z.Z. eine schöne Reportagenserie. Heute Teil 1:
Aus der FTD vom 4.1.2002
FTD-Serie: Maestro Greenspan rettet die Welt
Von Gerard Baker, Washington
Vor einem Jahr, am 3. Januar 2001, senkte die amerikanische
Notenbank nach einer langen Periode der Zinssteigerungen zum
ersten Mal ihren Leitsatz. Es folgten zehn weitere Senkungen.
Damit kämpfte die Federal Reserve Bank unter Alan Greenspan
gegen die Folgen von Rezession und Terror. Die FTD-Serie schildert
aus erster Hand, wie die Fed die schwerste Krise ihrer jüngeren
Geschichte meisterte - und wie die Protagonisten die dramatische
Zeit erlebten.
Montag, 17. September 2001, 7.30 Uhr. Nach einer kurzen Nacht kommen
die Mitglieder des Offenmarktausschusses der amerikanischen
Notenbank Federal Reserve mit ernster Miene und geröteten Augen im
Vorstandssitzungsraum der Zentrale in Washington zusammen. Die
Eichentüren zum Sitzungssaal werden geschlossen. Nur sechs Tage
zuvor hat der Anschlag auf New York und Washington stattgefunden.
Die traumatischen Ereignisse haben die Welt verändert, und viele
Teilnehmer der Sitzung wissen nicht, wie es weitergehen soll.
Am diesem Morgen arbeitet der Ausschuss ernst und zügig. Die Zeit
drängt, denn in New York soll zwei Stunden später die Börse
wiedereröffnet werden. Erstmals in ihrer Geschichte war sie an drei
aufeinander folgenden Geschäftstagen geschlossen. Ein großes Risiko
besteht: Die vorherrschende Angst auf den Märkten könnte eine
Verkaufspanik auslösen und so in kurzer Zeit Milliardenwerte
vernichten.
Der Ausschuss muss also schnell handeln. Er muss das Vertrauen in
die Finanzmärkte und die Volkswirtschaft der USA stärken und die
Welt vor einer Rezession bewahren. Der Offenmarktausschuss (FOMC)
bestimmt die Geldmarktpolitik der USA. Er steuert die Federal Reserve
Bank durch das wohl schwerste Jahr ihrer Geschichte. Am Ende gelingt
es der Bank, den Schock von Rezession und Attentat abzumildern und
der Wirtschaft neuen Mut einzuflößen.
Wie hat sie das geschafft? Wie haben die Entscheider der Fed das
Krisenjahr 2001 empfunden? Welche Strömungen haben welche
Entscheidungen ausgelöst? Diese Fragen sollen in dieser Serie
beantwortet werden. Der Beitrag beruht auf einer Vielzahl von
Gesprächen mit Mitgliedern und Mitarbeitern des
Offenmarktausschusses. Er zeigt, wie sich die Notenbankiers und
Politiker bemühten, das Ausmaß des Abschwungs, der vor rund einem
Jahr begann, erst einmal zu erfassen, und ihm durch entschiedenes
Handeln zu begegnen. Er zeichnet die Diskussionen im Ausschuss und
die Gespräche mit Politikern nach - in den USA und in anderen
Ländern.
Und er lässt die Tage nach dem 11. September wieder aufleben, in
denen sich die Zentralbankdirektoren mit aller Kraft gegen einen
Absturz der amerikanischen Wirtschaft stemmten. Wie wirksam die
ergriffenen Maßnahmen schließlich waren, soll ebenfalls untersucht
werden.
Montag, 17. September 2001. Als sich der Offenmarktausschuss an die
Arbeit macht, haben die meisten Mitglieder strapaziöse Reisen hinter
sich. Sie mussten sich in den vergangenen chaotischen Tagen nach
Washington durchkämpfen. Alan Greenspan, Vorsitzender des
Ausschusses, hatte zuvor an einem Kongress in der Schweiz
teilgenommen. Auch ihn überraschte die Schließung des
amerikanischen Luftraums. Er kam schließlich in einer Militärmaschine
unter, die am Tag nach den Attentaten von Zürich über England in die
USA zurückflog. Auch der Präsident der New Yorker Fed und
stellvertretende Ausschussvorsitzende William McDonough gehörte zu
den Passagieren dieses Flugs.
Laurence Meyer, Direktoriumsmitglied der Fed, weilte am 11.
September in Peking bei Gesprächen mit der chinesischen Regierung,
darunter auch mit Präsident Jiang Zemin. Da er nicht nach Hause
fliegen konnte, nahm er eine Einladung seiner Gastgeber zum Besuch
der Chinesischen Mauer an. Doch schon bald beorderte ihn die Fed auf
schnellstem Wege zurück in die USA. Über Militärstützpunkte in Japan
und Kalifornien erreichte der übernächtigte Meyer schließlich seine
Hauptstadt - keine zwölf Stunden vor der Sitzung am Montagmorgen.
Roger Ferguson, stellvertretender Leiter der Fed, war als einziges
Direktoriumsmitglied am 11. September in Washington und hat
seitdem Tag und Nacht damit verbracht, einen Absturz der
Finanzmärkte abzuwenden. Direktoriumsmitglied Edward Gramlich saß
nach einer Rede in Tucson im Bundesstaat Arizona fest. Zusammen mit
zwei Schicksalsgefährten nahm er einen Mietwagen und fuhr 37
Stunden nonstop zurück nach Washington.
Die Terroristen hatten sich für die Anschläge wohl den besten
Zeitpunkt ausgesucht. "Die US-Volkswirtschaft schien einen
Wendepunkt erreicht zu haben, als die Terroristen zuschlugen", sagt
der Präsident der Philadelphia Fed, Anthony Santomero. "Die Signale
aus der Wirtschaft waren zwar noch immer uneinheitlich, doch schien
es so, als ob der Beginn einer Erholungsphase zu erkennen sei." Nicht
alle Fachleute teilten diesen Optimismus, aber alle glaubten einhellig,
dass die Volkswirtschaft an einem Scheideweg stand.
Was war vor dem 11. September geschehen? Acht Monate lang hatten Alan
Greenspan und seine Kollegen die Zinsen massiver gesenkt als je
zuvor in der neueren Geschichte der Fed. Ihr Ziel war es, die längste
Wachstumsphase zu retten, die es in der Volkswirtschaft der USA je
gegeben hat. Sie senkten die Zinsen in rascher Folge nicht weniger
als siebenmal um insgesamt 300 Basispunkte (drei Prozentpunkte).
Fast seit zehn Jahren waren die Kosten für Kredite nicht mehr so
niedrig gewesen. In diesen zehn Jahren hatten sich Alan Greenspan
und seine Kollegen einen außergewöhnlich Ruf erworben. Ihre
Führung der Zentralbankgeschäfte galt als genial. Trotzdem stimmen
die meisten Mitglieder des Offenmarktausschusses darin überein, dass
trotz der vergangenen Erfolge nun der Kampf gegen die Folgen der
Terroranschläge die eigentliche Bewährungsprobe für ihren
Sachverstand ist. "Ich arbeite bereits 30 Jahre für die Zentralbank",
sagt Robert Parry, der Präsident der San Francisco Fed. "2001 war
kein Ausnahmejahr, es war ein unvergleichbares Jahr."
Herbst und Winteranfang 2000. Noch in diesem Zeitraum hatte die
Federal Reserve nicht mit einem besonders ereignisreichen Jahr 2001
gerechnet. Die meisten Mitglieder des Offenmarktausschusses waren
mit der Wirtschaftsentwicklung ganz zufrieden, auch wenn sie der
Verlockung widerstanden, sich auf die Schulter zu klopfen. Seit Mai
1999 hatten sie die Zinssätze sechsmal erhöht, um eine Überhitzung
der Volkswirtschaft zu vermeiden. Das Wachstum drohte außer
Kontrolle zu geraten. Bis November 2000 war der Wachstumsdruck
endlich gewichen.
Noch Ende 2000 sah es so aus, als habe Alan Greenspans Zauber
wieder einmal gewirkt. Am 14. November veröffentlichte der berühmte
Journalist Bob Woodward eine Greenspan-Biografie mit dem Titel
"Maestro". Damit verlieh er der allgemeinen Stimmung in der
Finanzwelt Ausdruck: Greenspan galt allerorten als Meister. Nur einen
Monat nach der Veröffentlichung sah die Welt jedoch schon anders
aus. Das volkswirtschaftliche Orchester der USA, von dem Woodward
sprach und das der Maestro jahrelang überzeugend dirigiert hatte,
klang plötzlich merkwürdig dissonant.
Dezember 2000. Bevor der Offenmarktausschuss zu seiner letzten
Sitzung des Jahres 2000 zusammentritt, hat sich die Lage so
verschlechtert, dass eine wilde Debatte über Zinssenkungen
ausbricht. "Die Monatszahlen waren sprunghaft, aber im Dezember
mehrten sich in unserer Gegend die besorgten Stimmen", erinnert sich
Anthony Santomero von der Philadelphia Fed.
Die Geschwindigkeit, mit der die Wirtschaftslage umschlägt,
überrascht selbst die Fed. Schneller als von den meisten
Notenbankern erwartet, geht die Industrieproduktion zurück, und die
Anzeichen mehren sich, dass die Schwäche der Industrie auch andere
Branchen ansteckt. Prompt wird dort weniger investiert. "Die meisten
Unternehmen, die sich an unseren Umfragen beteiligen, und die
meisten Fachleute, mit denen wir regelmäßig Gespräche führen, waren
wie wir überrascht, wie schnell das Klima kippte", sagt Robert McTeer,
Präsident der Dallas Fed. "Ich glaube, dass so gut wie alle Fachleute
auf dem falschen Fuß erwischt wurden."
Es muss schnell etwas geschehen. Soviel ist klar. Zwei Instrumente
zur Beeinflussung der Stimmungslage sind es vor allem, derer sich der
Offenmarktausschuss bedient: erstens die tatsächliche Änderung des
Geldmarktzinssatzes, und zweitens die öffentliche Stellungnahme zur
Geldmarktpolitik. Mit dieser Stellungnahme schätzt der Ausschuss die
volkswirtschaftlichen Risiken ein und beeinflusst so die Erwartungen
am Markt. Geldmarktpolitik besteht heute, so schätzt ein
Ausschuss-Mitglied, zu gleichen Teilen aus der Ankündigung künftiger
Zinsänderungen und der sofortigen Erhöhung oder Senkung von
Zinsen.
Die früheren Ankündigungen der Fed lassen auch in diesem Dezember
2000 noch weitere Erhöhungen erwarten. Doch viele Beobachter
ahnen, dass Erhöhungen jetzt nicht mehr zu rechtfertigen sind. Die
meisten Mitglieder des FOMC sind schon vor der Sitzung entschlossen,
Finanzmärkte und Wirtschaft positiv zu überraschen. Sie wollen dafür
stimmen, die geldmarktpolitische Zielvorgabe von steigenden auf
sinkende Zinsen umzustellen, ohne jedoch den Geldmarktzins selbst
zu ändern.
Für die Fed wäre das eine Neuerung. Seit dem Beginn der
Veröffentlichung ihrer zinspolitischen Leitlinien hat sie noch nie eine
Lockerung in Aussicht gestellt, ohne vorher offiziell auf konstante
Zinsen umzuschalten. Der begeisterte Kartenspieler Moskow von der
Chicago Fed nennt dieses Signal denn auch "ein hohes Reizen bei
starkem Blatt".
Dienstag, 19. Dezember 2000. Auf dem Weg von seiner Wohnung zum
nur wenige Schritte entfernten Marmorbau der Federal Reserve
überrascht das "Wall Street Journal" Greenspan mit einer
unangenehmen Meldung. Es berichtet vorab, dass der
Offenmarktausschuss wahrscheinlich nicht nur seine zinspolitische
Zielvorgabe ändern werde, sondern sich auch ernsthaft mit
Forderungen von Mitgliedern nach einer Zinssenkung
auseinandersetzen müsse. Die Indiskretion lässt darauf schließen,
dass mindestens ein Ausschussmitglied für eine sofortige Zinssenkung
eintritt und auf diesem Wege versucht, seine Kollegen zu überzeugen.
Ein Sitzungsteilnehmer berichtet später, was die Veröffentlichung
auslöste: Sie weckt im Ausschuss die Angst, dass die Hoffnungen auf
eine Zinssenkung zu sehr genährt werden und die Märkte enttäuscht
reagieren, wenn sie am Ende ausbleibt. In der Sitzung selbst kann
sich die Fraktion der Sofortsenker aber nicht durchsetzen. Die
Mehrheit vertritt die Meinung, dass eine Änderung der zinspolitischen
Aussage reicht und die volkswirtschaftlichen Daten weitere Schritte
nicht rechtfertigen. "Wir wollten einfach noch weitere Signale und
Informationen aus dem Markt abwarten", berichtet Moskow von der
Chicago Fed. "Wir waren im Dezember 2000 nicht willens, einen
echten Zinsschritt zu machen."
Die letztlich einstimmig gefällte Entscheidung wird nach einstündiger
Sitzung veröffentlicht. Wie von manchen befürchtet, reagiert die Börse
mit einer Verkaufswelle. Die Finanzmärkte glauben, dass die
Notenbank den Ernst der Lage nicht erkannt hat. Auch einige
Vertreter der Fed glauben das. "Irgendwie waren wir mit einem
Tennisspieler vergleichbar, dem der Ball gegen die Laufrichtung
gespielt wird", sagt ein Ausschussmitglied.
Nur wenig Aufmerksamkeit erregt ein scheinbar unbedeutender Satz
am Ende der Pressemitteilung zur Zinsentscheidung, in dem es heißt:
"Der Ausschuss wird die weitere Entwicklung der wirtschaftlichen Lage
genau verfolgen." Diese scheinbare Binsenweisheit ist klassische
Notenbanksprache. Fachleute verstehen ihren Sinn: Mit ihr signalisiert
die Fed, dass sie auf Alarm umgeschaltet hat und mit einer
Zinssenkung nicht unbedingt bis zur nächsten Routinesitzung in sechs
Wochen warten will. "Wir ließen durchblicken, dass für uns die Dinge
so sehr im Fluss waren, dass wir die neuen Daten wöchentlich prüfen
würden", sagt Santomero.
Ende Dezember 2000. Wenige Tage vor dem Jahreswechsel fliegt der
gewählte, aber noch nicht in sein Amt eingeführte Präsident Bush
nach Washington und bemüht sich um ein erstes Gespräch mit Alan
Greenspan. Gegenstand ist die sich verschlechternde Wirtschaftslage.
Auf die Einzelheiten gehen die beiden aber nicht ein.
Dienstag, 2. Januar 2001. Nach dem Jahreswechsel zeigen neue Zahlen,
dass die Industrieproduktion weiter gesunken ist. Am Nachmittag
dieses Tages werden die Mitglieder des Offenmarktausschusses
gebeten, am nächsten Tag - erstmalig nach mehr als zwei Jahren - für
eine außerplanmäßige Telefonkonferenz zur Verfügung zu stehen. Der
Aufwand ist beträchtlich, denn teilweise müssen die
Ausschussmitglieder im Urlaub, am Strand oder in den Bergen
aufgetrieben werden.
Mittwoch, 3. Januar 2001. Präsident Bush gibt seine Kabinettsliste
bekannt. Das Direktorium der Federal Reserve Bank tritt im großen
Sitzungssaal zusammen. Die Präsidenten der zwölf regionalen
Fed-Banken sind über das Telefon zugeschaltet. Ohne Umschweife
kommt die hochrangige Runde zu einem Ergebnis. Einziger wirklicher
Diskussionspunkt ist, ob die Zinssenkung 25 oder 50 Basispunkte
betragen sollte. In den letzten Jahren war die Fed immer eher in
Schritten von 25 Basispunkten vorgegangen und hatte sich nur bei
außer-gewöhnlichen Umständen für größere Zinsschritte entschieden.
Niemand im Ausschuss zweifelt an diesem Tag aber ernsthaft daran,
dass die außergewöhnlichen Umstände jetzt vorliegen.
Seit der Sitzung am 19. Dezember sind die Kurse stark gefallen. Alle
Augen richten sich auf Washington. Der Druck auf die Notenbankiers
steigt.
Lesen Sie am Montag:
Wie die Fed am 3. Januar 2001 ihre erste Zinssenkung beschließt und
danach schneller Geld in den Markt pumpt, als Greenspan und seine
Kollegen das selbst erwartet haben.
Gruß Dr. Broemme