Ist die Zukunft der Elektromobilität gefährdet? Müssen wir auf Tesla aufpassen?
Veröffentlicht: 30. August 2017
|Vorgestellt in: Favoriten der Redaktion, Wirtschaft & Märkte
Tesla scheint der Vorreiter der Elektromobilität zu sein und die deutsche Herstellerelite hinkt hinterher. Was vor kurzem in dem Artikel: „Wie Tesla die Autowelt in Atem hält“ auf Linkedin diskutiert wurde, ist ein spannendes Thema mit dem Potenzial der Grundsatzdiskussion: Ist die Zukunft der Elektromobilität gefährdet? Kommt die Elektromobilität wirklich?
Ein Kommentar von Marvin Eichsteller
Ich habe vor kurzem den Artikel: „Wie Tesla die Autowelt in Atem hält“ veröffentlicht und besonders auf LinkedIn fand dieser Artikel regen Anklang. Die Diskussion unter meinem Artikel war mehr als spannend, einige Verfechter des Diesels und des Verbrenners traten gegen Elektromobilitäts-Fürsprecher an. Heute würde ich mich gerne einigen Kommentaren stellen, analysieren wie die heutige Situation tatsächlich ist und mich auch erneut Tesla widmen.
Warum ist Tesla nicht im Relevant Set?
Laut YouGiv Markenmonitor (Stand April 2017) haben derzeit nur vier Prozent aller Autokäufer Tesla im sogenannten ‚Relevant Set‘. In der WiWo wird geschrieben, dass nur „vier Prozent aller Deutschen (ab 18 Jahren) bestätigen, Tesla für den nächsten Autokauf auf dem Schirm zu haben“. Und das verwundert mich nicht, denn Tesla spielt momentan mit dem Model X und dem Model S in einer Liga, die sich der Otto-Normalverbraucher einfach nicht leisten kann.
Ab ca. 70.000€ geht es mit dem kleinsten Batteriepaket im Model S los. Bei diesem hohen Preis habe ich leider auch noch keinen Tesla in meinem persönlichen ‚Relevant Set‘ des nächsten Autokaufs.
Doch wenn es um die Frage geht, einen reinen Elektroautohersteller zu benennen, so werden doch die meisten angeben, dass sie den Namen Tesla mit Elektroautos in Verbindung bringen. Nicht für den persönlichen Kauf des KFZ, sondern generell. Und mit dem Model 3 für den Preis eines BMW i3 könnte sich das Relevant Set doch maßgeblich ändern. Und zwar in Richtung der Einsteigerzielgruppe.
Reine Verkaufszahlen – Eine Vermutung warum Tesla schlechter abschneidet
Auch die reinen Verkaufszahlen lassen sich auf den Preis zurückführen, denn ein BMW i3 kostet neu knapp 37.000 €, einen Nissan Leaf gibt es ab 23.000 €. Die Förderung des Staates ist nicht berücksichtigt. Somit sind BMW i3 und Nissan Leaf definitiv Vorreiter der eMobilität, jedoch mit den derzeitigen Fahrzeugen aus Kalifornien von der Modellart und dem Preis nicht zu vergleichen. Sie sind Kleinwagen, sprechen eine andere Zielgruppe an und man kann den Preis finanziell eher verkraften.
Dieselskandal
Der Dieselskandal ist immer noch aktuell. Ich habe in Stuttgart studiert und viele meiner Kommilitonen dürfen mit ihrem jetzigen KFZ mit Diesel Aggregat nicht mehr in die Innenstadt. Die Angst zum Verlust an Mobilität geht um und leider wird auch die angekündigte Nachrüstung per Software-Update bei alten Fahrzeugen keine Lösung darstellen. Das Traurige ist, dass die Elektromobilität hier nicht der eventuelle Heilsbringer ist, sondern sogar der Verlierer sein könnte.
Horst Seehofer hat laut FAZ.net nämlich vorgeschlagen, zum Teil durch E-Auto-Fördermaßnahmen finanzierte Unterstützung für den Diesel zu leisten, wir haben berichtet. Er forderte, dass man für die Umrüstung von Taxis, Bussen und Müllautos mit Selbstzünder-Motor einen staatlichen Fonds zur Verfügung stellt. Dieser könnte sich auch aus nicht abgerufenen Mitteln zur Förderung von Elektromobilität speisen.
Was machen wir mit den nicht abgerufenen Mitteln zur Förderung von Elektromobilität?
Wenn Mittel für die Förderung von Elektromobilität nicht abgerufen werden, so ist die von Seehofer vorgeschlagene Mittelumwandlung natürlich die falsche Botschaft. Denn das Geld sollte nicht tatenlos herumliegen, sondern das Potenzial der eMobilität dann eben mit anderen Massnahmen vorantreiben.
Die Tatsache dass Tesla nicht auf die Regierungen in Sachen Netzausbau vertraut, sondern ein eigenes Schnellladenetz selber aufbaut, ist für mich ein falsches Signal. Ist der Netzausbau nicht staatliche Sache, bzw. sollte er nicht von den großen Energieunternehmen getragen werden und nicht vom Autobauer selbst? Warum können nicht benötige Gelder nicht vorerst in den Ausbau der Ladeinfrastruktur investiert werden? Ein Thema was meiner Meinung nach diskutiert werden muss.
Die deutsche Automobilindustrie
Die Diskussion über die deutsche Automobilbranche im Zusammenhang mit der Elektromobilität ist spannend. Oft wird der Vergleich Nokia und Apple heran gezogen. Meiner Meinung nach ist das der falsche Vergleich, denn die deutschen Automobilhersteller ziehen nach. In den letzten Wochen wurde von fast allen Herstellern bekannt gegeben, dass man zukünftig Millionen in die eMobilität investieren wolle.
Kein Vorreiter mehr – den Start verschlafen
Was viele in diesem Zusammenhang wundert ist, dass wir nicht, wie sonst üblich, der Vorreiter sind. Nein, es ist ein in Südafrika geborener Visionär, der äußerst gewöhnungsbedürftig über seinen Lieblingskanal Twitter kommuniziert, keine Werbung schaltet und eigene Milliarden für seinen Traum in die Hand nimmt. Die Rede ist von Elon Musk.
Wir haben den Start verschlafen, da gibt es keine zwei Meinungen, aber wir haben auch das Potenzial diesen Rückstand aufzuholen. Tesla bringt das erste Massenmarkt fähige Auto bereits dieses Jahr auf den Markt. Für jeden verfügbar ist dieses Model 3 wahrscheinlich im Jahr 2018 und die deutsche Herstellerelite plant sehr konservativ erst das Jahr 2020 für den Launch eigener Elektrofahrzeuge ein. Eine Designstudie ähnlich eines BMW i3 oder ein halbherziger Umbau à la e-Golf kann da nicht als Vergleich herangezogen werden.
Denn, wenn bei Tesla alles wie geplant verläuft, wird das Model 3 die Konkurrenz extrem schnell in den Verkaufszahlen überholen. Und so geben die Autohersteller zu:
„Tesla gehört zu den Wettbewerbern, über deren Fähigkeiten wir im Augenblick nicht verfügen.“ VW-Markenchef Herbert Diess gegenüber Inside
Elektromobilität überhaupt möglich?
Eine Grundsatzdiskussion, die es in sich hat. Ist die Elektromobilität in Deutschland überhaupt möglich? Ist die Technik so weit, dass die Batterien lange genug halten, das Stromnetz die Energie bereitstellen kann und wie sieht es mit der Ladeinfrastruktur und den Ladepausen auf.
Nutzungsart eines Elektroautos
In der Praxis lädt man sein Elektroauto oft nur 15 bis 20 Minuten. Mit einer gut ausgebauten Ladeinfrastruktur sind kurze Stopps kein Problem, denn die Nutzungsart eines Elektroautos ist anders als beim Verbrenner. Oder sollte im Idealfall anders sein.
Elektroautos lädt man am besten, wenn man kurz im Shopping Center ist, einen Stopp für einen Kaffee einlegt, in der Nacht schläft oder während der Arbeitszeit im Büro. Unser Verhalten wird sich ändern, denn hier spielt keine Rolle, wenn der Tank gegen Null geht, sondern geladen wird immer dann, wenn das Auto abgestellt wird. Dies wäre die gängige Praxis um den alltäglichen Bedarf zu decken.
Batterien – Wie lange halten sie überhaupt?
Gehen wir auf einen der führenden Hersteller von Akkus für Elektroautos ein. Tesla baut in seiner Gigafactory die Batterien für alle Modelle von S bis X über 3. Geplant ist eine Kapazität der Fabrik von 1.000.000 Akkus jährlich. Die Akkus von Tesla haben eine Garantie von 8 Jahren oder 200.000 km. Danach werden sie nicht entsorgt, sondern können weiterverwendet werden. Zum Beispiel können Akkus mit einer Kapazität von 70% problemlos als Pufferbatterie für Solaranlagen verwendet werden. Als Positivbeispiel für langlebige Batterien kann auch der Toyota Prius genannt werden, der als Hybrid Modell schon lange die Straßen bevölkert und Akkus mit einer Einsatzzeit von über 15 Jahren hat. Vernünftiges Lademanagement hilft hier, dass die Kilometer mit einer stabilen Batterie bis zur Millionen nur so runterlaufen.
Reichweite der heutigen Autos
Hier müssen wir uns die Frage stellen: wie viele Kilometer legen wir realistisch am Tag zurück. Ich pendele jeden Tag zur Arbeit, Gesamtstrecke 150 km plus kleinere Strecken zum Sport. Komplett betrachtet dürften bei mir nicht mehr als 200 gefahrene Kilometer täglich auf der Uhr stehen. In Deutschland zeigen Studien das Rund 90 Prozent der Pkw in privaten Haushalten weniger als 100 Kilometer am Tag zurück legen. eMobilität blockiert also hauptsächlich bei der Fahrt in den Urlaub, aber auch hier werden die Strecken von 1.000 km und mehr, nicht an einem Stück zurück gelegt. Das Tesla Model S hat (in einer nicht relevanten Fahrweise) sogar die 1.000 km an einem Stück geschafft. Die Reichweite sollte also auch nicht das Argument gegen die eMobilität sein.
Strombedarf von Elektroautos
Die Deckung des Strombedarfs für Elektroautos ist eine andere Frage. Berichte sagen, dass eine nächtliche Ladung ohne Probleme möglich wäre. Die Ladeinfrastruktur ist dabei auf jeden Fall der Punkt, an dem es momentan die größten Probleme zu geben scheint. Es gibt fast 50 verschiedene Abrechnungssysteme (die untereinander nicht immer kompatibel sind) und das blockiert bei der einfachen Nutzung.
Hat jedoch jeder Besitzer die Möglichkeit sein Auto zuhause zu laden, so benötigt er tagsüber weniger Energie für die Ladung seines Elektroautos und startet mit einem „vollen“ Tank in den Tag. Und bei einer Reichweite von ca. 300 km sollte auch jeder Pendler mindestens zur Arbeit kommen. Jedes Elektroauto verdrängt weiterhin einen Verbrenner, die Nachfrage nach Benzin & Diesel fällt und kann zu einer Reduktion des Stromverbrauches auf der Raffinerie-seite führen. Es gibt Berechnungen die zeigen, dass die Energieeinsparung bei der Aufbereitung von Treibstoff für Verbrenner ca. die Hälfte an E-Autos versorgen könnte. D.h. nichts anderes als dass die Aufbereitung in einer Raffinerie so viel Energie benötigt, dass mit der benötigten Energie für 2 Verbrenner ein Elektroauto mit 15.000km Jahreslaufleistung (16kwh/100km) fahren kann. Dies bezieht sich nur auf die Energie, die verbraucht werden muss, um die Kraftstoffe zu produzieren, nicht auf die Benutzung des Kraftstoffs.
Weiterhin gibt es den Fakt, dass Deutschland im Jahr 2016 rund 50 Milliarden Kilowattstunden für das Ausland produziert hat. Warum also nutzen wir diese Energie in Zukunft nicht für unsere Elektroautos?
Zwischenspeicherung
Die Frage, die in diesem Zusammenhang jedoch immer noch geklärt werden muss, ist, wie eine erfolgreiche Zwischenspeicherung erfolgen kann. Können vielleicht hier sogar Elektroautos als Zwischenspeicher fungieren, also Strom untereinander austauschen. Hier gibt es relevante Bedenken, die von der Industrie noch gelöst werden müssen. Da die Umstellung jedoch nicht ad hoc funktionieren kann, gibt es hier noch Zeit zur Lösungsfindung.
Finanzierung & Aktienverhalten von Tesla
750 Millionen Dollar Verlust im letzten Jahr bei einem Umsatz von 7 Milliarden Dollar. Doch trotzdem ist der Aktienkurs um 67 Prozent gestiegen und Tesla ist an der Börse inzwischen mehr wert als Ford oder GM. Man sieht, dass die Aktionäre den Innovator aus Kalifornien fördern, gar hypen. Würde das auch funktionieren, wenn die großen dt. Hersteller solch massive Investitionen ankündigen würden? Ich bin mir unsicher, ob die Aktionäre die Verluste der ersten Jahre in solch einem Maße mittragen würden. Realistischerweise führt jedoch kein Weg an einem signifikanten Investment vorbei, will man den Rückstand zu Tesla aufholen.
Mein Fazit
Im Grundsatz scheint die Elektromobilität möglich. Tesla ist der führende Autobauer in diesem Feld und auch die deutschen Autobauer haben das bereits erkannt. Wir müssen also definitv auf Tesla aufpassen, denn wir brauchen momentan zu lange, um attraktive Elektroautos auf den Markt zu bringen. Die Investitionen der Herstellerelite wurden angekündigt, die Concept Cars werden auf der IAA im September vorgestellt. Mich interessiert, ob es Concept Cars bleiben, oder ob wir zeitnah mit einer Umsetzung rechnen können. Können die eigentlich führenden Deutschen Automobilhersteller das Model 3 noch einholen, wenn Tesla die avisierten Absatzzahlen schafft? Und schafft es die deutsche Infrastruktur momentan überhaupt?
Zum Schluss kann man sagen:
Man muss kein Fan der Elektromobilität sein, aber sie wird kommen.
Das ist aus meiner Überzeugung eine Tatsache. Also diskutieren wir weiter, ob es unser Stromnetz aushält, die Batterien nicht lange genug halten und die Infrastruktur für die Anforderungen nicht ausreicht usw.
Oder wir gehen die Probleme an. Nutzen wir unser Know-How, die finanziellen Möglichkeiten und bauen mit Rückhalt der Politik eine vernünftige Netzwerk-Infrastruktur und verkaufen einfach weniger Strom an unsere Nachbarn. Nutzen wir die Energie für unsere Elektromobilität.
Oder fehlt uns dafür etwa ein Visionär wie Musk? Ich denke nicht, denn wir waren Visionäre in der Automobilbranche und sind es immer noch. Vielleicht etwas müde geworden, aber aufwachen können wir immer noch. Denn noch ist es nicht zu spät und die Elektromobilität ist ein Langstreckenrennen, kein Sprint.