Die Lehren aus dem Desaster
Von Catherine Hoffmann
31. Dezember 2007 Das Vertrauen ist zerstört: 2007 wird uns als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem große Glaubenssätze als Naivität entlarvt wurden. Naiv war es zu glauben, eine internationale Bankenkrise sei so fern wie die Zeit der großen Depression. Und trügerisch war die Hoffnung, die allmächtigen Notenbanken würden erfolgreich den Retter spielen, wenn etwas schief läuft.
Der Mythos Notenbanken wankt, seit die Krise an den Weltfinanzmärkten immer neue Opfer fordert. Begonnen hat alles im Sommer mit dem wiederholten Ausfall von Hypothekenkrediten am amerikanischen Immobilienmarkt. Seither kämpfen deutsche Landesbanken ums Überleben, amerikanische Investmentbanken müssen Rekordsummen abschreiben und rutschen in die roten Zahlen.
Frühe Warnungen
Es ist das Ende eines bemerkenswerten Booms am amerikanischen Immobilienmarkt, manche sprechen wie der amerikanische Ökonom Robert Shiller von einer Spekulationsblase, aus der jetzt laut zischend die Luft entweicht. Der Preis für Wohnungen und Häuser ist seit den frühen neunziger Jahren kontinuierlich gestiegen. Zwischen 1997 und 2006 verteuerten sich Eigenheime dem S&P/Case-Shiller-Index zufolge um 124 Prozent. Es konnte nicht ewig so weitergehen. Shiller war alarmiert und warnte bereits Mitte 2006: „Ein Platzen dieser Blasen wäre eine ernste Gefahr.“
Nun wurden nicht nur in Amerika wie verrückt Häuser gebaut, sondern auch in Spanien, Großbritannien und Irland. Doch die Bauwut in den Vereinigten Staaten war einmalig. Zehntausende Amerikaner folgten dem Lockruf der Banken und nahmen einen Hypothekenkredit auf, obwohl sie sich Haus und Kredit eigentlich gar nicht leisten konnten. In der Hoffnung auf steigende Immobilienpreise gingen viele das Wagnis Eigenheim ein.
Beschönigend sprechen die Fachleute von „subprime borrowers“, also nicht gerade erstklassigen Schuldnern. Ein Fünftel aller neuaufgenommenen Baukredite fiel im vergangenen Jahr in diese zweifelhafte Kategorie. Die Zinsen für viele dieser Hypotheken sind variabel. Ungewöhnlich niedrigen Zinsen zu Beginn folgen nach ein oder zwei Jahren oft höhere, marktübliche Zinsen. Als die Zinsen im Frühjahr kräftig zu steigen begannen, geriet die Sache ins Rutschen. Viele Amerikaner kamen mit ihren Ratenzahlungen nicht mehr nach, mussten ihre Häuser verkaufen. Ein rasanter Wertverfall setzte ein - der Hauspreise und der Hypotheken.
Einladung zur Sorglosigkeit
Es traf nicht nur die Hypothekenbanken. Denn die Baukredite wurden zu neuen Wertpapieren gebündelt und verkauft. Kreditgeber mussten die Baufinanzierung nicht mehr wie früher in ihren Büchern behalten, sie konnten sie zu Paketen verschnürt an Banken, HedgeFonds und andere Investoren weiterreichen. Verpackungskünstlern gelang es, aus den zweitklassigen Hypotheken armer amerikanischer Hausbesitzer Wertpapiere zu basteln, die Anleihen glichen. Dieser Prozess nennt sich Verbriefung( vgl. Leichen im Keller der Verbriefungen).
Komplizierte Finanzinstrumente mit sperrigen Namen sind eine der ganz großen Erfolgsgeschichten der modernen Finanzwelt: Swaps, ABS (Asset Backed Securities), CDO (Collateralized Debt Obligations) und all die anderen Derivate. Das Verbriefen hat das Geschäft der Banken revolutioniert: Die Kreditgeber mussten sich nicht mehr mit dem Risiko herumschlagen, dass ein Schuldner zum säumigen Zahler absteigt.
Es war eine Einladung zur Sorglosigkeit, im Extremfall sogar zum Betrug. Wer Geld verlieh, sah sich den Schuldner nicht mehr so genau an. Er verdiente an der Vermittlung des Kredits und reichte das Risiko weiter an renditehungrige Investoren. Das war ein Leichtes, denn Ratingagenturen hatten vielen der verpackten Problemkredite die Bestnote „AAA“ verliehen - ein Gütesiegel, das nur die solidesten Schuldner auszeichnet.
Die geniale Illusion
Aufgabe der Agenturen ist es, die Kreditwürdigkeit von Unternehmen und Staaten zu prüfen. Ein gutes Rating verschafft dem Besitzer einer Anleihe oder eines Kreditderivats die Sicherheit, dass er sein geliehenes Geld mit großer Wahrscheinlichkeit zurückbekommt (vgl. Ratings unter Druck; Rating-Agenturen: Dubiose Doppelrolle).
Die Investoren glaubten das gerne. Sie waren froh, ein Wertpapier mit höchster Bonitätsnote zu kaufen, das obendrein noch mehr Rendite versprach als eine Unternehmensanleihe mit gleichem Rating. Eigentlich hätte die Extrarendite bei vermeintlich gleicher Qualität stutzig machen müssen. Doch niemand fragte nach. Die Gier war größer und der Handel schwunghaft. Am Ende wusste keiner, wo im weitverzweigten Bankensystem die Risiken verborgen waren - am wenigsten die Aufsichtsbehörden.
Bis vor kurzem noch galt die Verbriefung als geniale Erfindung. Denn das Risiko wurde durch den Verkauf der neuen Wertpapiere auf viele Schultern verteilt, hieß es. Die Welt sei sicherer als je zuvor. Es war eine Illusion.
Rettung vor dem Kollaps
Die wundersamen Renditebringer waren nicht so wertvoll wie erwartet. Derivate, in denen Subprime-Hypotheken steckten, also Kredite an zweitklassige Schuldner, fielen massenhaft aus. Angesichts steigender Zinsen konnten die überforderten Häuslebauer ihre Schulden nicht mehr begleichen. Die Ratingagenturen stuften die Papiere, deren Wert dramatisch verfiel, herab. Und die New Yorker Bank Bear Stearns meldete den Kollaps zweier hauseigener Hedge-Fonds, die sich mit amerikanischen Hypotheken verspekuliert hatten.
Eine Flut schlechter Nachrichten machte es immer schwerer, die Kreditderivate richtig zu bewerten, und noch schwerer, sie zu verkaufen. Der Handel mit den notleidenden Papieren wurde mangels Käufern gestoppt. Viele Banken, die auf die neuen Anlagevehikel gesetzt hatten, schrieben Milliarden Dollar ab.
Am tiefsten sind Citigroup, Merrill Lynch und Morgan Stanley aus Amerika in den Strudel der Immobilienkrise geraten sowie die Schweizer UBS. Ihre Aktienkurse brachen ein. Hunderte Milliarden an Börsenwert wurden binnen weniger Wochen vernichtet (vgl. Quartalszahlen: Gewinneinbruch bei der Citigroup; Kreditkrise: Mitnichten vorbei; Aktie der UBS ist noch nicht aus dem Gröbsten heraus; Chinesen verschönern Aktie von Morgan Stanley). Einige Vorstandschefs mussten gehen. Finanzinvestoren aus China und der Golfregion eilten UBS, Morgan Stanley und Citigroup mit dicken Geldspritzen zu Hilfe. Sie wollen vom größten anzunehmenden Unfall in der Finanzwelt profitieren und hoffen, dass die einst führenden Banken mit einem blauen Auge und gebrochenem Arm davonkommen.
Angst vor dem noch dickeren Ende
Andere Institute hat der plötzliche Vertrauensverlust übler erwischt. Im September bildeten sich lange Schlangen vor den Filialen des britischen Baufinanzierers Northern Rock (Aktie von Northern Rock von neuem unter Druck): Ängstliche Kunden forderten ihre Einlagen zurück. Sie zweifelten daran, dass die Bank ihren Verpflichtungen noch nachkommen kann. Etwas Schlimmeres kann einer Bank nicht passieren. Die Führung von Northern Rock musste im September die Bank of England um Notkredite bitten, um den drohenden finanziellen Kollaps zu verhindern. Schatzkanzler Alistair Darling gewährte Garantien für die privaten Spareinlagen bei Northern Rock, die in der vergangenen Woche massiv erweitert wurden.
Auch weniger sichtbare Misstrauensbekundungen als die der Northern-Rock-Kunden sind eine Gefahr für Banken in aller Welt. Zwar haben viele Institute bereits Milliarden abgeschrieben, aber niemand weiß, ob das dicke Ende nicht noch kommt. Klar ist nur: Die Subprime-Krise mit faulen Hypothekenkrediten aus Amerika ist längst nicht ausgestanden. Erst nach und nach kommt das Ausmaß der faulen Kredite zum Vorschein.
Der frühere Chef der amerikanischen Notenbank Alan Greenspan rechnet damit, dass Wertpapiere im Wert von 200 Milliarden Dollar abgeschrieben werden müssen - im besten Fall. Vielleicht aber auch doppelt so viel. Bei welcher Adresse die größten Verluste lauern, darüber lässt sich nur spekulieren. Deshalb zögern die Banken, sich untereinander Geld zu leihen. Wer Cash hat, hortet es lieber, weil er fürchtet, das Geld noch zu brauchen, wenn weitere Investments in Not geraten.
Erstarrter Geldmarkt
Wie ernst die Liquiditätsklemme geworden ist, zeigt der Geldmarkt (vgl. Schnelles Geld für misstrauische Banken; Rekord-Geldmarktzins: Banken fürchten um Liquidität). Der Zinssatz, zu dem sich Banken gegenseitig kurzfristige Kredite gewähren, liegt seit August weit über dem Leitzins. Das gilt für Amerika wie Europa. Es ist sehr ungewöhnlich - und bedrohlich. Die Banken sind vor Schreck wie gelähmt. Verschiedene Zinsschnitte der amerikanischen Notenbank Fed haben nicht geholfen.
An Weihnachten, wenn die Märkte geschlossen sind und die Banken ihre Bilanzen für das Jahresende polieren, ist Liquidität seit jeher ein knappes Gut. In diesem Jahr ist die Lage besonders brenzlig. Das Letzte, was die Währungshüter brauchen können, ist eine Großbank, die an Silvester verzweifelt nach einem Geldgeber sucht. Deshalb haben sich die führenden Zentralbanken zu einer gemeinsamen Aktion entschlossen.
Die Notenbanken der Vereinigten Staaten, des Euro-Raums, Kanadas, Großbritanniens und der Schweiz fluteten Mitte Dezember die Geldmärkte und versorgten leidende Geschäftsbanken großzügig mit 100 Milliarden Dollar. Das Geld wurde im Rahmen koordinierter Auktionen verteilt. Es handelt sich um kurzfristige Kredite - die Banken müssen sie zurückzahlen.
Nach der Hypotheken-, die Kreditkarten- und Verbraucherkreditkrise?
Die Märkte waren hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung, dass das Geld schließlich doch alle erreicht, die es bitter nötig haben, und der Angst, dass der Plan entlarvt, wie beunruhigt die Notenbanker in Wirklichkeit sind. Die Furcht vor einer tiefen Krise scheint nicht unbegründet, hat das Kreditdebakel doch eine erschreckende Eigendynamik entwickelt.
Eigentlich wertvolle Forderungen aus Auto- oder Konsumkrediten, die zu Paketen verschnürt sind, werden plötzlich wertlos. Viele Käufer solcher Wertpapiere sind in einen Streik getreten. Ihre Überlegung: Wenn jemand in Amerika seine Hypothek nicht mehr bezahlen kann, stellt sich die Frage, wie lange er noch seinen Konsumkredit, seine Auto- oder Kreditkartenschulden bedient (vgl. Erfasst die Hypothekenkrise nun die Konsumentenkredite?; Großbritannien: Wohlstand auf Pump). Noch sind diese Dominosteine nicht gefallen. Doch der Markt für verbriefte Forderungen ist nahezu zusammengebrochen. Damit wird klar: Je länger die Krise dauert, desto mehr müssen die Banken abschreiben.
Täppische öffentlich-rechtliche Banken
Die amerikanische Hypothekenkrise hat nicht nur das weltweite Finanzsystem erschüttert. Sie hat auch die Schwäche der öffentlich-rechtlichen Banken in Deutschland entblößt. Die Deutsche Industriebank (IKB) und deutsche Landesbanken, allen voran die Sachsen LB, haben mit riskanten Geschäften am amerikanischen Hypothekenmarkt viel Geld verbrannt (vgl. IKB: 9 Milliarden zum Frühstück; Finanzmarkt-Krise: West LB schwer getroffen; Industriekreditbank: IKB braucht offenbar neue Hilfe; Video: Rettung für Sachsen LB). Gemessen an ihrer Bilanzsumme, ist der Schaden um ein Vielfaches höher als bei privaten Banken.
Seit im Jahr 2005 die Staatshaftung für Landesbanken abgeschafft wurde, konnten sie nicht mehr so leicht billige Kredite vergeben. Neue Ideen waren gefragt: Sie spekulierten mit verpackten Hypothekenkrediten außerhalb ihrer Bilanz. So haben sie in den vergangenen Jahren hohe Erträge erwirtschaftet. Heute sind die Hypotheken nur noch Ramsch.
Mit diesem Problem schlagen sich nicht allein die Landesbanken herum: Auch die großen Geschäftsbanken haben Zweckgesellschaften gegründet, die außerhalb der Bankbilanz möglicherweise faule Kreditforderungen geparkt haben. Die Citigroup will jetzt 49 Milliarden Dollar schwere außerbilanzielle Gesellschaften in die eigenen Bücher nehmen. Es könnte teuer werden - nicht nur für die Bank.
Rezessionsgefahr besteht
Die Konsequenzen der Krise für die Realwirtschaft sind kaum abzusehen. Analysten von UBS schätzen den volkswirtschaftlichen Verlust, der durch die Kreditklemme entsteht, auf 605 Milliarden Dollar. Denn es gibt Berührungspunkte zwischen der Finanzwelt und der realen Welt des Arbeitens, Konsumierens und Produzierens.
Geht es um den amerikanischen Immobilienmarkt, wird unmittelbar klar: Es trifft eine ganze Branche empfindlich, die in den vergangenen Jahren viel zum Wirtschaftswachstum beigetragen hat: den Bau. Härter noch dürfte die Konjunktur treffen, dass die Banken Unternehmern und Verbrauchern weniger Geld leihen. Institute, die am Hypothekenmarkt in Schwierigkeiten geraten sind, haben vielleicht gar nicht mehr die Möglichkeit, ihre Kreditvergabe im gewohnten Umfang weiter zu betreiben.
Zudem wird befürchtet, dass der Einbruch am Immobilienmarkt bald auch die Konsumbereitschaft der Amerikaner dämpft, denn wer Angst hat, sein Haus zu verlieren, oder auch nur sieht, dass es an Wert verliert, gibt weniger Geld für Wäschetrockner und Urlaub aus. Die amerikanische Notenbank senkte ihre Wachstumsprognose für 2008 deutlich von 2,5 auf 1,8 Prozent. Immer mehr Ökonomen sehen gar eine Rezession voraus, darunter auch Alan Greenspan.
Beelzebubs Verheerungen
Es ist schon merkwürdig, dass da einer vor den Folgen einer Krise warnt, an deren Entstehen er nicht ganz unbeteiligt ist. Amerika, behaupten seine Kritiker, leide noch immer unter der gefährlichen Geldpolitik des früheren Notenbankchefs. Nach dem Platzen der Blase am Aktienmarkt hatte Greenspan 2001 bis 2003 die Gefahr einer Deflation bekämpft und die Zinsen auf nur ein Prozent gedrückt.
Diese Minizinsen hätten den Boom und die späteren Exzesse am Immobilienmarkt erst möglich gemacht, sagen Greenspans Gegner. Stattdessen hätte er dem vorangegangenen Exzess am Aktienmarkt etwas mehr Zerstörung gönnen sollen. Greenspan habe den Immobilienboom provoziert und es in Kauf genommen, dass sich die Verbraucher noch stärker verschulden, um eine tiefe Rezession zu vermeiden. Sein Nachfolger Ben Bernanke steht heute vor einem ähnlichen Dilemma.
Risikomanagement auf dem Prüfstand
Auch die Banken müssen unangenehme Fragen beantworten: Was taugen ihre Risikomodelle, wenn sie nur in einem Wohlfühlklima funktionieren, aber eben nicht in außergewöhnlichen Situationen? Es kann nicht sein, dass vermeintlich vorbildliche Banken wie UBS und Citigroup größere Mengen Giftmüll im Keller haben, ohne sich darüber klar zu sein. Auch das Geschäftsmodell steht in Frage: Ist ein Gemischtwarenladen, wie ihn UBS und Citigroup haben, zukunftsfähig? Oder sollten Investmentbank und Vermögensverwaltung nicht besser getrennt werden? Schließlich haben andere Banken die Klippen der Subprime-Krise bislang geschickt umschifft. Goldman Sachs meldete sogar einen Rekordgewinn.
Auf viele Fragen zur Kreditkrise gibt es bis heute keine gültige Antwort. Anleger rechnen besser mit anhaltenden Turbulenzen an den Finanzmärkten im kommenden Jahr.