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Das billige Erdgas, das in den USA derzeit den Energiemarkt aufmischt, könnte schon bald auch Auswirkungen auf Amerikas wichtigste Industrie haben: auf die Autobauer. Erdgas sei so viel billiger als Öl, sagte Paolo Scaroni, Chef des italienischen Energiekonzerns Eni, auf der Branchenkonferenz Cera Week in Houston: "Der Anreiz für einen Treibstoffwechsel im Transportsektor wird immer größer."
Vor dem Hintergrund kräftig steigender Benzinpreise suchen die Amerikaner zunehmend nach Alternativen. Um ihre Verbrauchskosten zumindest konstant zu halten, kaufen sie bereits kleinere, sparsamere Autos. Parallel steigt der Marktanteil von Diesel- und Hybridfahrzeugen. Die Option, mit Erdgas zu fahren, spielte in den USA bislang allerdings noch keine Rolle.
Dies könnte sich bald ändern, zumal die Begeisterung für Elektroautos wie etwa Chevrolets Volt zuletzt deutlich nachgelassen hat. "Der Wechsel zum Erdgas ist der richtige Weg", sagte Olivier Abadie vom Branchendienst IHS. "Es wird aber schwierig, die Amerikaner davon zu überzeugen."
Genau das erleben deutsche Hersteller wie Volkswagen und Opel, die zu den führenden Anbietern von Erdgasfahrzeugen zählen, seit Jahren im eigenen Land. Die Erdgasautos sind technisch ausgereift und sicher - am Markt aber können sie sich trotzdem nicht durchsetzen. Die Schuld daran gibt Abadie auch den Herstellern selbst: "Die Konsumenten müssen informiert und aufgeklärt werden", forderte er: "Aber haben sie in Deutschland jemals Werbung für Erdgasautos gemacht?"
Teil 2: Inzwischen bieten 900 deutsche Stationen Erdgas an
Gegen den Wechsel spricht für viele Kunden das vermeintlich dünne Netz an Erdgastankstellen. Tatsächlich aber bieten 900 deutsche Stationen inzwischen Erdgas an - so viele wie in den gesamten USA. Zudem können die meisten Erdgasautos alternativ auch mit Benzin betankt werden. Als Vorbild gilt Norditalien. "In ganz Europa fahren inzwischen rund eine Million Autos mit Erdgas", rechnete Eni-Chef Scaroni vor, "rund die Hälfte davon in Italien."
In den USA dagegen gibt es bisher noch kein flächendeckendes Netz. "Mit unseren 900 Erdgas-Tankstellen ist immerhin das Henne-Ei-Problem gelöst", sagte Abadie von IHS. Der Natural Gas Act, ein Fördergesetz zur Finanzierung des landesweiten Ausbaus, dürfte voraussichtlich 2013 in Kraft treten.
Das Problem: Die meisten Hersteller bieten in den USA noch gar keine Erdgasautos an. "Momentan lohnt sich Erdgas nur für kommerzielle Nutzer mit eigener Infrastruktur", teilte etwa Volkswagen mit. "Generell aber sind Erdgas-Fahrzeuge eine interessante, weil umweltfreundliche Alternative."
Tatsächlich scheint der Durchbruch in der kommerziellen Nutzung nur noch eine Frage der Zeit zu sein. "Bei neuen Omnibussen und Müllautos ist der Anteil in den USA auf 25 Prozent gestiegen", sagte Abadie. "Diese Nutzer entscheiden nicht emotional, für sie zählen nur die Kosten."
Das Potenzial, mit dem Wechsel Kosten zu sparen, hält Eni-Chef Scaroni für gewaltig: "Wenn alle Nutzfahrzeuge in den USA auf Erdgas umsteigen würden, könnten die Betreiber jährlich 40 Mrd. Dollar sparen", sagte er. Lkw-Bauer wie Daimler rechnen daher mit einer kräftig steigenden Nachfrage: "Der Marktanteil in den USA könnte bis 2020 auf 20 Prozent steigen", erwarten die Stuttgarter.
Dass sich auch die privaten Autofahrer flächendeckend von einem Wechsel überzeugen lassen, mag aber selbst Abadie kaum glauben: "Die Amerikaner fahren mit Benzin", stellte er klar. "Das war schon immer so, das steckt einfach in ihrer DNA."