Aus der FTD vom 10.1.2002 www.ftd.de/euro-indikator
Euro-Indikator: Chancen auf Euro-Aufschwung gestiegen
Von Hubert Beyerle, Berlin
Erstmals seit mehr als einem Jahr stützt im Euro-Raum derzeit die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank wieder das Wirtschaftswachstum. Dies ergibt sich aus der Januar-Auswertung des FTD-Wachstumsindikators, die acht führende Wirtschaftsforschungsinstitute am Mittwoch vorlegten.
Euro-Indikator
Gestützt wird die Konjunktur zudem durch die jüngsten Besserungstendenzen aus den USA sowie niedrigeren Ölpreisen auf den Weltmärkten. Wie sich aus der jüngsten Berechnung des Indikators ergeben hatte, dürfte sich das Wirtschaftswachstum im Euro-Raum zum Jahreswechsel erstmals seit Mitte 2000 wieder stabilisiert haben. Die Institute revidierten ihre Schätzungen für das vierte Quartal 2001 und das erste Quartal 2002 um jeweils 0,2 Prozentpunkte nach oben. Der Indikator wird monatlich von Euroframe, einem Konsortium von führenden europäischen Wirtschaftsforschungsinstituten, ermittelt.
Ölpreise wirken jetzt neutral
Als Grundlage für die Berechnung des Indikators dient ein Modell, in das eine Reihe von wirtschaftlichen Frühindikatoren eingeht.
Zwar wirken die Stimmungsindikatoren von Industrie und Handel noch bis ins erste Quartal 2002 dämpfend auf das Gesamtwachstum im Euro-Raum, sagte Hervé Péleraux vom Pariser Konjunkturinstitut OFCE. Wie die EU-Kommission am Mittwoch mitteilte, fiel der Geschäftsklimaindex sogar auf den tiefsten Stand seit Juli 1996. Dieser Einfluss auf den Gesamtwert des FTD-Indikators wurde allerdings durch eine Reihe positiver Faktoren kompensiert.
Deutlich nachgelassen hat die dämpfende Wirkung der konjunkturellen Entwicklung in den USA. "Die wichtigste neue Information seit der Dezember-Veröffentlichung, die einen größeren Optimismus rechtfertigt, kommt vom US-Einkaufsmanagerindex", sagte Péleraux. Die entsprechenden Umfragewerte seien seit zwei Monaten kräftig hochgegangen. Der Einbruch unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September wurde damit wieder ausgeglichen.
In den vergangenen Quartalen war der konjunkturelle Absturz in den USA zu einem der gewichtigsten Faktoren für den Abschwung im Euro-Raum geworden.
Zinssenkungen wirken verzögert
Die europäische Geldpolitik wirke im ersten Vierteljahr des neuen Jahres zumindest neutral auf das Wirtschaftswachstum, so die Analyse der Euroframe-Institute. Der negative Einfluss jener Zinserhöhungen der EZB von 1999 und 2000 ist mit der üblichen Verzögerung damit verschwunden. In den nächsten Quartalen dürften jetzt zunehmend jene vier Zinssenkungen zu wirken beginnen, mit denen die EZB vergangenes Jahr auf die Konjunkturschwäche und sinkende Inflationsraten reagierte. Wegen der langen Zeitverzögerung, mit der Zinssenkungen erfahrungsgemäß auf die Konjunktur wirken, werden die letzten Senkungen vom November allerdings erst in weiterer Zukunft wirksam werden.
Die gesunkenen Preise für Rohöl wirken nach Euroframe-Berechnung bereits seit Sommer 2001 mehr oder weniger wachstumsneutral.
Aus den jüngsten Wachstumsraten des FTD-Indikators gegenüber Vorjahr lasse sich ableiten, dass die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal bereits wieder um 0,5 Prozent gegenüber Vorquartal zulegen dürfte, sagte OFCE-Ökonom Péleraux. Für das letzte Quartal 2001 ergibt sich laut Indikator ein Plus von 0,2 Prozent gegenüber Vorquartal. Demnach wäre der konjunkturelle Wendepunkt in der Euro-Zone bereits zum Jahreswechsel erreicht.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung DIW, das der Euroframe-Gruppe angehört, hatte in seiner am Dienstag veröffentlichten Prognose in Aussicht gestellt, dass "die konjunkturelle Schwäche bis zum Frühjahr anhält, erst dann dürfte die Stagnation überwunden werden".
Die bis dato letzten offiziellen Zahlen von Eurostat, dem europäischen Statistikamt, ergeben für das dritte Quartal 2001 ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Noch im Frühjahr 2000 hatte der Anstieg des BIP im Euro-Raum bei fast vier Prozent gegenüber Vorjahr gelegen.
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Aufschwünge Ein niedriger Ölpreis (wie zu Beginn 1999) und niedrige Zinsen der Zentralbanken lassen zeitverzögert die Konjunktur anziehen.
Abschwünge Gestiegene Zinsen und Preise bremsen den Aufschwung, bis Konsumenten und Verbraucher wieder Vertrauen schöpfen.
Prognose Wendepunkte vorherzusagen, ist eine Herausforderung für Konjunkturforscher. Jetzt scheint ein solcher erreicht zu sein.
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Euroframe
Der Euro-Wachstumsindikator wird seit März 2000 monatlich von Euroframe, einer Gruppe von acht Wirtschaftsforschungsinstituten aus sieben europäischen Ländern, berechnet und von der Financial Times Deutschland und der Financial Times (London) veröffentlicht. Diese Gruppe besteht aus dem Observatoire Francais Conjonctures Economiques (OFCE, Paris) in Zusammenarbeit mit der Gruppe europäischer Wirtschaftsforschungsinstitute. Dazu gehören neben dem OFCE das CPB (Den Haag), Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW, Berlin), ETLA (Helsinki), Institut für Weltwirtschaft (Kiel), National Institute für Economic and Social Research (NIESR, London), PROMETEIA (Bologna).
Vorrangiges Ziel des Indikators ist es, die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts in der Euro-Zone jeweils etwa zwei Quartale früher zu erkennen, als es anhand der offiziellen Statistiken von Eurostat über das Wirtschaftswachstum möglich ist.
In die Berechnung des Indikators fließen eine Reihe konjunktureller Einzelindikatoren ein: die Umfrageergebnisse bei Industrie, Bauwirtschaft und Einzelhandel in der Euro-Zone, die kurzfristigen Realzinsen (in Relation zum längerfristigen Trend des Wirtschaftswachstums und auf der Basis der Kerninflation), der Euro-Wechselkurs zum Dollar, die Preise von Öl und anderen Rohstoffen und der Einkaufsmanagerindex in den USA.
Nach einer Studie der Credit Suisse First Boston gehört er mittlerweile zu den zuverlässigsten Frühindikatoren für die Euro-Zone. Insbesondere den deutlichen Aufschwung und die darauf folgende Kehrtwendung im Sommer 2000 hatte der Euroframe-Indikator sicher und frühzeitig prognostiziert.
© 2002 Financial Times Deutschland , © Illustration: FTD