16. Dezember 2002 Als ob massiv fallende Kurse allein in den vergangenen Monaten nicht genug gewesen wären, um die Aktienanleger zu verunsichern, so kommen unter den Stichworten Enron, Tyco, Worldcom und anderen sofort Unmengen weiterer Assoziationen auf.
Sie stehen für die offensichtliche Manipulation von Bilanzen, für die weit verbreiteten, aber wenig aussagenden Pro-Forma-Zahlen, für nicht verbuchte Optionspläne, für betrügerische Analysten und die Bewertungsexzesse. Alles wurde überschattet durch die Attentate in New York und die anhaltende Sorge über die Konsequenzen des daraus resultierenden „Internationalen Kampfes gegen den Terrorismus“. Im Spätsommer des Jahres 2002 kulminierte das Geschehen, die Börsen schienen gar ins Bodenlose zu fallen.
Gute Vorsätze für die Anlagestrategie ...
Nach massiven Verlusten ärgerten sich viele Anleger über die eigene Naivität und Blauäugigkeit, mit der sie die Sache angegangen waren. Viele schworen, künftig vorsichtiger zu agieren oder, wenn sie denn schon Risiken eingehen wollten, sich wenigstens besser und fundierter zu informieren als in der Vergangenheit. Mochten sie früher bei den Worten Bilanz und Buchführung noch müde gelächelt haben, so haben allein die verlorenen Arbeitsplätze und Pensionen von Mitarbeitern und die Kursverluste bei Enron aus einem Langweiler-Thema einen Krimi gemacht.
Dabei wurden sie bestärkt durch viele Presseberichte und Kommentare von Experten. Die erklärten ihnen „weise“, welche Strategien für die Zukunft die größten Erfolge versprechen. Dabei fielen Stichworte wie „Anlagemoden meiden“, „Old Economy statt New Economy“, „nur in etwas investieren, das man versteht“, immer Werthaltiges kaufen nach dem Prinzip „attraktiv und preiswert“, „antizyklisches Handeln“, „die Risiken streuen“ und viele andere.
Mancher mag sich das zu Herzen genommen haben - und das müsste man nun, nachdem die Börsen seit Oktober wieder deutlich zugelegt haben, auch wahrnehmen können. Ein kurzer Blick auf einige der „alten Lieblinge“ führt allerdings zu einer gewissen Verwunderung.
... scheinen nur bedingt umgesetzt zu werden
Denn so hat beispielsweise die Aktie von Amazon.com schon seit September des vergangenen Jahres satte 277 Prozent zugelegt, allein in den vergangenen sechs Monaten hat sie sich beinahe verdoppelt. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt auf Basis der Gewinnschätzungen für das Jahr 2003 bei satten 137. Angesichts der Höchstkurse der Vergangenheit scheint die Aktie noch ein großes Kurspotenzial zu haben. Aber angesichts der Bewertung?
Beispiel Yahoo! Das Papier hat allein seit Oktober 92 Prozent zugelegt und ist damit auf Basis der Gewinnschätzungen für das Jahr 2003 mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 374 bewertet. Das ist normalerweise ein Bewertungsniveau für Märchenerzähler. Die Reihe der extrem teueren Aktien lässt sich ohne weiteres verlängern, von Red Hat über ADC Telecom und JDS Uniphase bis hin zu lastminute.com.
Als ob das nicht genug wäre, lassen sich Unternehmen wie Cisco nach wie vor nicht davon abhalten, kaum interpretierbare Pro-Forma-Zahlen zu verbreiten. Dabei sollten solche Zahlen ursprünglich nur ausnahmsweise Ergebnisse nach außerordentlichen Ereignissen - wie etwa einer Fusion - vergleichbar machen. Selbst renommierte Unternehmen wie Microsoft weigern sich, ihre Optionsprogramme für die Mitarbeiter anständig zu verbuchen.
Buchungstricks scheinen nicht mehr zu stören
Manche Marktteilnehmer scheint das kaum noch zu interessieren. Hat damit der Bärenmarkt seinen erzieherischen Effekt verfehlt? Sind schon wieder alle blind vor Gier und kaufen allein deswegen, weil die Kurse steigen? Ganz auszuschließen ist das nicht. Gerade spekulative Anleger, wie beispielsweise die Manager von Hedge Fonds, gaben direkt nach dem bisherigen Tief im Oktober die Devise aus, selbst den „größten Schrott“ zu kaufen. Hauptsache die Kurse steigen.
Das sind die so genannten „Momentum-Spieler“. Sie nutzen eine Kursbewegung aus, solange sie „in Fahrt“ ist. Danach steigen sie abrupt aus. Ohne Rücksicht auf Fundamentaldaten. So „spekulieren“ sie sich ihre Rendite herbei - und nur so lassen sich diese Kursbewegungen auch erklären. Der längerfristig orientierte, „wertorientierte“ Anleger wird sich davon hoffentlich nicht anstecken lassen. Und wenn, dann sollte er wissen, dass er sich im „Haufischbecken“ tummelt.