Anders als im Beitrag Brexit - eine Analyse muss man für die Folgen, die jetzt eintreten werden viel weiter ausholen als bisher erwähnt. Die Umkehrung des bisher von mir erwähnten Beitritts wird für die Beurteilung der Folgen nicht ausreichen.
Natürlich wird es wirtschaftliche und finanzpolitische Auswirkungen haben. Aber man muss wissen, dass ein echter Austritt frühestens nach Ablauf von zwei Jahren nach Schluss des Jahres erfolgen kann, in dem die Austrittserklärung in Brüssel abgegeben wird. Das ist momentan frühestens am 1.1.2018 der Fall. Bis dahin gäbe es eine Übergangsfrist, in der die EU und England vereinbaren können, dass Veränderungen (z.B. Zölle) vereinbart werden und zwar in allen Parametern (Höhe,Laufzeit,Zeitpunkte, Fristen,Geltungsbereiche und, und, und).
Nach dem Ablauf der Übergangsfrist würden die Neuregelungen entsprechend mit ihren Faktoren gelten. Einseitige Neuregelungen wären ohne Übergangsfrist gar nicht möglich. Wenn also EU und England nichts zur Einführung von Zöllen vereinbaren, würden nach Ablauf der Übergangsfrist auch keine eingeführt. (könnten aber später eingeführt werden, wenn die dafür parlamentarischen Erfordernissse vorliegen). Welche Regelungen überhaupt getroffen werden, ist jetzt nicht bekannt.
Allerdings verzeiht es keine Wirtschaft, weder die englische noch die europäische, wenn Eingriffe in oder gegen sie vorgenommen werden. Also wird man von da aus sehr vorsichtig vorgehen. Nur ist jetzt schon klar erkennbar, dass der Börsensitz der Frakfurter Börse nicht nach England wechseln wird.
Aber die Wirtschaft ist nur der weitaus kleinere Teil der Folgen.
Betrachtet man das Abstmmungsergebnis so fällt einem auf, dass die einzelnen Landesteile Großbritanniens zutiefst nach regionalen Interessen abgestimmt haben. Daran erkennt man die historisch-traditionelle Zerstrittenheit der Engländer - oh Verzeihung der Briten, denn die Engländer sind ja nur ein Teil davon.
Problematisch sind nicht die Waliser, die mehrheitlich englisch ausgerichtet sind. Dagegen sind die Nordiren und vor allem die Schotten separatistischer ausgerichtet. Das gerade abgehaltene Unabhängigkeitsvotum der Schotten ist noch in guter Erinnerung. Und genau da beginnen die eigentlichen Probleme des Brexit. Es ist in höchtem Maße ein innerbritisches Problem, das die staatliche Einheit extrem gefährdet.
Schon heute hat die Sinn Fein öffentlich die Forderung nach einer Volksabstimmung über den Verbleib in Britannien erhoben. Wie sich die Zeiten ändern. Zur Zeit meines Irlandbesuches würde heute Londonderry brennen. Sollte die IRA nicht nur die Waffen niedergelegt haben sondern auch politische Taktik erworben haben, so reicht es in Nordirland völlig aus nur einmal die richtige Frage an die richtige Adresse(n) zu richten. Die Frage wäre an die anderen Parteien in Nordirland zu richten und lautet : "Wieviele eurer Wähler haben für einen Verbleib in der EU auch ohne England gestimmt ?"
Diese Frage würden sich die Schotten selbst stellen. Und beides wäre das politische Feuer mit dem Cameron wirklich gespielt hat. Jede rein wirtschaftliche Problematik könnte man regeln, aber die politische Einheit Britanniens nicht. Das geht nur mit oder gegen die Bevölkerung und die ist in Nordirland und Schottland in ganz weiten Teilen englandfeindlich eingestellt.
Neu wäre in dieser Lage, dass die IRA einen Schulterschluß mit den europafreundlichen Protestanten unternehmen könnte und beide zusammen eine Anschlußpolitik/Abstimmung zur Vereinigung mit irland beginnen würden. Das wäre mehr als nur eine regionale Abstimmung. Hier kommt ein ganz anderer Faktor zum Tragen, der bisher weder von Engländern noch Europäern beachtet worden wäre.
Nordirland ist das (ein) Armenhaus Britanniens. Ein großer Teil der Gelder, die London von Brüssel zurückerstattet bekommt, fließt als Wirtschaftsförderung nach Nordirland. Das fällt jetzt weg, weil Brüssel für die Rückerstattung ein Mitspracherecht hatte, welches nach dem Brexit der englischen Zentralregierung zustehen würde Subventionen frei selbst zu verwalten.
Ein Austritt Nordirlands aus Britannien und ein Anschluss an Irland würde aber der Wechsel von einem Geberland zu einem Nehmerland bedeuten, das jetzt direkt aus Brüssel auch wieder die Förderung Nordirlands bekommen würde (sogar noch mehr als über den Umweg der Rückzahlung an London). Somit wäre Nordirland für die Briten noch zu verkraften und eigentlich relativ günstig. Nur ist das mit Schottland und seinen Norseeölfeldern nicht der Fall.
Egal wie sich die Schotten von England lösen würden (selbständig/nach Irland(!)/nach Dänemark(?)/oder sogar nach Deutschland, wo nicht nur die beste Gerste für ihren Single Malt herkommt, sondern auch 2014 der beste Single Malt der Welt herstammt), sie würden immer das Nordseeeöl mitnehmen, das dann den Briten als Einnahmequelle selbst bei niedrigen Preisen fehlen würde.
Hatten die Schotten bei der letzten Abstimmung noch nicht die nötige Mehrheit, so wird sich diese Niederlage nicht noch einmal wiederholen. Aber dann hätte England Probleme, die nicht vom Brexit herrühren.
(Meine Lösung wäre, den Sonderstatus von Helgoland auch auf Schottland zu erweitern. Das würde die Zugehörigkeit der Schotten sowohl zu Deutschland als auch zu Europa und ihre eigene Souveränität beinhalten. Da Helgoland auch schon mal Britisch war, würde eine gewisse Affinität vorhanden sein, zumal diese Insel räumlich sowieso schon der Nachbar der Schotten ist. Dann würde für mich auch ein neuerlicher Besuch auf Helgoland den nächsten "zollfreien Einkauf" - welch Ironie - einbringen.)
Obendrein wären die Schotten ein Geberland für die EU.
Und sie würden es Brüssel viel lieber geben als London !
Der Chartlord