Wall-Street-Ausblick
Schein und Sein
Von Marc Pitzke
Nach der Achterbahnfahrt der letzten Woche steht die Wall Street verstärkt im Zeichen des "Spins". Die in der Politik geborene Kunst, schlechteste Nachrichten schön zu reden, eignen sich jetzt auch Börsengurus und Konzernchefs an. Die Anleger sind die Dummen.
New York - "Spin" ist die manipulative Kunst amerikanischer Präsidenten, so erklärt der Politologe John Anthony Maltese in seinem Standardwerk "Spin Control", missliebige Fakten "zu ihrem Vorteil zu verdrehen".
Doch Spin ist längst auch ein Handwerkszeug der Wirtschaftbosse geworden. Das Drehen von Fakten, das Drechseln von Bilanzen, die Lust am Schönreden (seiner selbst) und Schlechtmachen (des Gegners) gehören inzwischen zur typischen Arbeitsplatz-Beschreibung eines Top-Managers - zumindest an der Wall Street, wo Schein und Sein nur noch fiktive Größen sind, die Medien, Anleger und Kurse steuern sollen.
Ein gutes Beispiel ist Larry Ellison. Der Oracle-Chef tingelt diese Woche persönlich mit einer "Road Show" durch die USA, um seine Übernahme-Attacke gegen den Software-Rivalen PeopleSoft als "die richtige Wahl für Kunden, Investoren und Partner" zu propagieren. (Zu diesem Thema hat Oracle außerdem sogar eine eigene Website eingerichtet.) Flankiert wird Ellisons PR-Tournee von den "besser als erwarteten" Oracle-Quartalsergebnissen.
Dass aber von der 31-Prozent-Ertragssteigerung zum Vorjahresquartal, mit denen er sich seit letzter Woche brüstet, nach Verrechnung der Investitionsverluste nur noch knapp vier Prozent übrig bleiben, übergeht Ellison. Ebenso den lästigen Umstand, dass Oracles Jahresumsatz um zwei Prozent gesunken ist.
Ablenkungsmanöver fiel ins Wasser
"Spin", schreibt Maltese, "ist ein Blickpunkt, der die Story ins bestmögliche Licht rückt". Gut gerückt, Ellison: Die Oracle-Aktie zieht mit Aufwind in die neue Börsenwoche, PeopleSoft dagegen mit kräftigem Minus, trotz Gegenwehr und mehrerer Klagen gegen Oracle. Einziger Spin-Effekt dieser Klagen: Sie verdrängten die Oracle-Quartalszahlen Ende letzter Woche aus den Schlagzeilen.
Ein ähnlicher Effekt dürfte diese Woche auch bei Ford und Vivendi zu bestaunen sein. Der Autokonzern, der seine 100-Jahr-Feier in der Firmenzentrale bei Detroit morgen mit einer Hauptversammlung beendet, will die Börsianer davon ablenken, dass er allein in den letzten zwei Jahren 6,4 Milliarden Dollar und zwei Drittel seines Aktienwerts eingebüßt hat. Eines der Ablenkungsmanöver - ein Gala-Konzert mit dem Detroit Symphony Orchestra - fiel aber am Wochenende wegen Dauerregens dummerweise buchstäblich ins Wasser; auch das Feuerwerk musste verschoben werden.
Der Mediengigant Vivendi dagegen würde bei seiner virtuellen Quartalsbilanz morgen am liebsten ganz all die unangenehmen Übernahme-Gerüchte übertünchen, die ihn seit Wochen von verschiedensten Seiten verfolgen. So will der US-Mogul Edgar Bronfman sich angeblich für 14 Milliarden Dollar die Vivendi-Tochter Universal zurück ergattern, die ihm einst gehörte - Fortsetzung folgt.
Fein kalibrierte PR-Auftritte
Im "Spin Cycle" (zu englisch: Schleudergang) rotiert dieser Tage, notgedrungen, auch der zweitgrößte US-Baufinanzierer Freddie Mac. Um die Affäre um falsche Bilanzen und dubiose Termingeschäfte einzudämmen, schaltete das halbstaatliche Unternehmen am Wochenende landesweite Großanzeigen.
Gemeinsam mit dem Schwesterkonzern Fannie Mae zeichnet Freddie Mac für fast die Hälfte aller US-Immobiliendarlehen verantwortlich. Der Skandal brachte letzte Woche den Dow ins Wackeln und dürfte auch in den nächsten Tagen noch für Nachbeben sorgen.
"Unsere Geschäftsgrundlagen sind so stark wie immer", beteuert der neue CEO Gregory Parseghia in den Inseraten. Die für nächste Woche anberaumten Anhörungen des Kongresses wird dies nicht aufhalten. Und die Nachricht, dass der wegen Behinderung der Justiz geschasste Konzernchef Leland Brendsel mit einer Abfindung von 24 Millionen Dollar in die Wüste geschickt wurde, konnten selbst die besten, von Freddie Mac angeheuerten PR-Agenten nicht positiv "spinnen".
Derweil werden die Analysten den Konjunkturdaten dieser Woche (Verbraucherpreise, Industrieproduktion, Bautätigkeit) mal wieder ihren ganz eigenen Dreh verleihen. Hinzu kommen etliche, fein kalibrierte PR-Auftritte der wirtschaftspolitischen Marketing-Chefs von Washington, über die Woche gestreut: Finanzminister John Snow, Handelsminister Don Evans, Fed-Vize Roger Ferguson, Fed-Gouverneurin Susan Bies. Und Präsident George W. Bush plant allein drei Business-Reden. Seine Message: Wir haben alles im Griff.
Misskredit wegen Mauscheleien
Wo das aber den Dow nach der Achterbahnfahrt von letzter Woche lassen wird, darüber streiten sich die Gemüter. "Die Rallye ist auf Kurs", glaubt John Hughes, Analyst bei Shields & Company. Dagegen beklagt der Wirtschaftsprofessor Henry Hu den nicht auszurottenden, "mystischen" Aberglauben der Anleger an den nächsten großen Aufschwung: "Es beunruhigt mich, dass die Leute sich weigern, von dieser Religion Abschied zu nehmen."
Arbeit steht den Spinmeistern diese Woche auch bevor, wenn die Wall-Street-Riesen Morgan Stanley Dean Witter, Bear Stearns und Lehman Brothers ihre Zahlen fürs zweite Quartal vorlegen. Auch hier sehen Analysten, in gleichem Wortlaut wie Larry Ellison bei Oracle, "besser als erwartete" Bilanzen und einen Aufschwung für die ganze Branche voraus. Die eigentliche "Story" aber wird angesichts der frohen Kunde wohl verschütt gehen: Dass nämlich die meisten Investment-Banken weiterhin wegen mutmaßlicher Mauscheleien in Misskredit stehen.
Um diese Mauscheleien ist es, in der Presse jedenfalls, seit April still geworden. Damals zahlten die zehn größten US-Brokerhäuser, inklusive die oben genannten drei, in einer historischen außergerichtlichen Einigung unter anderem wegen Betrug und manipuliertem Research insgesamt 1,4 Milliarden Dollar Strafe.
Wall Street zockt ab
Doch das war nicht das Ende, sondern erst der Anfang. Die Zahl der bei der Kontrollbehörde NASD anhängigen Ermittlungsverfahren - meist Shareholder-Klagen, die aus den in der Milliarden-Einigung bekannt gewordenen Details zehren - ist im Vergleich zu 2002 inzwischen um 25 Prozent auf 3112 gestiegen. In einem Fall wurde Morgan Stanley bereits separat verurteilt. An der New Yorker Börse liegen 444 zusätzliche Ermittlungsanträge vor, mehr als doppelt so viel wie noch vor zwei Jahren.
Die auf Sammelklagen spezialisierte Anwaltskanzlei Milberg Weiss Bershad Hynes & Lerach verfolgt in über 300 Fällen Schadensersatz-Summen, die weit über die 1,4 Milliarden Dollar der April-Einigung hinausgehen. Die habe, sagt Börsenanwalt Robert Heim, erst "den Weg für Investoren geebnet, um eigene Ansprüche anzumelden".
Was bedeutet das für Moral und Sitte an der Wall Street? Nichts Neues, glaubt Frank Partnoy. "Wall Street zockt Main Street ab", weiß, ganz kategorisch, der Ex-Broker, der 1997 mit seinen Memoiren an den Termingeschäft-Skandal der 90er Jahre ("Fiasko") einen nationalen Bestseller landete. "Trotzdem wird Banking immer ein gutes Geschäft bleiben - weil es seit Jahrhunderten jeden Skandal überstanden hat."
Unter anderen eben durch guten Spin.
Schein und Sein
Von Marc Pitzke
Nach der Achterbahnfahrt der letzten Woche steht die Wall Street verstärkt im Zeichen des "Spins". Die in der Politik geborene Kunst, schlechteste Nachrichten schön zu reden, eignen sich jetzt auch Börsengurus und Konzernchefs an. Die Anleger sind die Dummen.
New York - "Spin" ist die manipulative Kunst amerikanischer Präsidenten, so erklärt der Politologe John Anthony Maltese in seinem Standardwerk "Spin Control", missliebige Fakten "zu ihrem Vorteil zu verdrehen".
Doch Spin ist längst auch ein Handwerkszeug der Wirtschaftbosse geworden. Das Drehen von Fakten, das Drechseln von Bilanzen, die Lust am Schönreden (seiner selbst) und Schlechtmachen (des Gegners) gehören inzwischen zur typischen Arbeitsplatz-Beschreibung eines Top-Managers - zumindest an der Wall Street, wo Schein und Sein nur noch fiktive Größen sind, die Medien, Anleger und Kurse steuern sollen.
Ein gutes Beispiel ist Larry Ellison. Der Oracle-Chef tingelt diese Woche persönlich mit einer "Road Show" durch die USA, um seine Übernahme-Attacke gegen den Software-Rivalen PeopleSoft als "die richtige Wahl für Kunden, Investoren und Partner" zu propagieren. (Zu diesem Thema hat Oracle außerdem sogar eine eigene Website eingerichtet.) Flankiert wird Ellisons PR-Tournee von den "besser als erwarteten" Oracle-Quartalsergebnissen.
Dass aber von der 31-Prozent-Ertragssteigerung zum Vorjahresquartal, mit denen er sich seit letzter Woche brüstet, nach Verrechnung der Investitionsverluste nur noch knapp vier Prozent übrig bleiben, übergeht Ellison. Ebenso den lästigen Umstand, dass Oracles Jahresumsatz um zwei Prozent gesunken ist.
Ablenkungsmanöver fiel ins Wasser
"Spin", schreibt Maltese, "ist ein Blickpunkt, der die Story ins bestmögliche Licht rückt". Gut gerückt, Ellison: Die Oracle-Aktie zieht mit Aufwind in die neue Börsenwoche, PeopleSoft dagegen mit kräftigem Minus, trotz Gegenwehr und mehrerer Klagen gegen Oracle. Einziger Spin-Effekt dieser Klagen: Sie verdrängten die Oracle-Quartalszahlen Ende letzter Woche aus den Schlagzeilen.
Ein ähnlicher Effekt dürfte diese Woche auch bei Ford und Vivendi zu bestaunen sein. Der Autokonzern, der seine 100-Jahr-Feier in der Firmenzentrale bei Detroit morgen mit einer Hauptversammlung beendet, will die Börsianer davon ablenken, dass er allein in den letzten zwei Jahren 6,4 Milliarden Dollar und zwei Drittel seines Aktienwerts eingebüßt hat. Eines der Ablenkungsmanöver - ein Gala-Konzert mit dem Detroit Symphony Orchestra - fiel aber am Wochenende wegen Dauerregens dummerweise buchstäblich ins Wasser; auch das Feuerwerk musste verschoben werden.
Der Mediengigant Vivendi dagegen würde bei seiner virtuellen Quartalsbilanz morgen am liebsten ganz all die unangenehmen Übernahme-Gerüchte übertünchen, die ihn seit Wochen von verschiedensten Seiten verfolgen. So will der US-Mogul Edgar Bronfman sich angeblich für 14 Milliarden Dollar die Vivendi-Tochter Universal zurück ergattern, die ihm einst gehörte - Fortsetzung folgt.
Fein kalibrierte PR-Auftritte
Im "Spin Cycle" (zu englisch: Schleudergang) rotiert dieser Tage, notgedrungen, auch der zweitgrößte US-Baufinanzierer Freddie Mac. Um die Affäre um falsche Bilanzen und dubiose Termingeschäfte einzudämmen, schaltete das halbstaatliche Unternehmen am Wochenende landesweite Großanzeigen.
Gemeinsam mit dem Schwesterkonzern Fannie Mae zeichnet Freddie Mac für fast die Hälfte aller US-Immobiliendarlehen verantwortlich. Der Skandal brachte letzte Woche den Dow ins Wackeln und dürfte auch in den nächsten Tagen noch für Nachbeben sorgen.
"Unsere Geschäftsgrundlagen sind so stark wie immer", beteuert der neue CEO Gregory Parseghia in den Inseraten. Die für nächste Woche anberaumten Anhörungen des Kongresses wird dies nicht aufhalten. Und die Nachricht, dass der wegen Behinderung der Justiz geschasste Konzernchef Leland Brendsel mit einer Abfindung von 24 Millionen Dollar in die Wüste geschickt wurde, konnten selbst die besten, von Freddie Mac angeheuerten PR-Agenten nicht positiv "spinnen".
Derweil werden die Analysten den Konjunkturdaten dieser Woche (Verbraucherpreise, Industrieproduktion, Bautätigkeit) mal wieder ihren ganz eigenen Dreh verleihen. Hinzu kommen etliche, fein kalibrierte PR-Auftritte der wirtschaftspolitischen Marketing-Chefs von Washington, über die Woche gestreut: Finanzminister John Snow, Handelsminister Don Evans, Fed-Vize Roger Ferguson, Fed-Gouverneurin Susan Bies. Und Präsident George W. Bush plant allein drei Business-Reden. Seine Message: Wir haben alles im Griff.
Misskredit wegen Mauscheleien
Wo das aber den Dow nach der Achterbahnfahrt von letzter Woche lassen wird, darüber streiten sich die Gemüter. "Die Rallye ist auf Kurs", glaubt John Hughes, Analyst bei Shields & Company. Dagegen beklagt der Wirtschaftsprofessor Henry Hu den nicht auszurottenden, "mystischen" Aberglauben der Anleger an den nächsten großen Aufschwung: "Es beunruhigt mich, dass die Leute sich weigern, von dieser Religion Abschied zu nehmen."
Arbeit steht den Spinmeistern diese Woche auch bevor, wenn die Wall-Street-Riesen Morgan Stanley Dean Witter, Bear Stearns und Lehman Brothers ihre Zahlen fürs zweite Quartal vorlegen. Auch hier sehen Analysten, in gleichem Wortlaut wie Larry Ellison bei Oracle, "besser als erwartete" Bilanzen und einen Aufschwung für die ganze Branche voraus. Die eigentliche "Story" aber wird angesichts der frohen Kunde wohl verschütt gehen: Dass nämlich die meisten Investment-Banken weiterhin wegen mutmaßlicher Mauscheleien in Misskredit stehen.
Um diese Mauscheleien ist es, in der Presse jedenfalls, seit April still geworden. Damals zahlten die zehn größten US-Brokerhäuser, inklusive die oben genannten drei, in einer historischen außergerichtlichen Einigung unter anderem wegen Betrug und manipuliertem Research insgesamt 1,4 Milliarden Dollar Strafe.
Wall Street zockt ab
Doch das war nicht das Ende, sondern erst der Anfang. Die Zahl der bei der Kontrollbehörde NASD anhängigen Ermittlungsverfahren - meist Shareholder-Klagen, die aus den in der Milliarden-Einigung bekannt gewordenen Details zehren - ist im Vergleich zu 2002 inzwischen um 25 Prozent auf 3112 gestiegen. In einem Fall wurde Morgan Stanley bereits separat verurteilt. An der New Yorker Börse liegen 444 zusätzliche Ermittlungsanträge vor, mehr als doppelt so viel wie noch vor zwei Jahren.
Die auf Sammelklagen spezialisierte Anwaltskanzlei Milberg Weiss Bershad Hynes & Lerach verfolgt in über 300 Fällen Schadensersatz-Summen, die weit über die 1,4 Milliarden Dollar der April-Einigung hinausgehen. Die habe, sagt Börsenanwalt Robert Heim, erst "den Weg für Investoren geebnet, um eigene Ansprüche anzumelden".
Was bedeutet das für Moral und Sitte an der Wall Street? Nichts Neues, glaubt Frank Partnoy. "Wall Street zockt Main Street ab", weiß, ganz kategorisch, der Ex-Broker, der 1997 mit seinen Memoiren an den Termingeschäft-Skandal der 90er Jahre ("Fiasko") einen nationalen Bestseller landete. "Trotzdem wird Banking immer ein gutes Geschäft bleiben - weil es seit Jahrhunderten jeden Skandal überstanden hat."
Unter anderen eben durch guten Spin.