitter.com/ihors3/status/1204789957065412608
Strategie: Verhältnis von Short- und Longpositionen
Um Strategie und Risiken der Leerverkäufer einschätzen zu können, ist es wichtig, sich die Grössenordnungen ihrer Short- und Longpositionen zu vergegenwärtigen. Die meisten Hedgefonds shorten nur einen kleinen Teil ihres Kapitals.
Zum Beispiel TCI:
fintel.io/i/tci-fund-management
Gesamtkapital 25 Mrd. Dollar, Aktienportfolio 19.271 Mrd. Dollar (14.11.19), der Rest ist Cash. Geshortet werden nur maximal 5%(!) des Gesamtkapitals, also z.Zt. 1.12955 Mrd. Euro, davon 1.309.795 Wirecard Aktien, die bei durchschnittlich 107€ gehortet wurden, wodurch TCI ca. 140 Mio. Euro cash erhielt.
Wenn TCI diese WDI-Aktien zu einem Aktienpreis von 150 Euro zurückkaufen muss (Gesamtpreis für 1.309.795 Aktien = 196.47 Mio.Euro), ergibt sich ein Verlust von 56.321 Mio. Euro (+ kleine Gebühren). Bezogen auf TCIs Short-Kapital von 1.12955 Mrd. Euro (5% der 25 Mrd. Dollar, heute 22.591 Mrd. Euro) betrüge dieser Verlust nur -4.99%, bezogen auf das Gesamtkapital von lediglich TCI -0.25%.
TCI ist also mit seiner Short-Position bei WDI nicht nur ein sehr geringes Risiko eingegangen, sondern hat allein schon durch seine 1.12955 Mrd. Short-Kapital im Fall eines unerwarteten Kursanstiegs schier unermessliche Sicherheiten, die einen margin call ausschliessen.
Natürlich ist TCI ein sehr grosser Fond. Einige kleinere Shorts haben wegen des Preisanstiegs seit Januar angefangen, zu covern. Diese Kannibalisierung in der Spätphase des Shortzyklus ist neben institutionellen Investoren selbst für grosse Fonds ein nicht unerhebliches Risiko: Um dem Kaufdruck, egal von welcher Seite, zu begegnen, muss teurer geshortet werden, als bei einer Attacke, da der shortende Fond das gesamte Volumen des covernden shorten muss.
Entscheidend für die strategische Beurteilung der Shorts ist also nicht allein der Kursverlauf, sondern vielmehr das Verhältnis zwischen ihren Short- und Longpositionen.
Generell ist das Shortvolumen im Verhältnis zum Long Volumen sehr klein! Wenn Banken und Institutionelle kaufen (Januar), haben Shorts durch ihr geringes Volumen dem nichts entgegenzusetzen.