Vor zwei Wochen sorgte ein "persönliches Memo" der McKinsey-Bankexperten Frank Mattern und Clara Streit an Bernd Fahrholz (Dresdner Bank) und Werner Seifert (Deutsche Börse) für Aufsehen.
Hintergrund/Thesen zur Ausgangslage
Während der neunziger Jahre konzentrierte sich die Diskussion um die Weiterentwicklung des Finanzplatzes Deutschland stark auf Fragen der relativen Wettbewerbsfähigkeit in Europa und insbesondere vis-à-vis London und Paris. Wichtige Themen waren die Erhöhung der Attraktivität des Standortes für bestimmte Geschäfte der Intermediäre (zum Beispiel Repos, Derivat-Handel) der Einfluss steuerlicher und regulatorischer Rahmenbedingungen auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes, die Qualität und Effizienz der inländischen Infrastruktur für den Wertpapierhandel sowie insbesondere die Frage der Entwicklung der Aktienkultur.
Mit dem Einbruch der Aktienmärkte, der Zusammenbruch der Technologie und insbesondere Telekom-Werte, der Krise des Anlegervertrauens in Bilanzen und Research sowie der weltweiten Rezession ist die Finanzdienstleistungsbranche weltweit in eine schwere Krise geschlittert. Diese Krise trifft die deutschen Marktteilnehmer und den (vergleichsweise weniger reifen) Finanzplatz Deutschland doppelt, da zudem die Auswirkungen einer schweren Struktur- und Ertragskrise der inländischen Banken, eines langdauernden Niedergangs der volkswirtschaftlichen Produktivität sowie der Rat- und Hilflosigkeit der Politiker im Angesicht der strukturellen Haushaltskrise sichtbar werden. Vor diesem Hintergrund hat die Community der Marktteilnehmer in Deutschland nicht nur viel Momentum verloren, es stellt sich die Frage, ob ein "Finanzplatz Deutschland" überhaupt noch eine Bedeutung für die handelnden Stakeholder hat und ob er als solcher existiert und existieren wird / sollte.
Ausgelöst ist diese fundamentale Krise durch mehrere parallele Krisen im Kern sowie im Umfeld des Finanzplatzes, zum Beispiel:
Schwere Struktur- und Ertragskrise der deutschen Banken: Das Einbrechen der Zins- und Provisionserträge und das Explodieren der Kreditrisiken treffen auf eine Bankenstruktur, die noch immer hoch fragmentiert ist, insbesondere im europäischen Marktvergleich. Über 10 Jahre hinweg haben die deutschen privaten Banken Chancen zur Restrukturierung und zur Konsolidierung (1994, 1996, 2000) verpasst. Diese durchaus "hausgemachte" Problematik der privaten Banken findet in einem durch Größe und Ausrichtung der öffentlichen Banken fundamental nicht funktionierenden Markt statt (insbesondere sind die Margen im Aktivgeschäft und Zahlungsverkehr nicht ausreichend, und die extreme Fragmentierung hat nicht wettbewerbsfähige Kostenstrukturen weiter begünstigt). Im Ergebnis hat der gesamte Bankensektor in Deutschland während der vergangenen zehn Jahre in nur einem einzigen Jahr (2000) seine Kapitalkosten verdient. Die nun anlaufende Neuausrichtung der öffentlichen Banken weist in die richtige Richtung, kommt jedoch etwa fünf Jahre zu spät.
Volkswirtschaft im strukturellen Niedergang: Eine langfristig beobachtbare volkswirtschaftliche Produktivitätslücke (siehe MGI Report), erwartete Nullwachstum, keine Aussichten auf notwendige Strukturveränderungen in den Sozialsystemen und reale Deflationsgefahren ("Testing for Nipponitis") lassen auch aus der realen Wirtschaft keine Impulse für den Finanzplatz erwarten. Nachhaltig profitable und wachsende Banken sind jedoch nur dann möglich, wenn auch die Realwirtschaft "gesund" ist. Deutlich zu niedrige Eigenkapitalquoten im Mittelstand sind nur eines der fundamentalen Probleme der Volkswirtschaft, die sich unmittelbar auf die Geschäftssituation der Banken auswirken. Keine Frage, dass Europa "der kranke Mann Europas" ist.
Steuerpolitische Verzweiflungsakte: Es hat den Anschein, dass die herhen Ziele der vergangenen Jahre, Stärkung der Aktienkultur, der privaten Altervorsorge, Senkung der Steuerlast, Förderung des Finanzplatzes zum Erreichen positiver Rückkoppelungen auf Realwirtschaft und Arbeitsmärkte im Handstreich einer verzweifelten Suche nach kurzfristigen Einnahmequellen geopfert werden. Die Staatsquote steigt unaufhaltsam, angesichts der Wachstumsschwäche nimmt die Härte des Verteilungskampfes zu. Überkommene Strukturen, wie zum Beispiel die Mitbestimmung, können vor diesem Hintergrund kaum reformiert werden.
Deutsche Politiker in der Wahlkampf-Endlosschleife: Die Beinahe-Pattsituationen im Bundesrat und die knappen Mehrheitsverhältnisse im Bundestag führen dazu, dass jeder einzelne der zahlreichen Wahlkämpfe auf Länder- oder kommunaler Ebene bis zur nächsten Bundestagswahl 2006 gewonnen werden muss. Von der Opposition ist daher kaum eine (im Zweifel kurzfristig unpopuläre) aggressive Gegenpolitik zu erwarten, soweit sie die Konzepte zu einer solchen überhaupt hat. Schlimmer noch als die Untätigkeit ist die konzeptionelle Leere; weder Regierung noch Opposition scheinen über Ideen zur echten Lösung der strukturellen Probleme Deutschlands zu verfügen. Zu beobachten ist eher eine generelle Hilflosigkeit - beim Sparten ebenso wie beim Einnehmen, beim Reformieren ebenso wie beim Versuch, auf einen Wachstumspfad zurückzukehren.
So long,
Calexa
www.investorweb.de
Hintergrund/Thesen zur Ausgangslage
Während der neunziger Jahre konzentrierte sich die Diskussion um die Weiterentwicklung des Finanzplatzes Deutschland stark auf Fragen der relativen Wettbewerbsfähigkeit in Europa und insbesondere vis-à-vis London und Paris. Wichtige Themen waren die Erhöhung der Attraktivität des Standortes für bestimmte Geschäfte der Intermediäre (zum Beispiel Repos, Derivat-Handel) der Einfluss steuerlicher und regulatorischer Rahmenbedingungen auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes, die Qualität und Effizienz der inländischen Infrastruktur für den Wertpapierhandel sowie insbesondere die Frage der Entwicklung der Aktienkultur.
Mit dem Einbruch der Aktienmärkte, der Zusammenbruch der Technologie und insbesondere Telekom-Werte, der Krise des Anlegervertrauens in Bilanzen und Research sowie der weltweiten Rezession ist die Finanzdienstleistungsbranche weltweit in eine schwere Krise geschlittert. Diese Krise trifft die deutschen Marktteilnehmer und den (vergleichsweise weniger reifen) Finanzplatz Deutschland doppelt, da zudem die Auswirkungen einer schweren Struktur- und Ertragskrise der inländischen Banken, eines langdauernden Niedergangs der volkswirtschaftlichen Produktivität sowie der Rat- und Hilflosigkeit der Politiker im Angesicht der strukturellen Haushaltskrise sichtbar werden. Vor diesem Hintergrund hat die Community der Marktteilnehmer in Deutschland nicht nur viel Momentum verloren, es stellt sich die Frage, ob ein "Finanzplatz Deutschland" überhaupt noch eine Bedeutung für die handelnden Stakeholder hat und ob er als solcher existiert und existieren wird / sollte.
Ausgelöst ist diese fundamentale Krise durch mehrere parallele Krisen im Kern sowie im Umfeld des Finanzplatzes, zum Beispiel:
Schwere Struktur- und Ertragskrise der deutschen Banken: Das Einbrechen der Zins- und Provisionserträge und das Explodieren der Kreditrisiken treffen auf eine Bankenstruktur, die noch immer hoch fragmentiert ist, insbesondere im europäischen Marktvergleich. Über 10 Jahre hinweg haben die deutschen privaten Banken Chancen zur Restrukturierung und zur Konsolidierung (1994, 1996, 2000) verpasst. Diese durchaus "hausgemachte" Problematik der privaten Banken findet in einem durch Größe und Ausrichtung der öffentlichen Banken fundamental nicht funktionierenden Markt statt (insbesondere sind die Margen im Aktivgeschäft und Zahlungsverkehr nicht ausreichend, und die extreme Fragmentierung hat nicht wettbewerbsfähige Kostenstrukturen weiter begünstigt). Im Ergebnis hat der gesamte Bankensektor in Deutschland während der vergangenen zehn Jahre in nur einem einzigen Jahr (2000) seine Kapitalkosten verdient. Die nun anlaufende Neuausrichtung der öffentlichen Banken weist in die richtige Richtung, kommt jedoch etwa fünf Jahre zu spät.
Volkswirtschaft im strukturellen Niedergang: Eine langfristig beobachtbare volkswirtschaftliche Produktivitätslücke (siehe MGI Report), erwartete Nullwachstum, keine Aussichten auf notwendige Strukturveränderungen in den Sozialsystemen und reale Deflationsgefahren ("Testing for Nipponitis") lassen auch aus der realen Wirtschaft keine Impulse für den Finanzplatz erwarten. Nachhaltig profitable und wachsende Banken sind jedoch nur dann möglich, wenn auch die Realwirtschaft "gesund" ist. Deutlich zu niedrige Eigenkapitalquoten im Mittelstand sind nur eines der fundamentalen Probleme der Volkswirtschaft, die sich unmittelbar auf die Geschäftssituation der Banken auswirken. Keine Frage, dass Europa "der kranke Mann Europas" ist.
Steuerpolitische Verzweiflungsakte: Es hat den Anschein, dass die herhen Ziele der vergangenen Jahre, Stärkung der Aktienkultur, der privaten Altervorsorge, Senkung der Steuerlast, Förderung des Finanzplatzes zum Erreichen positiver Rückkoppelungen auf Realwirtschaft und Arbeitsmärkte im Handstreich einer verzweifelten Suche nach kurzfristigen Einnahmequellen geopfert werden. Die Staatsquote steigt unaufhaltsam, angesichts der Wachstumsschwäche nimmt die Härte des Verteilungskampfes zu. Überkommene Strukturen, wie zum Beispiel die Mitbestimmung, können vor diesem Hintergrund kaum reformiert werden.
Deutsche Politiker in der Wahlkampf-Endlosschleife: Die Beinahe-Pattsituationen im Bundesrat und die knappen Mehrheitsverhältnisse im Bundestag führen dazu, dass jeder einzelne der zahlreichen Wahlkämpfe auf Länder- oder kommunaler Ebene bis zur nächsten Bundestagswahl 2006 gewonnen werden muss. Von der Opposition ist daher kaum eine (im Zweifel kurzfristig unpopuläre) aggressive Gegenpolitik zu erwarten, soweit sie die Konzepte zu einer solchen überhaupt hat. Schlimmer noch als die Untätigkeit ist die konzeptionelle Leere; weder Regierung noch Opposition scheinen über Ideen zur echten Lösung der strukturellen Probleme Deutschlands zu verfügen. Zu beobachten ist eher eine generelle Hilflosigkeit - beim Sparten ebenso wie beim Einnehmen, beim Reformieren ebenso wie beim Versuch, auf einen Wachstumspfad zurückzukehren.
So long,
Calexa
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