Viele Deutsche misstrauen den bisherigen Covid-19-Vakzinen und setzen auf alternative Produkte. Ausgerechnet der Chef des »Totimpfstoff«-Herstellers Valneva warnt vor dieser Strategie – auf das große Geschäft hofft er trotzdem.
Von Claus Hecking
»Ich rate niemandem, auf unseren Impfstoff zu warten«, sagt Thomas Lingelbach. »Das wäre ethisch inakzeptabel.«
Lingelbach, 58, ist der Chef von Valneva. Das französisch-österreichische Biotech-Unternehmen hat selbst einen Covid-19-Impfstoff entwickelt. Aber der deutsche CEO empfiehlt Verwandten und Bekannten zurzeit die Coronavakzinen der anderen Hersteller. Sich selbst hat er kürzlich mit dem Produkt von Biontech boostern lassen.
»Ich habe einen Aufruf gemacht: Lasst euch jetzt impfen!«, erzählt Lingelbach dem SPIEGEL. Eile ist geboten – nun, da die Delta-Welle durch Europa rauscht und die Omikron-Welle sich schon erahnen lässt. Und bis Valnevas eigener Impfstoffkandidat in der EU auf den Markt kommt, wird es wohl noch mehrere Wochen, wenn nicht gar Monate dauern.
Ungeachtet von Lingelbachs Empfehlungen dürfte es Millionen Ungeimpfte in Europa geben, die eben doch warten wollen: auf VLA2001 von Valneva oder Nuvaxovid, das Präparat des US-Herstellers Novavax. Schließlich basieren diese zwei umgangssprachlich »Totimpfstoffe« genannten Vakzinen auf anderen Technologien. Die EU hat Verträge über die Lieferung von bis zu 60 Millionen Dosen von Valneva und bis zu 100 Millionen Dosen von Novavax abgeschlossen.
Allerdings ist noch keines der beiden Präparate in Europa zugelassen.
Ein Jahr hinter Pfizer und Moderna
Warum dauert es so lange mit diesen Alternativ-Impfstoffen? Eine Verkettung von unglücklichen Ereignissen, Produktionsproblemen und ihrer relativ geringen Unternehmensgröße haben Valneva und Novavax viel Zeit gekostet.
Ihre Vakzinen werden nun mindestens ein Jahr später einsatzbereit sein als die von Pfizer/Biontech, Moderna und AstraZeneca. Und: Sie wurden für die Ursprungsvariante des Virus designt, nicht für die neuen Mutanten.
Dennoch erhoffen sich die beiden Hersteller große Geschäfte.
Valneva sei nicht zu spät dran, meint Lingelbach. »Es gibt eine beträchtliche Anzahl von Menschen, die sich nicht mit mRNA-Präparaten impfen lassen wollen.« Täglich erhalte er Zuschriften von Leuten, die der neuen mRNA-Technologie misstrauen, bei der der menschliche Körper dabei mit Teilen der Erbinformation des Virus konfrontiert wird. Und die auf sein Präparat warten.
Valnevas Impfstoff besteht aus einem kompletten inaktivierten Sars-CoV-2-Virus, das sich im Körper nicht mehr vermehren kann. Nach diesem Prinzip werden Vakzinen seit Jahrzehnten entwickelt. Nuvaxovid von Novavax enthält winzige Partikel aus einer im Labor hergestellten Version des Spikeproteins des Virus. Beide Vakzinen gehören damit formal zur Gruppe der Totimpfstoffe.
Womöglich könnten die beiden Vakzinen manche Impfverweigerer zum Umdenken bewegen. Zumindest legt das eine Forsa-Umfrage unter Ungeimpften im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums aus dem Herbst nahe.
Damals erklärten immerhin 56 Prozent aller Teilnehmer, ihre Impfbereitschaft würde steigen, wenn Vakzinen mit einem klassischen Wirkprinzip wie Totimpfstoffe zugelassen würden. Zum Vergleich: Geldprämien oder umfassende 2G-Regeln kamen nur auf je fünf Prozent.
Doch diese vermeintlich »klassischen« und einfach lagerbaren Vakzinen lassen noch immer auf sich warten.
Immerhin könnte der Novavax-Impfstoff demnächst das Plazet der EU-Arzneimittelbehörde EMA bekommen – mehr als ein halbes Jahr nach dem geplanten Zulassungstermin. Ursprünglich wollte der Hersteller das Präparat in der EU und den USA schon zwischen April und Juni auf den Markt bringen. Doch dann mangelte es an Rohstoffen, häuften sich die Produktionsprobleme.
Laut einem Bericht des US-Magazins »Politico« soll es Novavax nicht geschafft haben, gleichbleibende Qualität zu produzieren – und die Methoden, mit denen die Reinheit des Impfstoffs getestet wurde, sollen den Anforderungen der Regulatoren nicht genügt haben. Das Ergebnis: monatelange Verzögerungen.
»Valneva und Novavax haben nicht die tiefen Taschen wie Pfizer oder Johnson & Johnson. Und sie haben keine Netzwerke von Auftragsfertigern.«
Elmar Kraus, Biotechnologie- und Pharmaexperte der DZ-Bank
Valneva, das schon zuvor Impfstoffe entwickelt hatte, musste für die Arbeit mit dem Sars-CoV-2-Virus »die gesamten Labore und die Produktionsstätte auf höchste biologische Sicherheitsstandards umstellen«, wie Lingelbach erzählt. »Das hat leider sehr lange gedauert.«
Im September folgte dann der Tiefschlag: Die britische Regierung, die mit Valneva eine Partnerschaft eingegangen war und 100 Millionen Dosen vorbestellt hatte, löste das Abkommen auf: wegen angeblichen Vertragsbruchs, den Valneva entschieden bestritt. Aber es half nichts. Großbritannien war zu diesem Zeitpunkt der einzige Kunde.
Ohne Hilfe geht es nicht
»Die Entwicklung neuer Impfstoffe geht richtig ins Geld – das ist ein Problem gerade für kleinere Unternehmen«, sagt Elmar Kraus, Analyst der DZ-Bank, der selbst jahrelang in der Pharma- und Biotechnologieindustrie gearbeitet hat. »Valneva und Novavax haben nicht die tiefen Taschen wie Pfizer, Johnson & Johnson oder andere Konzerne. Und sie haben auch keine Netzwerke von Auftragsfertigern.«
Ohne solch spezialisierte Auftragshersteller geht in der modernen Pharmaindustrie wenig; auch Pfizer und Biontech haben Teile der Impfstoffproduktion und -abfüllung ausgegliedert. »Es gibt nicht so viele zuverlässige Auftragsfertiger auf der Welt, die so etwas können«, sagt Kraus. »Als kleines Unternehmen muss man sich da erst mal hinten anstellen.«
PStudie hohe Wirksamkeit
Novavax hat laut Studie hohe Wirksamkeit
Novavax wie auch Valneva haben Partner gefunden. Lingelbachs Unternehmen hat erst kürzlich ein Abkommen mit dem Auftragsfertiger IDT Biologika aus Dessau abgeschlossen, der auch für AstraZeneca gearbeitet hat. Geld ist auch da – dank eines im November abgeschlossenen Vertrags mit der EU.
Deren Mitgliedstaaten haben für 2022 zusammen 24,3 Millionen Dosen vorbestellt: mit der Option, bis 2023 auf 60 Millionen zu erhöhen. Nach SPIEGEL-Informationen bekommt Valneva 30 Prozent Vorauszahlung. Schon jetzt habe Valneva »signifikante Mengen auf Lager«, sagt Lingelbach. Man werde alle Bestellungen »innerhalb maximal sechs Monaten nach Zulassung ausliefern können.«
Der Vertrag mit der EU sieht vor, dass der Impfstoff an neue Variantenstämme angepasst werden kann. Dies wird womöglich auch nötig werden. Aber wohl nicht so dringend wie bei Novavax. Denn während die US-Vakzine auf dem Spikeprotein des ursprünglichen Typs basiert, das sich bei der Omikron-Mutante stark verändert hat, besteht das Valneva-Präparat aus dem kompletten inaktivierten Virus.
Thomas Lingelbach wird vorerst weiter die Impfstoffe von Biontech, Pfizer oder Moderna empfehlen. Valneva sehe sich nicht als Wettbewerber zu den Weltmarktführern, sondern wolle »ergänzend« dazu beitragen, die Pandemie in den Griff zu bekommen, sagt der Unternehmenschef. »Wenn unser Produkt mehr Menschen als bisher überzeugt, sich impfen zu lassen, hilft das allen. Dann haben wir unseren Job gemacht.«