- Von Merissa Marr -
London, 27. Nov (Reuters) - Viele hatten das interaktive Fernsehen schon als missglücktes Experiment abgeschrieben. Vor allem amerikanische Unterhaltungskonzerne hatten mit erfolglosen Pilotprojekten Millionen Dollars verloren. Doch technische Innovationen und der Siegeszug der Internet-Kultur verhelfen dem so genannten "iTV" in Europa nun offenbar zu einem neuen Aufschwung. Die Fernsehshow "Big Brother" hat mit dem Erfolg ihrer Website bewiesen, dass sich bequeme Sesselhocker vom Fernsehen weglocken lassen und per Mausklick mitmachen. Allein auf Europas größtem Medienmarkt Deutschland sind einer Umfrage der Beraterfirma Mercer Management Consulting zufolge 70 Prozent der TV-Haushalte am interaktiven Fernsehen interessiert.
Die Hälfte aller Befragten ohne Internet-Anschluss würde das Fernsehen sogar dem Computer als Zugang zum World Wide Web vorziehen. Nicht nur wegen des großen Interesses gilt Europa bei Medienexperten als ideales Versuchsfeld für den Erfolg des iTV. Einerseits gibt es in Europa pro Kopf weniger Computer als in den USA, wo Anfang der 90-er Jahre komplizierte und teure iTV-Systeme wenig Anklang fanden. Außerdem gibt es mit dem Videotext eine 25 Jahre alte Vorform des interaktiven Fernsehens. Und auch das digitale Fernsehen, das zum Beispiel die Wahl von verschiedenen Kamera-Einstellungen bei einem Formel-Eins-Rennen oder einem Fußballspiel ermöglicht, ist auf dem Vormarsch.
"Das sind die ersten kleinen Schritte in Richtung Interaktivität" sagt Ricardo Tejada, Sprecher der britischen BSkyB-Tochter Open, die seit einem Jahr interaktives Fernsehen in Großbritannien betreibt. "Der Zuschauer muss aber eigentlich einen riesigen Sprung zum interaktiven TV machen - nach 50 Jahren Passivfernsehen vom Sofa aus."
In Großbritannien haben rund 4,2 Millionen Haushalte Zugang zum interaktiven Open-Angebot von TV-Shopping, E-Mail und Spielen. Rund 13 Prozent machen mindestens einen Einkauf pro Monat über das Fernsehen. Nach Schätzungen von Experten der US- Bank Chase Manhatten soll es bis zum Ende nächsten Jahres mehr als 20 Millionen iTV-Nutzer in Europa geben. "Europa hat beim interaktiven Fernsehen durch das Engagement von Satelliten- Betreibern wie BSkyB, Canal Plus und TPS die Führung übernommen. Auf dem US-Markt werden solche Dienste gerade erst gestartet und hinken mindestens zwölf bis 18 Monate hinter dem europäischen Markt her", heißt es in einer Studie der Investmentbank Merrill Lynch.
Schon machen Studien über das enorme Geschäftspotenzial des interaktiven Fernsehens die Runde. So schätzt das Forschungsinstitut Forrester, dass das Volumen der über das Fernsehen abgewickelten Geschäfte - der so genannte t-commerce - den E-Commerce über das Internet innerhalb von fünf Jahren übertreffen könnte. In der Zukunftsvision der iTV-Verfechter soll der Fernseher dem Internet aber nicht nur Konkurrenz machen, sondern den PC als Hauptzugang des Konsumenten zur virtuellen Welt ganz ablösen.
Bei all der Euphorie gibt es aber auch skeptische Stimmen. Unklarheit herrscht in der Branche vor allem darüber, wie stark der TV-Zuschauer am Fernsehen als passivem Entspannungs-Instrument festhalten wird. "Die Psychologie des Fernsehens liegt darin, dass man sich am Abend entspannen will. Dieses Bedürfnis wird immer da sein", sagt Patick Barwise, Medienexperte an der London Business School.
bub/hot
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Monday, 27 November 2000 16:09:05
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London, 27. Nov (Reuters) - Viele hatten das interaktive Fernsehen schon als missglücktes Experiment abgeschrieben. Vor allem amerikanische Unterhaltungskonzerne hatten mit erfolglosen Pilotprojekten Millionen Dollars verloren. Doch technische Innovationen und der Siegeszug der Internet-Kultur verhelfen dem so genannten "iTV" in Europa nun offenbar zu einem neuen Aufschwung. Die Fernsehshow "Big Brother" hat mit dem Erfolg ihrer Website bewiesen, dass sich bequeme Sesselhocker vom Fernsehen weglocken lassen und per Mausklick mitmachen. Allein auf Europas größtem Medienmarkt Deutschland sind einer Umfrage der Beraterfirma Mercer Management Consulting zufolge 70 Prozent der TV-Haushalte am interaktiven Fernsehen interessiert.
Die Hälfte aller Befragten ohne Internet-Anschluss würde das Fernsehen sogar dem Computer als Zugang zum World Wide Web vorziehen. Nicht nur wegen des großen Interesses gilt Europa bei Medienexperten als ideales Versuchsfeld für den Erfolg des iTV. Einerseits gibt es in Europa pro Kopf weniger Computer als in den USA, wo Anfang der 90-er Jahre komplizierte und teure iTV-Systeme wenig Anklang fanden. Außerdem gibt es mit dem Videotext eine 25 Jahre alte Vorform des interaktiven Fernsehens. Und auch das digitale Fernsehen, das zum Beispiel die Wahl von verschiedenen Kamera-Einstellungen bei einem Formel-Eins-Rennen oder einem Fußballspiel ermöglicht, ist auf dem Vormarsch.
"Das sind die ersten kleinen Schritte in Richtung Interaktivität" sagt Ricardo Tejada, Sprecher der britischen BSkyB-Tochter Open, die seit einem Jahr interaktives Fernsehen in Großbritannien betreibt. "Der Zuschauer muss aber eigentlich einen riesigen Sprung zum interaktiven TV machen - nach 50 Jahren Passivfernsehen vom Sofa aus."
In Großbritannien haben rund 4,2 Millionen Haushalte Zugang zum interaktiven Open-Angebot von TV-Shopping, E-Mail und Spielen. Rund 13 Prozent machen mindestens einen Einkauf pro Monat über das Fernsehen. Nach Schätzungen von Experten der US- Bank Chase Manhatten soll es bis zum Ende nächsten Jahres mehr als 20 Millionen iTV-Nutzer in Europa geben. "Europa hat beim interaktiven Fernsehen durch das Engagement von Satelliten- Betreibern wie BSkyB
Schon machen Studien über das enorme Geschäftspotenzial des interaktiven Fernsehens die Runde. So schätzt das Forschungsinstitut Forrester, dass das Volumen der über das Fernsehen abgewickelten Geschäfte - der so genannte t-commerce - den E-Commerce über das Internet innerhalb von fünf Jahren übertreffen könnte. In der Zukunftsvision der iTV-Verfechter soll der Fernseher dem Internet aber nicht nur Konkurrenz machen, sondern den PC als Hauptzugang des Konsumenten zur virtuellen Welt ganz ablösen.
Bei all der Euphorie gibt es aber auch skeptische Stimmen. Unklarheit herrscht in der Branche vor allem darüber, wie stark der TV-Zuschauer am Fernsehen als passivem Entspannungs-Instrument festhalten wird. "Die Psychologie des Fernsehens liegt darin, dass man sich am Abend entspannen will. Dieses Bedürfnis wird immer da sein", sagt Patick Barwise, Medienexperte an der London Business School.
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