Wirtschaft meldet Pleitenrekord / Deutschland steckt in der Rezession
Gesamtwirtschaftliche Leistung geht weiter zurück / Konjunkturflaute sorgt für Pleitenrekord / Regierung hofft auf Erholung im nächsten Jahr
dpa, Reuters
BERLIN, 22. November. Die deutsche Wirtschaft steckt in einer Rezession. Im dritten Quartal dieses Jahres war die gesamtwirtschaftliche Leistung gegenüber den drei vorangegangenen Monaten rückläufig. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ging um 0,1 Prozent zurück. Dies teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden mit. Der jährliche Zuwachs war der geringste seit Anfang 1997. Damals betrug der Zuwachs lediglich 0,1 Prozent. Für das letzte Vierteljahr erwarten Konjunkturexperten einen erneuten Rückgang.
Die wirtschaftliche Talfahrt sorgt in Deutschland auch für einen Pleiterekord. So würden in diesem Jahr mehr als 33 000 Unternehmen Insolvenz anmelden - und damit 17 Prozent mehr als im Vorjahr, teilte der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen in Berlin mit. In Folge dessen würden mehr als eine halbe Million Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren. Allein im Handwerk gingen in diesem Jahr konjunkturbedingt 200 000 Stellen verloren, sagte der Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZBH), Hanns-Eberhard Schleyer. "Damit sinkt die Zahl der Beschäftigten im Handwerk von 6,5 Millionen 1996 um fast eine Million auf 5,6 Millionen in diesem Jahr." Die Aussichten seien düster. 23 Prozent der Betriebe im Westen und 30 Prozent im Osten Deutschlands wollten sich in den Wintermonaten von Personal trennen.
Die Bundesregierung räumte ein, dass die Risiken für die Konjunkturentwicklung größer geworden seien. Die aktuelle Konjunkturschwäche könne jedoch bald überwunden werden. Im nächsten Jahr würden die Auftriebskräfte wieder die Oberhand gewinnen, erklärte das Finanzministerium. Die wirtschaftlichen Fundamentalfaktoren seien wegen niedriger Zinsen und moderater Lohnentwicklung günstig. Bundeskanzler Schröder appellierte auf dem Parteitag der SPD an die Unternehmen, Entlassungen möglichst zu vermeiden. Die Firmen dürften die derzeitige kritische wirtschaftliche Situation nicht durch Massenentlassungen verschlechtern, sondern sollten mit intelligenten Arbeitszeitmodellen ihre Belegschaft sichern. Bundeswirtschaftsminister Werner Müller zeigte sich enttäuscht. "Von einer Rezession würde ich nicht reden", sagte der parteilose Politiker. Bezogen auf die Vorjahresdaten, gebe es zwar immer noch Wachstum. Dessen Ausmaß sei für eine Industrienation wie Deutschland aber zu gering.
Nach Angaben der Statistiker haben insbesondere die Krise am Bau und der Einbruch bei den Investitionen die wirtschaftliche Dynamik seit Jahresbeginn zum Stillstand gebracht. Ein noch deutlicherer Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Leistung wurde durch die noch relativ stabilen Exporte verhindert. Schon im zweiten Quartal war die wirtschaftliche Leistung minimal geringer war als in den drei vorangegangenen Monaten. Nach gängiger Definition herrscht Rezession, wenn das BIP in zwei aufeinander folgenden Quartalen sinkt.
Unterdessen ist die Inflation Prognosen zufolge im November unter zwei Prozent gefallen. Dennoch ließ die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen auf ihrer Sitzung am Donnerstag unverändert bei 3,25 Prozent. (dpa, Reuters)