Konjunktur: Gestern Krise, heute Engpässe
29.09.2010 | 12:56 | Von Erich Ebenkofler (Die Presse)
Nach zwei mageren Jahren freut sich die Fracht- und Speditionsbranche wieder über volle Auftragsbücher. Manche Logistiker warnen bereits vor einer Verknappung von Frachtraumkapazitäten.
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Noch nicht einmal drei Jahre ist es her, dass die Wirtschaft eine Vollbremsung hinlegte und dem Fracht- und Logistikgewerbe einen schweren Geschäftseinbruch bescherte. Die Folge: Zahlreiche Frächter schlitterten in den Konkurs, Eisenbahnunternehmen mussten Teile ihres Wagenparks stilllegen, Reedereien stellten Containerschiffe außer Dienst. Doch nun scheint sich das Blatt ebenso abrupt zu wenden: Die deutsche Spedition Zufall etwa appellierte bereits Anfang April in einer Aussendung an ihre Kunden, sich bei Terminsendungen im Stückgutverkehr frühzeitig entsprechende Kapazitäten zu sichern. Man stehe vor einer extremen Verknappung von Transportraum auf deutschen und europäischen Relationen.
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Engpässe vor Weihnachten
Ähnliche Signale kommen nun auch aus Österreich. Schenker-&-Co-Vorstandsvorsitzender Elmar Wieland verzeichnete schon zu Sommeranfang voll ausgelastete Landverkehre nach Rumänien, Frankreich oder Spanien und befürchtet eine Verschärfung in den kommenden Monaten: „Spätestens im Vorfeld des Weihnachtsgeschäftes rechnen wir mit zunehmenden Engpässen bei der Verfügbarkeit von freiem Frachtraum“, so Wieland. „2009 war ein Jahr der Restrukturierung, in dem krisenbedingt Kapazitäten heruntergefahren wurden. Das hat im Zuge der gegenwärtigen Konjunkturerholung punktuell eine Verknappung von Laderaum zur Folge“, bestätigt auch Wolfgang Niessner, Vorstandsvorsitzender von Gebrüder Weiss. Untermauert wird diese Einschätzung durch aktuelle Zahlen aus Deutschland. Dort verzeichnet der Kapazitätsindex des Transport Market Monitors (TMM) für das zweite Quartal 2010 einen Rückgang um immerhin 44 Prozent. Der Index gilt als Indikator für verfügbare Transportkapazität. Auch im deutschen Bundesverkehrsministerium geht man von einer Erholung des Güterverkehrs aus. Entsprechende Prognosen erwarten für das heurige Jahr eine Zunahme des Straßengüterverkehrs im Ausmaß von sechs Prozent, im Schienengüterverkehr soll das Aufkommen um mehr als elf Prozent wachsen, bei der Luftfracht sogar um 19 Prozent.
Entsprechende Prognosen für Österreich gibt es (noch) nicht, durch die enge Verzahnung mit der deutschen Wirtschaft darf man allerdings davon ausgehen, dass sich der Zuwachs in ähnlichem Rahmen bewegen dürfte.
Mit der steigenden Nachfrage steigen auch die Preise: Laut TMM haben sich die Transportpreise im zweiten Quartal 2010 um 13,5 Prozent verteuert und liegen damit erstmals wieder auf dem Niveau des ersten Halbjahres 2008. Wobei nicht alle Verkehrsträger und Relationen gleich betroffen sind. Besonders stark angezogen haben die Preise bei den Destinationen von und nach Übersee und Asien. Beim Export nach China etwa haben sich die Seefrachtraten (Container) laut Angaben von Schenker seit dem Höhepunkt der Krise 2009 bis zum Frühjahr 2010 sogar verdoppelt und damit beinahe schon wieder das Vorkrisenniveau von Anfang 2008 erreicht. Für die USA nennt Schenker ähnliche Werte.
Volatilität des Geschäfts
Nachdem die Luftfrachtpreise zwischen 2008 und 2009 um 44 Prozent eingebrochen waren, haben einige Airlines im Frühjahr angekündigt, im Laufe des Jahres ihre Frachtraten weltweit um 20 Cent pro Kilo anzuheben. Schenker rechnet für heuer im Vergleich zum Vorjahr im Export in die USA und nach Asien in diesem Bereich mit Preissteigerungen von rund 31 Prozent.
Andere Experten tun sich schwerer bei der Nennung von Zahlen. Roland Schäffner, geschäftsführender Gesellschafter vons Ontime Logistics, etwa beklagt die zunehmende Volatilität des Geschäftes: „Während früher die Frachtpreise über einen längeren Zeitraum stabil waren, kommt es seit dem Frühjahr teilweise schon fast wöchentlich zu Preisanpassungen.“ Noch mehr betroffen ist das auf zeitsensible Lieferungen spezialisierte Unternehmen aber durch die grundsätzliche Verknappung des Frachtraums: „Erst kürzlich hatten wir einen größeren Auftrag aus der Medienbranche für das südafrikanische Johannesburg. Erst nach intensiver Suche und nur dank unserer guten Kontakte zu einigen Luftfracht-Carriern konnten wir die 6000-kg-Ladung schließlich zeitgerecht unterbringen“, berichtet Schäffner aus der Praxis.
Kaum Auftragsgarantien
Einen weiteren Grund für Frachtraum-Engpässe ortet Harald Bollmann, Präsident des Zentralverbandes Spedition & Logistik, in der Verunsicherung der Speditionskunden: „Da sie der wirtschaftlichen Erholung noch nicht trauen, geben sie derzeit keine längerfristigen Auftragsgarantien. Das erschwert den Transportunternehmen entsprechende Kapazitätsplanungen.“ Grundsätzlich sei die Stimmung in der Branche jedoch relativ gut: „Auch wenn die Unternehmen in den letzten Krisenjahren Federn lassen mussten, konnten sie sich doch recht passabel behaupten. Wenn man sich unter den Verkehrsträgern so umhört, hat man den Eindruck, die Wirtschaft sei über den Berg.“