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Wenn der Headhunter klingelt


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Hartkore_Diab.:

Wenn der Headhunter klingelt

 
01.08.01 10:28
ftd.de, Mi, 1.8.2001, 7:00  
Karriere: Wenn der Headhunter klingelt
Von Roland Heintze, Hamburg

Abwerbungen verursachen Unternehmen hohe Kosten. Gegenstrategien sind oft erfolglos.

Können Sie zurzeit sprechen?" - Am anderen Ende der Telefonleitung lauert der Headhunter, lädt den potenziellen Jobwechsler zu einem "unverbindlichen Treffen" im Lieblingsrestaurant ein. Und wenn die Chemie und das Angebot stimmen, steht dem Wechsel kaum mehr etwas im Weg.

Für die betroffenen Unternehmen können derlei Anrufe teuer werden. Der Bundesgerichtshof hatte zwar Ende 2000 den Headhuntern untersagt, High Potentials am Arbeitsplatz anzurufen, aber nach Experteneinschätzung geht das konspirative Treiben dennoch weiter.



Begehrte IT-Beschäftigte


Und auf Anruf folgt Abwerbung. Im schlechtesten Fall hat das Unternehmen eine begehrte Fach- oder Führungskraft verloren. Die Folgen: Arbeit bleibt liegen, für viel Geld muss ein Nachfolger gesucht werden. Bis zu 250.000 DM kostet eine Abwerbung auf Managementebene den alten Arbeitgeber, so eine Studie des Gallup Instituts. Bevorzugtes Ziel der Headhunter seien Unternehmen der IT-Branche: Da ist der Personaldruck besonders hoch. Dicht dahinter die Telekommunikationsbranche sowie Banken und Finanzdienstleister.


Angesichts der Bedrohung sollten sich Firmen "Gedanken über Gegenmaßnahmen machen", sagt Judith Buchner. Für die Hamburger Personalexpertin, die sich auf die Abwehr von Headhuntern spezialisiert hat, ist klar: "Das Telefon ist die beste Einflugschneise, da es die schnellste Verbindung ist, und Personaljäger stets unter Auftragsdruck sind."



Aufgabe für Speziallisten


Der Tipp unter Freunden reicht oft nicht mehr aus, um genügend Kandidaten zu finden. Da müssen Spezialisten für die Telefonrecherche ran. Deren Auftrag: per Telefon den für ein Suchprofil passenden Kandidaten finden.


Die findigen Kopfjäger setzen viele Tricks ein, um mit dem Gesprächspartner verbunden zu werden. Etwa Coverstorys: Der eine kommt als Diplomand, der mit einem Experten vorgeblich über das Thema seiner Diplomarbeit reden will; der nächste sucht für eine Kongressagentur Redner. Andere wollen angeblich Kontakt mit einem alten Schulfreund aufnehmen. Die Legenden variieren je nach Aufgabenstellung. Die Erfolgsquote solcher verdeckten Telefonate liege bei 80 Prozent, sagt Paul Sampson vom Kongressanbieter Management Circle.


Headhunting ist in Deutschland inzwischen auch unterhalb der ersten und zweiten Führungsebene ein fester Bestandteil des Rekrutierungsinstrumentariums. Wer etwa zwei oder mehr Anzeigen in einer Tageszeitung schalten muss, um Positionen neu zu besetzen, fährt mit einem Headhunter finanziell oft besser. Zusätzlicher Vorteil: Die meisten Human-Resources-Schnüffler erledigen die aufwändige Vorauswahl der Kandidaten. Die Kosten sind allerdings beachtlich: Honorare bis zu einem Drittel des Jahresgehalts der zu besetzenden Position sind üblich.



Prämien fürs Enttarnen


Obgleich viele Arbeitgeber ihren Mitarbeitern Prämien fürs Enttarnen der Headhunter zahlen, sind bei begehrten Spezialisten bis zu fünf Anrufe pro Woche keine Seltenheit. Freiwillige Absprachen zwischen Unternehmen, einander keine Mitarbeiter abzuwerben, zeigen laut Insidern kaum Wirkung. Folge: Die Firmen müssen mit Schutzmaßnahmen den Headhuntern das Leben schwer machen.


Personalberaterin Buchner nennt mögliche Gegenstrategien: "Stellen Sie sicher, dass die Telefonzentrale nicht leichtfertig Namen, Funktionsbezeichnungen und Firmendaten an Fremde weitergibt." In Zweifelsfällen sollten Anrufe an eine Abteilung weitergeleitet werden, die auf Headhunter vorbereitet ist - etwa das Personalressort oder die Öffentlichkeitsarbeit. Zudem sollte genau definiert werden, wie Mitarbeiter in der Telefonzentrale auf Anfragen reagieren.



Keine einfache Aufgabe, denn die Telefonzentrale muss zwischen Freund und Feind genau unterscheiden können, ohne dass der Servicefaktor leidet. Immer öfter absolvieren daher nicht nur Abteilungs- und Vorstandssekretärinnen, sondern auch die Mitarbeiter in den Rezeptionen spezielle Trainings, die sie für "Anrufe aller Art" sensibilisieren sollen.


Ein lohnendes Investment: So können Firmen sicherstellen, dass Kunden, Partner, Bewerber oder Medienvertreter nicht erst intensiv befragt werden, bevor sie den gewünschten Gesprächspartner erreichen.



Investitionssicherung nötig


Angesichts der angespannten Lage auf dem Markt für Fach- und Führungskräfte helfen interne Sicherheitsmaßnahmen indes nur bedingt weiter. Denn Personalberater haben außer der Direktansprache noch andere Instrumente für die Abwerbung im Repertoire. Auf den Anruf nach Feierabend oder das zufällige Treffen auf Partys oder anderswo haben Arbeitgeber keinen Einfluss mehr.


Eine erfolgreiche Abwerbung ist vor allem bei jungen High Potentials ärgerlich. "Hier haben Unternehmen oft mehr investiert, als sie in den ersten Jahren von den Mitarbeitern zurückbekommen", sagt Buchner.



Gegenmittel Zufriedenheit


Das beste Mittel gegen Headhunter seien ohnehin zufriedene Mitarbeiter, folgert Wolfgang Lichius, Personalberater bei Kienbaum. Ein Ratschlag, der inzwischen nicht mehr ungehört verhallt: Unternehmen geben jedes Jahr Millionensummen aus, um ihren Mitarbeitern ein angenehmeres Arbeitsumfeld zu bieten. Sie betreiben damit eine besondere Form der Investitionssicherung - das so genannte Humankapital spielt eine wichtigere Rolle als jemals zuvor.


Doch die Betroffenen müssen freilich ebenfalls aufpassen: Eitelkeit ist eine menschliche Schwäche. Viele Manager, die einen Anruf vom Headhunter bekommen, verlieren schnell den Blick für die Realität. Sie geben persönliche Informationen und womöglich Firmengeheimnisse preis, ohne sich zuvor über den Anrufer informiert zu haben. Die Frage, was mit den Informationen passiert und bei wem sie landen, wird gleichwohl nur selten gestellt. Daher gelte generell, so Kienbaum-Berater Lichius: "Wenn ein Headhunter anruft, sollte man immer erst prüfen, in wessen Diensten er steht."



© 2001 Financial Times Deutschland
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