Seit dem letzten Erscheinen des SIW legten die Aktienmärkte weiter zu, am Beispiel des DAX etwa 2,5%. Bis gestern war das Plus auch schon mal deutlich höher, aber der heutige schwache Tag hat dann doch die eine oder andere Überhitzung wieder abkühlen lassen.
Vorsicht in 2007
Wie wir an dieser Stelle immer wieder betonen, ist das Jahr 2007 unter zyklischen Gesichtspunkten mit Vorsicht zu genießen. Ende April startete eine heftige Korrektur, welche wir fälschlicherweise bereits als Beginn einer ausgeprägteren Baisse deuteten. Die seitherige Erholung ist äußerst massiv und daher müssen wir unser Ursprungsszenario verwerfen. Allerdings bedeutet dies nicht, dass im zweiten Halbjahr nicht eine dramatische Korrektur anstehen könnte, vielleicht gar ein Crash. Die Frage ist allerdings: Von welchem Niveau aus? Und wann?
Technisch gesehen
So steil wie sich der letzte Kursanstieg an den Märkten präsentierte, sollten wir nicht davon ausgehen, dass sich schon in den kommenden Wochen ein sehr dramatisches Szenario entfalten wird. Eher schon könnte sich nun eine Art Top-Bildung entfalten, welche jedoch noch einige Zeit in Anspruch nehmen und durchaus auch noch höhere Kurse bringen dürfte. Oder mathematischer ausgedrückt: Die Kurse könnten in den nächsten Wochen zwar per Saldo weiter steigen, aber mit nachlassendem Momentum. Je schneller und weiter die Kurse nun laufen, desto dramatischer sollte eine nachfolgende Korrektur ausfallen. Insofern gilt es also weiter vorsichtig zu sein, aber die Chancen nicht vollständig an sich vorüber ziehen lassen. Wir setzen dies beispielhaft in unserem Musterdepot so um, dass die Investitionsquote mit ca. 65% deutlich unter der Voll-Investierung liegt. Weiterhin würden wir bei Gefahr in Verzug unsere kleine Put-Position weiter verstärken wollen. Dazu ist es unserer Meinung nach aber noch zu früh.
Im DAX-Chart sehen wir ganz rechts eine bearishe schwarze Kerze, welche für den heutigen abwärtsgerichteten Tag steht und durch welche der Aufwärtstrend gebrochen wurde. Warum wir bislang dennoch keine akute größere Gefahr sehen, liegt an dem Umstand, dass der Trend sehr steil ist und daher die Aussage dieses Trendbruches unseres Erachtens nicht überbewertet werden sollte. Dafür spricht auch die Tatsache, dass die Marktstruktur recht intakt erscheint; beispielsweise befinden sich viele Aktienindizes in der Nähe ihrer Höchstkurse. Wie gesagt: Vorsicht ist angebracht, aber für eine akute Gefahr fehlen einfach noch die ganz konkreten Signale.
FrankreichDer Ausgang der Präsidentschaftswahlen in Frankreich passt irgendwie ins Bild. Erst im aktuellen Magazin (5/2007) hatte ich in meinem Editorial (S. 3) darauf hingewiesen, dass Frankreich wirtschaftlich gesehen Deutschland hinterher hinkt, und dies insbesondere an den bisher nicht angegangenen Reformen liegt. Nun meinte ich natürlich nicht damit, dass die Reformen hierzulande genügen bzw. immer in die richtige Richtung gehen, aber immerhin tut sich bei uns in den letzten Jahren einiges. Und wissen Sie warum? Weil der Markt - oder nennen wir es die Globalisierung - gehörigen Druck ausübt; Druck auf Preise, auf Lohngefüge, auf Wirtschaftstrukturen usw. Und wer sich diesem Druck nicht beugt, der wird dies büßen müssen. Davon können wir Deutschen ein Lied singen, und die Franzosen auch. Und deshalb kam es vermutlich auch zum Wahlgewinn durch Sarkozy, weil er aus Sicht der Franzosen mehr für "Marktorientierung" steht als Madame Royal.
Nun will ich damit nicht sagen, dass nun alles besser wird. Aber wer sich im Gefüge einer globalisierten Welt behaupten will, der muss sich den "Gesetzmäßigkeiten" beugen. Wenn er dies weniger entschieden tut wie z.B. die Deutschen lange Zeit, die Franzosen bisher oder die Italiener noch immer, der wird die Auswirkungen dessen spüren, in Form steigender Arbeitslosenzahlen, zunehmender Bankrottzahlen usw.
Wie gesagt, es geht bei dieser Diskussion gar nicht darum, dass nun paradiesische Zeiten anstehen, aber ein Anziehen der Konjunktur während der kommenden Jahre, so wie wir es bei uns gerade erleben, dürfte in den kommenden Jahren sicherlich die Folge sein. Und das wird auch das "Futter" sein für den Aktien-Bullenmarkt der kommenden Jahre - ein schwaches Halbjahr 2007 wäre dementsprechend nur als Korrektur im intakten Bullenmarkt zu sehen. Dass dabei langfristig einige unschöne Nebenwirkungen drohen wie z.B. Inflation, steht außer Frage. Letztere wird übrigens im kommenden Heft ausführlich besprochen werden, und in Verbindung damit auch einige ganze Reihe von Metallen.
Fazit
Wir halten es nach wie vor für angebracht, im Moment nicht voll investiert zu sein. Akute Gefahren sehen wir trotz des heutigen Kursrückgangs zwar noch nicht. Aber es gilt, die Augen offen zu halten nach konkreten Warnsignalen.
Ralf Flierl
Servus, J.B.