„Ich möchte nur in einem Land leben, wo Bürgerrechte, Toleranz und die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz gelten.“ Albert Einstein
Talente auf der Flucht
Von Torsten Riecke
Der Campus der Eliteuniversität Yale gleicht an diesem Morgen einem riesigen Flohmarkt.
NEW HAVEN. Vor den Eingängen der backsteinernen Studentenwohnheime für die Studienanfänger stehen Lampen, Stühle und sogar Bettgestelle. Studenten hocken auf gepackten Koffern und tauschen Ferienpläne aus. Es ist der letzte Tag vor dem langem „Summer Break“ und die so genannten „Freshmen“, die Erstsemester, müssen Platz machen für die nächsten Studienanfänger im Herbst. „Ich fahre heim nach Europa“, ruft eine dunkelhaarige Studentin ihrem indischen Bekannten nach. Der hat seinen Rucksack bereits geschultert, winkt noch schnell und eilt dann zum wartenden Taxi.
In dem Durcheinander von Kofferpacken, Abschiednehmen und Reiselust offenbart sich das ganze internationale Flair der Eliteuniversität Yale, an der auch der heutige Präsident George W. Bush studiert hat. Etwa 16 Prozent der mehr als 11 000 hier eingeschriebenen Studenten kommen aus dem Ausland. Für sie ist Yale ein Paradies. Kleine Lerngruppen, erstklassige Hochschullehrer und ein wohl behüteter Mikrokosmos, wie man ihn wohl nur in amerikanischen und britischen Universitäten findet. Wer bis Yale gekommen ist, hat die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft gestellt.
Doch der Zugang zum Studienparadies Amerika ist seit ein paar Jahren so schwierig geworden, dass sich immer mehr Bewerber aus dem Ausland anderswo umschauen. So sind die Einschreibungen ausländischer Studenten an US-Universitäten im akademischen Jahr 2003/04 erstmals seit 30 Jahren zurückgegangen. „Wir hatten landesweit 40 Prozent weniger Bewerbungen aus dem Ausland“, berichtet Yale-Präsident Richard Levin. Nicht nur Studenten haben Probleme. Auch für Wissenschaftler ist es schwieriger geworden, zu Forschungsaufenthalten oder Kongressen in die USA zu reisen. „Das ist ein echtes Problem für uns, aber noch mehr für die Hochschulen“, sagt Mark Fishman, der die globalen Forschungsaktivitäten des Schweizer Pharmakonzerns Novartis von Cambridge aus leitet.
Die Universitäten und Wissenschaftler machen für die Misere vor allem die strikten Visumkontrollen verantwortlich, die in den USA nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 eingeführt wurden. Einige der Attentäter waren mit Studentenvisa ins Land gekommen. Seitdem haben es insbesondere Bewerber aus dem Nahen und Mittleren Osten, aber auch der akademische Nachwuchs aus China besonders schwer. Letzterer deshalb, weil die US-Behörden in ständiger Furcht leben, die Besucher aus Fernost könnten wichtige Forschungserkenntnisse mit nach Hause nehmen.
„Einige wollen auch ein politisches Statement zum Beispiel wegen des Irak-Krieges machen und bewerben sich deshalb nicht mehr an US-Universitäten. Ich höre das jedoch mehr von Europäern als von anderen Ländern“, sagt Richard Levin, Präsident von Yale. Doch auch lange Wartezeiten, inquisitorische Sicherheitsüberprüfungen und häufige Ablehnungen haben Bewerber aus dem Ausland abgeschreckt. Warum sich dieser Tortur unterziehen, fragen sich viele, wenn sie in Großbritannien, Australien oder Kanada viel schneller und vor allem günstiger zum Ziel kommen? So geht amerikanischen Daten zufolge auch die Zahl deutscher Studenten in den USA zum Teil deutlich zurück, zwischen 2003 und 2004 schrumpfte sie um gut sechs Prozent auf noch 8 745 Studierende. Christian Schäfer, beim Deutschen Akademischen Austauschdienst für USA und Kanada zuständig, macht dafür nicht nur politische Gründe geltend: „Im Moment gilt Australien einfach als cool“, sagt er.
Dennoch, die Wagenburg-Mentalität in Washington hat die geistige Elite des Landes aufgeschreckt. Microsoft-Gründer Bill Gates nennt den Rückgang ausländischer Studenten ein „Desaster“ für den High-Tech-Standort Amerika. Larry Summers, früher Finanzminister unter Präsident Bill Clinton und heute Präsident der Harvard University sieht die Gefahr, dass die USA „einige der talentiertesten Wissenschaftler verlieren und ihre Spitzenstellung an der Front der technologischen Innovation einbüßen“. Von den 13 Milliarden Dollar, die etwa 580 000 ausländische Studenten jedes Jahr in die US-Wirtschaft pumpen, gar nicht zu reden.
Im vorigen Jahr protestierten 20 wissenschaftliche Vereinigungen gegen die Hürden bei der Einreise von Wissenschaftlern und Studenten. Die Hochschulpräsidenten wandten sich sogar an das Weiße Haus, um Präsident Bush auf die Gefahren hinzuweisen. „Die heutigen Lücken an unseren Universitäten sind die Lücken von morgen in unserer Wirtschaft“, warnt Richard Lugar, republikanischer Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im US-Senat.
Amerika war und ist wie kein anderes Land auf den Zuzug von Talenten aus allen Teilen der Welt angewiesen. So sind die Physiker Albert Einstein und Enrico Fermi die vielleicht berühmtesten Beispiele für den „Brain Drain“, den Abfluss von Know-how aus Europa. Zu Tausenden flohen die Gelehrten in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts vor Faschismus und Nationalsozialismus, viele von ihnen fanden in den USA eine neue Heimat. Einstein und Fermi haben durch ihre wissenschaftliche Arbeit nicht nur wesentlich zum Bau der ersten Atombombe in den USA, sondern auch zum Aufbau der Talentschmiede Amerika beigetragen. Für die Computerära stehen heute Namen wie die des Intel-Visionärs Andy Grove, des Google-Mitbegründers Sergey Brin bis hin zum Linux-Erfinder Linus Torvalds. Ohne diese Köpfe von draußen wäre Amerika heute nicht die intellektuelle Supermacht.
Gerade in den technologischen Schlüsselindustrien sind die USA auf Talente aus dem Ausland angewiesen. So weist Bill Gates darauf hin, dass nur vier Prozent der US-Studenten sich für einen Abschluss in Ingenieurwissenschaften entscheiden. Noch alarmierender ist jedoch, dass die Hälfte aller in diesen technischen Fächern eingeschriebenen Studierenden aus dem Ausland kommt. Gerade ihnen wird jedoch die Einreise schwer gemacht.
Im Februar reagierte das US-Außenministerium endlich. Die Zahl der Visum-Beamten wurde erhöht, das Verfahren beschleunigt und die Gültigkeit der Sicherheitschecks wurde von einem auf bis zu vier Jahren verlängert. „Die Lage hat sich deutlich verbessert, aber es bleibt noch einiges zu tun“, sagt Yale-Präsident Levin.
Der dienstälteste Präsident unter den acht Elite-Universitäten der „Ivy League“ rechnet mit einem zunehmenden Wettbewerb unter den Spitzen-Unis der Welt. „In einigen Jahren wird sich die Elite auf wenige Standorte konzentrieren, und wir wollen dazugehören“, sagt der Ökonom voraus. Gerade diesen Anspruch stellt jedoch der Buchautor Richard Florida in Frage. Florida hat im vergangenen Jahr mit seinem Bestseller „Der Aufstieg der kreativen Klasse“ die Grundlagen der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts und die Spitzenstellung der USA dabei beschrieben. Nur ein Jahr später ist sein neuestes Werk erschienen. Es heißt: „Die Flucht der kreativen Klasse“.
HANDELSBLATT, Mittwoch, 08. Juni 2005, 17:35 Uhr