FINANZKRISE
Fed lässt Leitzins unverändert
Sie sprechen von "beträchtlichen Spannungen" an den Börsen, warnen vor Wachstumsrisiken und Inflation - so beschreiben die US-Währungshüter die aktuelle Finanzkrise. Trotzdem hat sich die Notenbank gegen eine Zinssenkung entschieden.
ANZEIGE
New York/Frankfurt am Main - Die Währungshüter um Ben Bernanke beließen am Dienstag den für die Banken entscheidenden Schlüsselzins bei 2,0 Prozent. In einer Erklärung hieß es, das Wirtschaftswachstum hat sich zuletzt offensichtlich zuletzt abgeschwächt. Verschärfte Kreditbedingungen, die anhaltende Abschwächung am Häusermarkt und eine gewisse Abschwächung bei den Exporten dürften das Wachstum in den nächsten Monaten belasten. Der Inflationsausblick bleibe sehr unsicher.
Volkswirte hatten mit dieser Entscheidung gerechnet, angesichts der dramatischen Entwlickung an den Finanzmärkten gab es jedoch immer mehr Stimmen die auch eine Zinssenkung nicht ausgeschlossen haben. Damit hat die US-Notenbank zum dritten Mal hintereinander den Leitzins nicht verändert. Zuvor hatte sie den Leitzins von 5,25 Prozent im August 2007 auf 2,00 Prozent reduziert.
Eine Politik der ruhigen Hand verfolgt die Fed dennoch nicht. Die drohende AIG-Pleite vor Augen suchte sie zusammen mit der US-Regierung in den vergangenen Tagen fieberhaft nach Wegen, um eine unkontrollierbare Ausweitung der Finanzkrise zu verhindern. Am Nachmittag erst hatten die großen Notenbanken, vorneweg die Europäische Zentralbank (EZB) und die Fed, erneut Milliardensummen zur Sicherung der Geldströme in die Märkte gepumpt.
Angesichts der dramatischen Meldungen von Lehman Brothers und dem weltgrößten Versicherer AIG verpuffte die Initiative jedoch weitgehend. Die Kurse an den Weltbörsen standen massiv unter Druck, an der Wall Street schwankte der Dow Jones vor der Zinsentscheidung um den Vortageskurs.
Entscheidenden Einfluss nahmen Gerüchte um die AIG: Deren Bemühungen, von Seiten des Privatsektors Hilfe zu bekommen, seien gescheitert, berichtete der US-Sender CNBC. Staatliche Hilfen würden deshalb nicht mehr ausgeschlossen. Zuvor hatte der Gouverneur des Bundesstaats New York, David Paterson, gewarnt, AIG bleibe nur noch der Dienstag, um einen kurzfristigen Kredit von bis zu 80 Milliarden Dollar (rund 56 Milliarden Euro zu beschaffen und so den Zusammenbruch zu verhindern. Die Behörden von New York haben dem Versicherer bereits eine Sondergenehmigung erteilt, um sich 20 Milliarden Dollar zusätzliche Liquidität zu verschaffen.
Widersprüchliche Meldungen zu Staatshilfen für AIG
Die US-Notenbank hat Finanzkreisen zufolge die Investmentbank Morgan Stanley damit beauftragt, alle Optionen für AIG zu prüfen. Eine mit der Angelegenheit vertraute Person sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die Banken JP Morgan und Goldman Sachs prüften auf Bitten der Fed einen gemeinsamen Kredit von 70 bis 75 Milliarden Dollar für AIG.
CNBC zitierte einen Regierungsvertreter, wonach Finanzminister Henry Paulson weiterhin keine zusätzlichen Steuergelder zur Rettung von Finanzinstituten bereitstellen wolle. Paulson hatte sich am Wochenende bereits geweigert, staatliche Garantien für risikobehaftete Lehman-Papiere zu übernehmen. Die Bank fand keinen Käufer und musste Insolvenz anmelden.
AIG läuft allmählich die Zeit davon. Die drei wichtigsten Ratingagenturen reduzierten ihre Bonitätsnoten für den Konzern, bei der auch viele deutsche Unternehmen versichert sind. Dies verteuert die Refinanzierung und könnte eine existenzbedrohende Kettenreaktion auslösen. Der Versicherer mit mehr als 100.000 Mitarbeitern hat in den vergangenen drei Krisenquartalen fast 20 Milliarden Dollar Verluste angehäuft. Grund sind Garantien, die der Konzern für Hypothekenpapiere übernommen hat. Diese Wertpapiere haben stark an Wert verloren oder sind gar unverkäuflich. Zur Rettung prüft AIG auch den Verkauf von Firmenteilen. Hier meldete die Münchener Rück bereits grundsätzliches Interesse an.
Für Lehman zumindest gibt es aber wieder etwas Hoffnung. Laut Finanzkreisen steht das drittgrößte britische Geldhaus Barclays vor der Übernahme von Teilen der mehr als 150 Jahre alten Investmentbank.
Bundesfinanzminister Peer Steinbrück sprach von der "größten Finanzmarktkrise aller Zeiten in den USA". Für die deutsche Wirtschaft seien die Turbulenzen das größte konjunkturelle Risiko. "Es gibt aber keinen Anlass, an der Stabilität des deutschen Finanzsystems zu zweifeln", sagte er im Bundestag. Ähnlich äußerte sich Bundesbankpräsident Axel Weber. Die Allianz und die Münchner Rück sehen durch die Probleme bei Lehman und AIG überschaubare Belastungen auf sich zukommen.
Ausverkauf an den Börsen
An den Börsen zogen Anleger aber weiter die Reißleine. Auch im Dax gehörten Finanzwerte wieder zu den mit Abstand größten Verlierern. An der Spitze stand die Commerzbank mit einem Minus von bis zu 17 Prozent. In anderen europäischen Ländern sackten Banktitel, etwa der krisengeschüttelten Schweizer UBS, ebenso kräftig ab.
CHRONOLOGIE DER FINANZKRISE
Juni 2007
Zwei Hedgefonds der New Yorker Investmentbank Bear Stearns straucheln wegen Fehlspekulationen am US-Immobilienmarkt.
Juli/August 2007
Auch in Deutschland geraten Banken in den Sog der Krise - etwa die Mittelstandsbank IKB, die Sachsen LB, die WestLB und die BayernLB.
September 2007
Besorgte Kunden stürmen die Schalter der britischen Bank Northern Rock.
Oktober 2007
Beim US-Finanzkonzern Citigroup bricht der Gewinn stark ein. Von nun an meldet ein großes Finanzhaus nach dem anderen Milliardenabschreibungen und hohe Verluste.
Januar 2008
Die Schweizer Großbank UBS meldet für 2007 wegen der Turbulenzen des US-Immobilienmarkts Abschreibungen von mehr als 18 Milliarden Dollar. Im April kommen weitere 19 Milliarden hinzu.
Februar 2008
Der US-Kongress billigt ein Konjunkturprogramm im Umfang von 150 Milliarden Dollar.
März 2008
Bear Stearns steht kurz vor dem Zusammenbruch und muss auf Druck der US-Notenbank einem Notverkauf an die Großbank J.P. Morgan Chase zustimmen. Die US-Regierung springt mit Garantien ein.
April 2008
Die Deutsche Bank meldet für das erste Vierteljahr mit einem Minus von 141 Millionen Euro den ersten Quartalsverlust seit fünf Jahren.
Juli 2008
Die kalifornische Hypothekenbank IndyMac bricht zusammen. Die US-Hypothekengiganten Fannie Mae und Freddie Mac geraten immer mehr in Bedrängnis. In Spanien muss die Immobilien- und Finanzgruppe Martinsa-Fadesa Konkurs anmelden.
September 2008
Die US-Regierung übernimmt die Kontrolle bei Fannie Mae und Freddie Mac. Die Krise der Investmentbank Lehman Brothers wird immer akuter. Auch andere Finanzkonzerne wie die Investmentbank Merrill Lynch, der Versicherungsriese AIG oder die größte US-Sparkasse Washington Mutual sind betroffen.
15. September 2008
Der "schwarze Montag". Lehman Brothers muss Insolvenz anmelden, Merrill Lynch wird aufgekauft und AIG braucht Überbrückungskredite in Milliardenhöhe. Bislang mussten die Banken weltweit schätzungsweise mehr als 500 Milliarden Dollar abschreiben.
Die am Dienstag veröffentlichten Quartalszahlen der weltgrößten Investmentbank Goldman Sachs, die sich bislang am Besten in der seit einem Jahr schwelenden Krise gehalten hat, fielen immerhin leicht besser aus als von Experten erwartet. Der Gewinn sank zwar um 70 Prozent auf 845 Millionen Dollar. Dies war aber mehr als Analysten geschätzt hatten. In fast allen Geschäftsbereichen brachen auch Goldman Erträge weg. Finanzchef David Viniar gab sich zurückhaltend und sprach vom schwierigsten Marktumfeld für Goldman, seit das Unternehmen an der Börse notiert sei. Die Aktien verloren mehr als fünf Prozent.
Die Geschäfte des zusammengebrochenen Wettbewerbers Lehman könnten derweil teilweise von Barclays übernommen werden. Die britische Bank bestätigte offiziell Gespräche über den Kauf einzelner Sparten. Aus Kreisen verlautete, es gehe vor allem um das US-Kerngeschäft. Dazu zählen das Investmentbanking sowie der Handel mit Aktien und festverzinslichen Wertpapieren. Bis zu 10.000 der insgesamt 26.000 Arbeitsplätze würde dieser Bereich umfassen. Nach einem Bericht von FT.com soll ein Einstieg perfekt sein. Erst am Wochenende hatte Barclays Verhandlungen über eine komplette Übernahme platzen lassen und damit dazu beigetragen, dass Lehman Gläubigerschutz beantragen musste.
mik/Reuters/AFP/dpa-AFX
www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,578627,00.html
Bin gespannt wie der Markt das aufnimmt. In den USA scheint das irgendwie zu erleichterung geführt zu haben.