27.05.2007 12:59:00
Oracle - Auf Gefechtsstation (EurAmS)
Oracle-Gründer Larry Ellison sorgt mit Mega-Yachten, Kampfjets und flotten Sprüchen immer wieder für Aufsehen. Doch hinter dem großen Ego steckt ein kühler Stratege. Euro am Sonntag sprach exklusiv mit ihm
Thomas Schmidtutz
Die Rising Sun von Oracle-Gründer Larry Ellison ist das, was man einen schwimmenden Palast nennen würde. Es gibt einen Swimmingpool, ein komplett ausgestattes Fitness-center und einen Basketballcourt, der sich zugleich als Helikopterlandeplatz eignen soll. Auch die Abende dürften die Gäste sorgenfrei genießen. Das Oberdeck ziert ein Original Steinway-Flügel, es gibt einen Kamin, einen Esstisch für 20 Personen, und der Teppich ist so flauschig, dass man bis zu den Knöcheln darin versinkt.
Über 200 Millionen Dollar soll Ellison für die im trendigen Lounge-Stil gehaltene 138-Meter-Mega-Yacht hingeblättert haben. Aber der Gründer des zweitgrößten Software-Unternehmens der Welt kann es sich leisten. Mit einem geschätzten Vermögen von 21,5 Milliarden Dollar ist der Software-Tycoon der elfreichste Mensch auf dem Planeten. Wer Ellison kennt, ahnt, dass er sich damit nicht zufriedengeben wird. "Ich liebe Wettbewerb", sagt der durchtrainierte und braungebrannte 62-Jährige anlässlich eines Gesprächs mit europäischen Pressevertretern an Bord der Rising Sun und gibt seinem Lieblingsgegner SAP gleich einen mit: "Unser Anwendungsgeschäft wächst schneller", so Ellison am Rande des America‘s Cup in Valencia. Neutrale Beobachter sehen das anders: "SAP gewinnt Marktanteile." Doch wenn‘s ums Geschäft geht, haut Ellison schon mal gerne auf den Putz. Das hat ihm in der Branche nicht nur Freunde eingebracht. Als Oracle 2003 überraschend ein milliardenschweres Übernahmeangebot für den damaligen Wettbewerber Peoplesoft unterbreitete, wies dessen Chef Craig Conway die Offerte barsch zurück: "Das wäre so, als ob mich jemand fragen würde, ob er meinen Hund kaufen könnte, nur um ihn dann zu erschießen." Den Angriff parierte Ellison routiniert: "Wenn Craig und der Hund da stünden und ich hätte nur eine Patrone, wäre die nicht für den Hund", sagte Ellison wie aus der Pistole geschossen.
Die flotten Sprüche und sein Größer-höher-weiter-Ego haben Ellisons das Image des Branchenlautsprechers eingetragen. Dabei analysiert kaum einer den Markt so kühl wie er. Das zeigt auch ein Blick auf die Hintergründe für Oracles milliarden-schwere Akquisitionsstrategie der vergangenen Jahre. Zwar wächst Oracles Datenbanksparte nur noch mäßig, weshalb Ellison das Geschäft um ERP-Software, mit der Unternehmen etwa ihre Finanzbuchhaltung steuern, kräftig ausbaut. Aber im Hintergrund steckt vor allem die Furcht vor einer möglichen Allianz von SAP und IBM, Oracles Hauptwettbewerber bei Datenbanken. Die Bedenken sind nur zu berechtigt. Schon seit einiger Zeit sorgen die Walldorfer dafür, dass ihre Anwendungssoftware besonders gut mit Big Blues Datenbanken zusammenspielt.
Doch ob Ellisons Strategie aufgeht, ist derzeit offen. Immerhin: Die Stimmung unter Beobachtern hellt sich auf. Die Integration der rund 30 bislang zugekauften Unternehmen verlaufe überraschend gut, urteilt etwa Sarah Friar von Goldman Sachs. Dazu sei es dem Konzern gelungen, Kunden übernommener Unternehmen bei der Stange zu halten. Das galt lange als einer der größten Knackpunkte.
Dass Ellison über all den Zukäufen nun auch noch Appetit auf SAP bekommen könnte, halten Beoachter dagegegen für abwegig. Mitte der Woche hatten Spekulationen die Runde gemacht, Oracle solle acht Prozent an SAP erworben haben. "Das ist nur ein Gerücht", glaubt Thomas Nagel, Aktienhändler bei Equinet in Frankfurt. Analysten sehen das ähnlich: "Das wäre schon aus Kartellgründen kaum vorstellbar."
Mal davon abgesehen, dass die SAP-Gründer um Hasso Plattner, Dietmar Hopp und Klaus Tschira ihre Anteile von zusammen rund 30 Prozent wohl an einen garantiert nicht verkaufen würden - den alten Erzrivalen aus dem Silicon Valley.
Interview
€uro am Sonntag: Mister Ellison, Oracle ist schwer auf Einkaufstour. Sie haben in den vergangenen drei Jahren über 20 Milliarden Dollar für rund 30 Firmen hingeblättert. Erst vor ein paar Tagen haben Sie sich für 495 Millionen das US-Software-Haus Agile geschnappt. Ist ein Ende der Shoppingtour in Sicht?
Larry Ellison: Nun, da draußen sind derzeit viele clevere Jungs unterwegs und kaufen zu. Kapital ist billig, die Zinsen sind unten, viele börsennotierte Unternehmen sind derzeit relativ günstig bewertet. Einige dieser Firmen werden sogar wieder von der Börse genommen. Schon das zeigt: Es gibt Werte zu heben. Dieses Umfeld machen wir uns zunutze.
€uro am Sonntag: Manche Beobachter sehen das weniger entspannt. Einige warnen, dass die Akquisitionsflut früher oder später auf die Marge drücken könnte.
Ellison: Wir haben unseren Umsatz mit den Akquisitionen in den vergangenen Jahren nahezu verdoppelt, ohne unsere Marge zu verwässern. Wir schaffen immer noch eine operative Marge von rund 40 Prozent. Und wir sind dabei noch wettbewerbsfähiger geworden. Schauen Sie sich unser Geschäft doch mal an: Oracle ist heute längst weit über das traditionelle ERP-Geschäft um Finanzbuchhaltung oder Produktionsplanung hinaus gewachsen. Wir sind inzwischen die Nummer 1 bei CRM-Software zum Management von Kundenbeziehungen, wir sind die Nummer 1 bei Branchenlösungen für Banken, wir sind die Nummer 1 bei Branchenlösungen für die Telekommunikationsindustrie. SAP hat da noch Nachholbedarf.
€uro am Sonntag: Das wird SAP bestreiten.
Ellison: Natürlich ist SAP der Marktführer für ERP-Software. Sie haben dieses Segment begründet. Da liegt ihr Fokus. Es ist interessant zu sehen, was SAP gegenwärtig macht: Ihre neueste Wachstumsinitiative heißt A1S. Das ist ERP für den Mittelstand, aber eben immer noch ERP. Um SAP im Markt für Anwendungssoftware für Firmen zu schlagen, müssen wir über das traditionelle ERP-Geschäft hinausgehen. Das haben wir getan. Bei CRM haben wir sie schon überholt. Jetzt gehen wir in den Markt für branchenspezifische Lösungen und zwar erfolgreich: Wir sind im Bankenbereich mit der Übernahme von iFlex der Marktführer. iFlex bietet das ganze Portfolio vom Internetbanking über Lösungen für die Vermögensverwaltung und Portfoliomanagement bis zu Tools gegen Geldwäsche. Das ist Lichtjahre jenseits des klassischen ERP-Geschäfts. Und ganz offen: Was schafft mehr Wert? Ein System, das Finanzbuchhaltung ermöglicht oder Personalabrechnungen, oder ein System, mit dem Sie Ihren Kundenstamm managen können?
€uro am Sonntag: Aber ERP ist immer noch die Kernanwendung bei Unternehmen.
Ellison: Keine Frage: ERP ist eine wichtige Basis. Jedes Unternehmen muss Rechnungen schreiben oder seine Mitarbeiter bezahlen. SAP war da der Pionier. Aber wir glauben nicht, dass das die Kunden entscheidend nach vorne bringt. Deshalb wollen wir die Wertschöpfungskette nach oben erweitern. Ehrlich: ERP ist für Firmen nicht entscheidend, um erfolgreich zu sein. Ich habe noch nie einen CEO getroffen, der gesagt hätte: "Hey Larry, Eure Buchhaltungssoftware ist echt cool, wir können jetzt Quartalsabschlüsse erstellen. Jetzt sehen unsere Wettbewerber aber alt aus." Der wahre Wert liegt in anderen, höherwertigen Anwendungen wie CRM.
€uro am Sonntag: Viele Branchen-beobachter kaufen Ihnen das nicht ab und sagen, es ginge Ihnen bei den Zukäufen vor allem um eins: Der Größte zu sein.
Ellison: Da kann ich Sie beruhigen. Es geht bei unseren Zukäufen nicht darum, einfach nur größer zu werden. Wir wollen uns über Akquisitionen von Wettbewerbern wie SAP differenzieren und in der Wertschöpfungskette nach oben gehen, um auf diese Weise unsere strategische Bedeutung für unsere Kunden weiter zu erhöhen. Das haben wir geschafft. Diesen Weg gehen wir weiter.
€uro am Sonntag: Das ist unübersehbar. Gerade haben Sie den US-Software-Anbieter Agile übernommen. Das Unternehmen macht sogenannte PLM-Software, mit der sich der Lebenszyklus eines Produkts steuern lässt, von der Entwicklung über die Produktion bis zum Service. Wie passt Agile in Ihr Portfolio?
Ellison: Zunächst einmal: Agile ist eher ein kleineres Unternehmen und damit gut verdaulich, und es ist ein Anbieter vor unserer Haustür. Agile hat ein sehr interessantes Produkt und viele Kunden aus der Fertigungsindustrie wie zum Beispiel Dell. Wir haben selbst viele Kunden aus der Fertigungsindustrie, hatten aber bislang kein PLM-Angebot. Jetzt schon. Da gibt es gute Möglichkeiten, um das Produkt in die bestehende Basis zu verkaufen.
€uro am Sonntag: Aber mit dem wachsenden Bestand an Software unterschiedlichster Anbieter wird die Integration immer schwieriger. Fürchten Sie nicht, dass Sie sich an all den Zukäufen verheben könnten?
Ellison: Nein. Wir haben das Umfeld vor ein paar Jahren sehr gründlich analysiert. Der Software-Markt war reif für eine Konsolidierung. Die Preise waren unten, die Kreditzinsen im Keller. Der Hype bei den Börsengängen war vorbei. Damit konnte man leichter kleinere Firmen kaufen, die zuvor einen IPO vorgezogen hätten. Dazu haben wir uns genau angesehen, was andere große Unternehmen tun. Ein interessantes Beispiel ist Cisco. Die haben eine prima Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Aber sie können nicht alles selbst machen, schon aus Zeitgründen nicht. Also hat Cisco Top-Technologie dazu gekauft und sich dabei der Vorteile des Silicon Valleys bedient. Dort gibt es viele Unternehmer, die hervorragende Technologie haben. Daran haben wir uns orientiert.
€uro am Sonntag: Und organisatorisch?
Ellison: In gewisser Hinsicht war General Electric da ein Vorbild. GE kann verschiedene Akquisitionen parallel stemmen. Warum? Weil sie mehrere, selbstständige Bereiche haben. Es ist eben ein Unterschied, ob Sie in einem einzigen Unternehmen sieben Zukäufe pro Jahr integrieren wollen, oder ob Sie drei große Geschäftsbereiche haben, die das verdauen können. Entsprechend haben wir uns aufgestellt.
€uro am Sonntag: Nämlich?
Ellison: Wir haben für unsere industrie-spezifischen Lösungen für Banking, Handel, Telekommunikation und Versorger jeweils einen General Manager an der Spitze, der für alles verantwortlich ist. Er führt praktisch eine Firma in der Firma: Von der Produktentwicklung über Vertrieb bis zum Service und dem Personal. Natürlich gibt es Design-Vorgaben, etwa bei der Benutzeroberfläche oder den technischen Standards, damit die Produkte mit unseren übrigen Angeboten zusammenarbeiten. Aber ansonsten ist der General Manager in seinen Entscheidungen völlig frei. Das andere Thema ist die Integration. Wir versuchen, neue Unternehmen möglichst rasch einzugliedern. Dabei hilft uns unsere Middleware, also eine Art Datenweiche, die die verschiedenen Produkte miteinander verbindet. Außerdem haben wir eine gemeinsame Datenbasis für alles, E-Mails, Vertragswesen, egal. Bei Zukäufen gibt es klare Zeitpläne für die Überführung der Daten zugekaufter Firmen in unsere Systeme. Nur so können wir das hohe Tempo halten und das Unternehmen effizient führen.
€uro am Sonntag: Seit Beginn der Shoppingtour und der aufsehen erregenden Übernahmeschlacht um Peoplesoft 2003 hat Oracle den Umsatz fast verdoppelt. Im laufenden Geschäftsjahr, das zum 31. Mai endet, erwarten Analysten einen Umsatz von gut 18 Milliarden Dollar. Wo kann das noch hingehen?
Ellison: Unser Ziel ist klar: Wir wollen eine 30-Milliarden-Dollar-Company werden. Darauf bereiten wir uns vor.
€uro am Sonntag: Sie haben Ende März SAP wegen "unternehmerischen Diebstahls in großem Stil" verklagt. Danach sollen sich Mitarbeiter einer SAP-Tochter widerrechtlich Zugang zu einer passwort-geschützten Webseite von Oracle verschafft haben. Nun drohen Sie mit Schadenersatzforderungen, haben aber bislang keine konkrete Summe genannt. Wie viel sollen es denn werden?
Ellison: Dazu steht alles Wichtige auf unserer Webseite. Nur so viel: Wir wollen zunächst die Antwort von SAP abwarten. Und wir freuen uns auf den Prozess.
€uro am Sonntag: Sie sind inzwischen 63 Jahre alt und einer der letzten Gründer in der IT-Industrie, der noch an der Spitze seines Unternehmens steht. Wie lange bleiben Sie noch an Bord?
Ellison: Ich weiß es nicht. Ich habe immer noch Spaß an meiner Arbeit. Das Geschäft läuft auch. Und davon abgesehen, haben wir mit Safra Catz und Charles Phillips zwei starke Co-Präsidenten, die beide meinen Job machen könnten. Aber eins ist ganz sicher: Wenn ich mich zurückziehe, wird der Verwaltungsrat eine sehr gute Auswahl an internen Kandidaten haben.
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