Ich empfehle hier einen Leserkommentar zu folgendem Artikel auf Telepolis (man weiß hier nie, ob das unerwünscht ist - daher schnell kopieren):
www.telepolis.de/article/...nde-und-Spekulation-11143714.html
Ein paar Anmerkungen..
Erstens - China besitzt einen sehr großen Teil der weltweiten Raffinerie-Kapazitäten für Silber und veredelt Silberlösungen zu industriell nutzbarem Metall mit hohen Reinheitsgraden. Man schätzt, daß China zwischen etwa 45% und 70% der globalen Silberraffination bzw. der Verarbeitung in hochreine industrielle Formen kontrolliert. Dabei hängt der genaue Prozentsatz stark davon ab, welche Stufe der Wertschöpfung man betrachtet (z. B. nur klassische LBMA-Gütegrade vs. industrielle Weiterverarbeitung für Elektronik, PV-Industrie etc.).
Zweitens - was viele vergessen: Silber wird "weggeworfen". Anders als beim Gold, wo geschätzt 90 % des jemals geförderten Goldes noch real als Schmuck oder Barren etc. existiert, ist vom Silber wohl schon die Hälfte auf Müllhalten gelandet - vor allem als Silberjodid in Photos, als Amalgam oder sonst schwierig zu recycelndem Material.
Drittens - der Silberpreis wird seit Jahrzehnten massiv manipuliert - nach unten. Deshalb gab es auch schon einige Prozesse und Verurteilungen, gar nicht so lange her, da hat es ein paar Manager von JP Morgan erwischt. Betrachtet man das Gold-Silber-Verhältnis (natürliches Vorkommen), dann war Silber jahrzehntelang viel zu billig.
Viertens - der Handel mit Rohstoffen ist seit Jahrzehnten nur noch ein Witz. Es wird ca. 300x mehr Silber gehandelt als es überhaupt Silber gibt ("Papiersilber"), auf anderen Märkten sieht es ähnlich aus. Bei Silber hat aber die zunehmende Verknappung jetzt zugeschlagen, die Industrie braucht echtes Silber, kein Silber auf Papier. In China zahlt man schon seit Wochen weit über weltweitem "Papiersilberpreis" für echte Barren - teilweise beträgt der Aufschlag 10% und mehr. Das kann (endlich) zu einem schweren Crash dieser Papiermärkte führen, schon seit Sommer letzten Jahres ist reales Silber meistens mehr wert als Zukunftssilber auf Papier (Futures), nennt man Backwardation. Auch hat die mehrfache Anpassung der Marging Calls und Absicherungen für Geschäfte an der Comex in den letzten paar Wochen diese gerade durchaus etwas in Verruf gebracht. Silber wird im wesentlichen in London und Chicago gehandelt - und das änderst sich gerade massive, Shanghai übernimmt eine wichtige Rolle. Open Interest (gelaufene, noch nicht geschlossene Kontrakte) lag Anfang Januar bei rund 153.000 Kontrakten bei der CME / Comex. Jeder dieser Standard-Kontrakte entspricht 5.000 Unzen Silber (ca. 156 kg). Das bedeutet, dass allein auf COMEX Futures-Kontrakte ein theoretisches Handelsvolumen von vielen Hundert Millionen Unzen repräsentiert wird (z. B. ~765 Millionen Unzen bei 153 000 Kontrakten).
Shanghai Futures Exchange (SHFE) veröffentlicht ebenfalls monatliche Daten zum Open Interest für Silber-Futures: Für Dezember 2025 wurde ein Open Interest von 640.881 Einheiten (thousands) angegeben — das entspricht rein statistisch gesehen einer sehr hohen Zahl von Silber-Futures-Positionen am chinesischen Markt. Bedeutend ist bei der SHFE aber vor allem der Handel an realem Silber für die Industrie an der Shanghai Gold Exchange (SGE). Anders als in Chicago werden offene Positionen in SHFE-Kontrakten am Ende der Laufzeit regelmäßig in Ware umgesetzt statt bloß in Cash-Abrechnung.
Oder anders ausgedrückt: An der Comex handelt man Papier, in Shanghai mit Silber:
COMEX:
- Referenziert Silberpreise
- Hat aber keinen strukturellen Zugriff auf den Hauptproduzenten des Endprodukts
Shanghai (SHFE/SGE):
- Sitzt am Ort der Raffination
- Sitzt am Ort der industriellen Nachfrage
- Sitzt am Ort der physischen Lager
Das ist eine asymmetrische Machtverteilung, Preisfestsetzung im Westen, aber Materialkontrolle im Osten. Historisch hält so etwas nie dauerhaft.
Was an dem ganze Hype gerade auch gerne vergessen wird:
Fünftens - Silber ist kein Preistreiber der (heutigen) Endprodukte
Ein Auto, ein Solarpanel oder ein Computer wird nicht wesentlich teurer weil der Silberpreis steigt. Bei den meisten industriellen Anwendungen gilt, daß die Silberkosten ein sehr kleiner Anteil der Endproduktkosten sind, aber die Funktionalität kritisch ist und Substitution oft nicht oder nur begrenzt möglich wäre - und Produktionsstopps wären extrem teuer. Es wird halt weniger Silberschmuck verkauft, aber der bestimmt nicht die Nachfrage. Silber ist heute kein Luxusmetall, sondern ein kritischer Industrieinput. Solange sein Kostenanteil an Endprodukten gering ist, ist die industrielle Zahlungsbereitschaft nach oben offen. In einem strukturellen Angebotsdefizit sind deshalb sehr hohe Preise möglich, ohne daß die reale Nachfrage zusammenbricht. Preise im hohen dreistelligen Bereich pro Unze sind ergo realistisch - auch wenn das noch ein paar Jahre dauern könnte, noch sind die Lager nicht völlig leer. Es wird sicher zu Preiskorrekturen kommen, Gewinnmitnahmen im "Papiersilber" sind absehbar. Aber auf Dauer wird die reale Nachfrage nach realer Ware gewinnen und den Preis bestimmen. Und günstig war die Produktion noch nie wirklich, auch wenn Silberminen in den kommenden Jahren sich eine silberne Nase verdienen könnten.
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