Rätselraten um Zinssenkung
Fallen die Zinsen - oder nicht? Analysten rechneten fest damit, dass die Europäischen Zentralbank mit einer Zinssenkung das
Wachstum anschiebt. Nach einer Rede von Bundesbankpräsident Ernst Welteke sind die Experten allerdings ratlos.
Frankfurt - Vor der Rede von Welteke rechneten noch rund zwei Drittel der Analysten mit einer Zinssenkung, danach war
es nur noch etwa die Hälfte.
Der EZB-Rat habe nicht den Auftrag, die Konjunktur zu steuern, sondern den Geldwert zu stabilisieren, sagte Welteke bei
seinen grundsätzlichen Ausführungen zur Geldpolitik der EZB. Die US-Notenbank Federal Reserve habe dagegen einen
Auftrag, der auch Wachstums- und Beschäftigungsziele einschließe. Auch wenn der Bundesbankpräsident keine direkten
Zinshinweise vor der EZB-Rat-Entscheidung gab, werteten viele Ökonomen die Rede als Signal für eine Bestätigung der
Leitzinsen bei 4,5 Prozent.
Welteke war das erste EZB-Rat-Mitglied, das sich nach der EZB-Rat-Sommerpause zu Wort gemeldet hatte. Analyst
Karsten Junius von der DGZ-DekaBank sieht seine Bedenken damit bestätigt. Würde nämlich der EZB-Rat jetzt die Zinsen
senken, könnte er dies auf Grund der Nachrichtenlage seit der vorherigen EZB-Rat-Sitzung nur mit der
Konjunkturschwäche begründen und müsste sich so wie die Fed zur Konjunktursteuerung bekennen, was konträr zur
EZB-Strategie laufen würde. Der Preisauftrieb lässt Junis zufolge zwar nach, die Inflationsrate liege aber mit über 2,5 Prozent immer noch
über der EZB-Stabilitätsnorm von "unter zwei Prozent".
"Wenn die Marktteilnehmer eine Zinssenkung haben wollen, wird die EZB nichts tun; wenn hingegen niemand eine Zinssenkung erwartet, wird
der Schritt erfolgen", sagte Ryohei Muramatsu, Devisenexperte bei Commerzbank Securities. "Ich bin völlig durcheinander. Die
Wahrscheinlichkeit für eine Zinssenkung beträgt 50:50", so der Analyst.
Die Entscheidung der EZB wird um 13.45 Uhr bekannt gegeben, um 14.30 wird sie Wim Duisenberg in einer Pressekonferenz erläutern.